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Trauer um Paul Virilio

Der französische Kultur- und Gesellschaftskritiker verstarb am 10. September 2018 in seiner Heimatstadt Paris im Alter von 86 Jahren.

 

Text: Julian Bruns – 20.9.2018
Foto: Ulf Andersen © Getty Images

 

Paul Virilio wurde 1932 in Paris geboren und war Autor zahlreicher theoretischer und kulturgeschichtlicher Schriften. Er arbeitete aber auch als Architekt und Städtebauer. So gründete er 1963 mit Claude Parent die Arbeitsgemeinschaft Architecture Principe sowie die gleichnamige Zeitschrift. Ab 1969 lehrte er an der École Spéciale d’Architecture in Paris, wo er ab 1973 auch als Studiendirektor tätig war. 

Als sein Hauptwerk gelten jedoch seine philospohischen Arbeiten. Hier ist vor allem die Entwicklung der Dromologie hervorzuheben. In einer seiner ersten Schriften Geschwindigkeit und Politik. Ein Essay zur Dromologie (1977) erkannte er die Geschwindigkeit als entscheidenden und gesellschaftsprägenden Faktor. Politische Ereignisse oder geschichtliche Epochen werden von ihm als Geschwindigkeitsverhältnisse gelesen, von denen insbesondere die Reichen und Machthabenden profitieren.
Darauf aufbauend wurde Rasender Stillstand (1990) zu einem weiteren Klassiker der Medien- und Fortschrittskritik. Virilio macht darin ein Paradoxon unserer Zeit aus: Die rasante Entwicklung immer effizienterer Verkehrs- und Transportmittel sowie leistungsstarker und in Echtzeit kommunizierender Computersysteme schädigen die Gesellschaft nachhaltig. Beispielsweise führt die Kommunikation über immer mehr Kanäle nicht zu einer besseren Erreichbarkeit oder die steigende Mobilität in Form von zusätzlichen Autos eher zu Stau, als zu einer schnelleren Fortbewegung. 

Als Sohn eines aus dem faschistischen Italien geflohenen Kommunisten und als Zeuge der Bombardierung von Nantes durch die Alliierten 1943 sah er sich selbst als «Kind des totalen Krieges». Mitte der 1950er-Jahre leistete er seinen Militärdienst als Kartograf in Freiburg und im Algerienkrieg. Diese Erfahrungen und globale Ereignisse wie der Golf- und der Kosovo-Krieg sowie die Attacke auf das WTC in New York am 11. September 2001 wirkten sich prägend auf sein Werk aus. In Bunker Archäologie (1975) untersucht und dokumentiert er in Form von Texten und Fotografien die architektonischen Überreste des deutschen Atlantikwalls. In dem späteren Essay Information und Apokalypse (1998) sah der gelernte Glasmaler bereits globale Konflikte aufgrund von in Echtzeit übertragenen (Falsch-) Informationen voraus. «Information ist eine Bombe» – damit verband Virilio die Geschwindigkeitskritik mit der realen Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen. Trotz dieser Warnungen kann die «Logistik der Wahrnehmung» und dessen Wirkung als strategisches Mittel rund 20 Jahre später nur allzu gut beobachtet werden.

 

Ein spielerischer Streifzug durch die postmoderne Philospohie: Peter Volgger sucht in archithese 3.2016 Postmoderne – neu gelesen Schnittstellen zur Architektur.

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