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Modellfall Songyang

Seit 2014 ist die Architektin Xu Tiantian im ländlichen chinesischen Bezirk Songyang tätig. Ihre dortigen Interventionen gelten der Wiederbelebung einer lokalen Ökonomie, dem Bewahren historischer Bausubstanz und der Stärkung des Tourismus. Entstanden ist eine grosse Anzahl von eigentlich bescheidenen Projekten, die aber auch ästhetisch von hoher Suggestionskraft sind. Das Buch The Songyang Story gibt einen bildkräftigen Überblick und versucht eine erste Zwischenbilanz.

 

Text: Hubertus Adam – 6. Januar 2021
Fotos: Wang Ziling

 

Perspektivwechsel
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, Tendenz steigend. Dass dies nicht nur für die Zentren, sondern auch für das Land ein Problem darstellt, findet gemeinhin weniger Aufmerksamkeit – nicht zuletzt wohl aufgrund der Tatsache, dass die Theoriebildung im urbanen Kontext erfolgt. Immerhin mehren sich seit geraumer Zeit die Studien, die sich den Herausforderungen im ruralen Raum widmen und nicht nur den Metropolen oder den als Zwischenstadt, Sprawl oder Suburbia apostrophierten Zonen dazwischen.
Auch die Wahrnehmung des Baugeschehens in China konzentriert sich nicht mehr nur auf die wuchernden Mega-Metropolen; zahlreicher werden die international zirkulierenden Beispiele für architektonisch ausgefeilte Interventionen im dörflichen Kontext. Dazu zählen vor allem die diversen Projekte von Xu Tiantian, der Leiterin des in Beijing ansässigen Büros DnA (Design and Architecture), für den Bezirk Songjyang. Das 1406 Quadratkilometer grosse Gebiet mit seinen 460 Dörfern ist von der südchinesichen Metropole Hangzhou aus in drei Stunden zu erreichen. 2014 kam Xu erstmals in die Region, seitdem hat sie eine grosse Anzahl von Projekten umsetzen können, die sie als «Akupunkturen» bezeichnet. Dabei handelt es sich um Aussichtsplattformen, Besucherzentren, sanft renovierte historische Bauten, ländliche Produktionszentren oder Museen. Das Bamboo Theatre ist ein aus miteinander verflochtenen Bambusstämmen bestehender Kuppelraum mitten in der Landschaft; die Brown Sugar Factory eine minimalistisch erscheinende Stahlstruktur, in der Zuckerrohr in dampfenden Kesseln verarbeitet wird. Vor den Augen der Besucher*innen – die Produktionsstätte ist gleichzeitig Showroom – wird der Zucker von einer dörflichen Kooperative erzeugt und nicht mehr wie bislang in Heimarbeit. Damit können die veränderten Hygienestandards eingehalten werden, und zugleich kann mit dem nachhaltig und regional erzeugten Endprodukt ein höherer Preis erzielt werden, was die Ökonomie vor Ort stärkt.

 

Nicht nur Bilderbuch
Durch die vom Aedes Architecture Forum Berlin veranstaltete Ausstellung Rural Moves – The Songyang Story, die später ans AzW weiterwanderte, wurden die Bauten aus dem chinesischen Hinterland im Frühjahr 2018 bekannt; im Sommer des gleichen Jahres hatten sie auch auf der Architekturbiennale Venedig ihren Auftritt. Nun ist nach dem kleinformatigen Aedes-Katalog von 2018 eine umfangreiche Publikation bei Park Books erschienen, die mit ihrem Format von 30 x 30cm ganz- und doppelseitigen Fotos von 16 ausgewählten Bauten (Fotograf: Wang Ziling) viel Platz einräumt. Grosse randabfallende Panoramaaufnahmen am Anfang und Ende vermitteln überdies einen Eindruck von der Landschaft mit ihren bewaldeten Wäldern, dem Talkessel und den Teeplantagen – was um so wichtiger ist, als es westlichen Besucher*innen kaum möglich ist, Songyang individuell zu bereisen
The Songyang Story ist aber nicht nur Bilderbuch, sondern auch eine Art Zwischenbilanz der architektonischen und ökonomischen Entwicklungen in der Provinz. Texte von Martino Stierli und Saskia Sassen versuchen eine Einordnung aus Distanz, doch erhellender sind die Beiträge des ausgewiesenen China-Kenners und Aedes-Beraters Eduard Kögel sowie die von Xu Tiantian und von Wang Jun, dem Bezirkssekretär der KPCh. Ohne Wang gäbe es keine Songyang Story: Das Beispiel zeigt, wie Veränderungen auch in China von der Initiative Einzelner abhängig sind. Sein Buchbeitrag Rural Revitalisation liest sich wie ein programmatischer Katalog für eine nachhaltige und langfristige Entwicklung ländlicher Regionen und überzeugt durch seine ebenso entschiedene wie sensible, weil der Tabula-rasa-Mentalität Chinas entgegengesetzte Haltung. Offenkundig stösst das Vorgehen in Songyang auch in Kreisen der Zentralregierung auf Interesse, und 2019 wurde eine Kooperation mit UN Habitat vereinbart.

