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Mehr Fantasie!

 

Alex Lehnerer präsentierte in seiner Einführungsvorlesung «Die Stadt als kritisches Projekt der Architektur» sein didaktisches Konzept für seine Arbeit als Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich. Sein Vortrag war ein Plädoyer für Unbefangenheit und mehr Freiheit, oder mehr «Fantasie» – wie es die Vorsteherin des Departementes Architektur Annette Spiro in ihrer Einführung nannte. Das mag nach einem unbedarftem «everything goes» klingen, doch fordert Lehnerer zugleich Architektur als Medium zu nutzen, um kritische Fragen zu stellen.

 

Text: Elias Baumgarten – 3.5.2016
Foto: Jørg Himmelreich

 

Unbefangenheit
Alex Lehnerers Vortrag war ein Plädoyer für Freiheit und Individualität. Die junge Generation von Architektinnen und Architekten gehe unbefangener mit dem gesamten architekturhistorischen Erbe um, meint Lehnerer erfreut. Mit «junger Generation» meint er auch sich selber. Er zeigt dies am Beispiel des Deutschen Biennale Beitrages aus dem Jahr 2014, den er mit seinem Büropartner Savvas Ciriacidis kuratiert hat. Er nimmt sich die Freiheit den reduzierten Neoklassizismus des Dritten Reichs genauso architektonische zu verarbeiten, wie den Bonner Kanzlerpavillon von Sep Ruf und hat beide zu einer spannungsreichen Ausstellung miteinander verschnitten. Für Annett Spiro ist dieser unbefangene Zugang ein geeigneter Ansatz, um an den architektonischen und städtebaulichen Probleme unserer Zeit zu begegnen, für die es noch eine Strategien gäbe.

 

Architektur als Medium der Kritik
Annette Spiro zeigte in ihrer Einführung Lehnerers Installation einer Viehsperre in der ETH Zürich auf dem Hönggerberg. Dieses scheinbar banale Artefakt macht Lehnerers architektonische Haltung deutlich, weil es zeigt, wie ein Objekt als «stiller Widerstand» zum Medium der Kritik werden kann – in diesem Fall der Kritik an Zaun und Abgrenzung. Für Lehnerer bietet Architektur die Möglichkeit gesellschaftlich relevante Kritik zu äussern und von Zeit zu Zeit auch subversiv zu sein. Und die Hochschule ist ihm das ideale Trainingsgelände für diese Operation.

 

Die Krise des Objekts
Das Interesse am architektonischen Objekt zieht sich wie ein roter Faden durch Lehnerers Arbeit als Entwerfer und Lehrer. Er unterscheidet dabei in Bezugnahme auf Peter Eisenman zwischen «Repräsentationsfiguren» und «rhetorischen Figuren». Erste Gruppe umfasst Objekte vom Schlag der Venturi’schen «Ente», die lärmend durch ihre Form ihr Programm kundtun. «Rhetorische Figuren» sind für ihn dagegen exzentrische architektonische Charaktere, die bekannt erscheinen und doch nicht benennbar sind.
Lehnerer verwies auf das Semesterthema seines Entwurfsstudio «Bei der Arbeit» im Herbst 2015, in dem die Studierenden ausgehend von aus Romanen entlehnten Geschichten «architektonische Charaktere» als Sprechakte über das Programm gestaltet haben. Entstanden sind schillernde architektonische Figuren, die hoch spezifisch wirken, sich jedoch über einen konkreten Nutzer hinaus emanzipieren. Die Studierenden sollen durch diese Übung das kommunikative Potenzial der Architektur entdecken, statt «stille Geometrien» (Tafuri) zu entwerfen. Zu welcher Stadt das Nebeneinander solcher exzentrischer Figuren führen würde, blieb dabei jedoch offen.

 

Platz für Experimente
Mag die eine oder der andere Angst haben, dass an der ETH derzeit zu wenige Professorinnen mit grossen Büros und beeindruckenden Projektportfolios eingestellt werden – die Arbeiten von Alex Lehnerers Studio beruhige und machen Lust auf mehr. Für den Assistenzprofessor ist die Hochschule ein Ort für Experimente ohne Konzessionen an Marktbedingungen und Berufspraxis.
Wer mehr über Lehnerers Arbeiten und Forschung erfahren möchte, der schaut in die beiden kommenden Hefte der archithese: In der Juni-Ausgabe «Bildungslandschaften» gibt es ein kurzes Atelierportrait und für Heft 3 zur «Postmoderne» wird er über den Wandel im Raumbegriff der späten 1970er und 1980er-Jahre reflektieren. 

 

In der aktuellen archithese 2.2016 «Ausbildungslandschaften» stellen wir einige Arbeiten aus Alex Lehnerers Studio vor. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Gebr. Pfister


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