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Partizipation ästhetisiert

raumlabors Saunaturm im Freihafen von Göteborg

 

Text: Elias Baumgarten – 8.12.2015
Fotos: raumlabor Berlin

 

Ein Steg, dessen Geländer grossflächige Korrosionsspuren aufweist, verbindet den preisgekrönten Saunaturm von Francesco Apuzzo und Jan Liesegang im Freihafen von Göteborg mit dem Festland. Auf einer künstliche Insel aus Beton mit in alle Richtungen schräggestellten Pfählen als Fundament positioniert und in ein Kleid aus Wellblechen mit Patina und Rostspuren gehüllt, weckt der Turm mit aussenliegender Treppe aus ebenso von Verwitterung gezeichneten I-Profilen zweierlei Assoziationen: Zum einen gibt er vor, Umnutzung eines dem Verfall preisgegebenen Industrieobjekts zu sein, zum anderen suggerieren Form und Materialität Improvisation, Eigeninitiative und Spontanität. Die aufsehenerregende Architektur sieht nicht nur aus als sei sie ein Überbleibsel industrieller Vergangenheit und interagiert mit den alten Hafenanlagen um sie herum, sondern lässt auch an eine Favela-Hütte denken.

Die Ästhetisierung von Verfall, informellem Bauen und Extempore kommt nicht von ungefähr, schliesslich ist das Gebäude ein Pionier: Bis 2021 sollen auf dem ehemaligen Industrieareal 1000 neue Wohnungen, drei Vorschulen, eine Schule, ein Hotel und ein grosser Quartierspark entstehen. Das Saunagebäude ist eine Demoversion für die paritzipative Entwicklung des gesamten Projekts und besonders der Parkanlage – raumlabor wurde nicht nur wegen des spektakulären Entwurfs an sich, sondern besonders auch wegen seiner Expertise auf dem Gebiet partizipativer, dynamischer Planungsprozesse und temporärer Interventionen hinzugezogen, die das Architektenkooperativ «Aktivierung durch Gebrauch» nennt. Die Schwedischen Auftraggeber möchten die Bewohner intensiv an der künftigen Quartiersentwicklung beteiligen. Und Francesco Apuzzos und Jan Liesegangs Sauna kommuniziert eingänglich, dass es sich die um spontane Massnahme der Anwohner im Spannungsfeld einer stillgelegten, verfallenden Industrieaquartiers handelt. Der mit dem SVAG Architekturpreis 2014 ausgezeichnete und für weitere Preise nominierte Turm in seinem Wellblechgewand, trotz der Anmutung von Improvisation offensichtlich sorgsam durchdesignt, macht unmittelbar klar, dass es sich um Architektur unter dem Motto «building together» handelt.

Was angesichts dieses Objekts offen bleibt, ist die Frage, ob eine solch deutliche Markierung partizipativer Architektur durch Form und Material, obschon sie eine beeindruckendes Gebäude hervorbringt, notwendig ist? Es bleibt zu diskutieren, inwiefern die Ästhetisierung informellen Bauens, von Umnutzung und Verfall nicht vor allem der Konstruktion eines Lifestyles Vorschub leistet und somit die guten Intentionen hinter der Beteiligung der Nutzer an der Planung konterkarieren?

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