 

Und in Zukunft?
Ende 2018 hatte ich die Gelegenheit, Songyang anlässlich der dort stattfindenden Konferenz Culture and Architecture as Drivers for Rural Development zu besuchen. Xu Tiantians Bauten sind grossartig – und die Strategie, traditionelles Handwerk wiederzubeleben, lokale Wirtschaftsformen zu bewahren und den Tourismus zu stärken, ist faszinierend und vielversprechend zugleich. Aus Schweizer Perspektive fühlt man sich an das Vorgehen von Gion Caminada in Vrin erinnert, auch wenn Vergleiche bekanntlich immer hinken und Songyang ein Fünftel der Fläche von ganz Graubünden misst. Bislang vorliegende Zahlen ermutigen: Die Einnahmen aus dem Tourismus haben sich zwischen 2014 und 2018 verfünffacht, ausserdem sind 6000 Personen, die Songyang verlassen hatten, in ihre Heimat zurückgekehrt. Doch zurecht merkt Eduard Kögel in seinem abschliessenden Essay, in dem auch einige der jüngst realisierten und geplanten Projekte gestreift werden, kritisch an, dass Songyang innerhalb von Chinas ländlichen Regionen einen Sonderfall darstellt: Es besitzt aufgrund seiner attraktiven Landesnatur und seiner im Kern noch bestehenden traditionellen Bausubstanz ohnehin touristisches Potenzial – und ist für die Bewohner der nahen Millionenmetropolen vergleichsweise gut zu erreichen. Damit droht natürlich auch die Gefahr des overtourism, der anderswo Dörfer in touristenkompatible Themenparks verwandelt. Und es stellt sich die Frage, was geschieht, wenn Wang Jun Songyang demnächst verlässt. Die bisherige Entwicklung zeigt, dass lokalen Behörden die Anregung der Bezirksverwaltung aufgegriffen und ihre eigenen Projekte angestossen haben. Aber gelingt es zukünftig, die Initiativen zu verstetigen, gelingt es, sie auf neue Sektoren wie Bildungswesen oder Landwirtschaft auszudehnen? Ich zumindest bin äusserst gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte – und freue mich schon jetzt auf den nächsten Band der Songyang Story, der aufgrund der vielen im Bau befindlichen Projekte und der chinatypischen Geschwindigkeit bei der Umsetzung nicht lange auf sich warten lassen dürfte…

 

> archithese hat immer wieder nach China geblickt, so im Heft 6.2004 Bauen in China.

> Ein Aufsatz über Organische Dezentralisation von Eduard Kögel findet sich auch in der Ausgabe 4.2008 Peking 2008 und Shanghai.

> Der Gegensatz zu den bescheidenen Bauten am Land wird in den grossen Bauten der asiatischen Moderne klar. Über diese berichtete Anne-Dorothée Herbort.

Unsere Empfehlung

archithese 4.2008

Peking 2008 + Shanghai


Unsere Empfehlung

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archithese 21+22.1978

«Dorf»


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