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Mehr als ein Parkhaus

HHF Architects präsentieren auf der 16. Architekturbiennale von Venedig ihr Umnutzungs- und Erweiterungskonzept für das Parkhaus Ruchfeld auf dem Basler Dreispitzareal. Das Projekt Parking and More, das im Luxemburgischen Pavillon gezeigt wird, setzt sich einerseits mit dem (öffentlichen) Boden auseinander. Anderseits steht der Entwurf für eine Architektur, die auf wandelnde Bedürfnisse reagieren kann. Damit formuliert das Basler Team den Anspruch von Freespace – das Motto der Biennale – gleich doppelt.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 25.6.2018

 

Vom Erholungsraum zum urbanen Brennpunkt
Der Dreispitz in Basel und Münchenstein ist ein Areal im Umbruch. Als Christoph Merian das Gebiet ab 1840 schrittweise erwarb, wurde es landwirtschaftlich genutzt. Der Agronom schloss das von einem keilförmigen Umriss begrenzte Territorium seinem Stammsitz an: In der Schweiz des 19. Jahrhunderts bildete das «Hofgut Brüglingen» einer der grössten privaten Grundbesitze. Die Christoph Merian Stiftung, die mit dem Tod des wohlhabenden Baslers 1857 gegründet und nach dem Ableben seiner Frau Margaretha 1886 rechtskräftig wurde, übertrug der Stadt Basel für öffentliche Zwecke immer wieder Land. Damit verwandelte sich der Dreispitz über die Jahrzehnte hinweg in ein rund 50 Hektar grosses Gewerbe- und Dienstleistungsareal. Nun wird das industriell geprägte Gebiet in ein neues Stadtquartier umgewandelt, das sich mit den angrenzenden Vierteln besser vernetzen und künftig auch Wohn-, Bildungs- und Freizeitnutzungen soll. Schon heute sind dort entsprechende Räume zu finden, wurden doch das Zollfreilager und das Transitlager in ein «Kulturfreilager» umgewandelt.

 

Die endliche Ressource Boden
Szenenwechsel nach Venedig. Die Schau The Architecture of the Common Ground im Luxemburgischen Pavillon setzt sich mit der Bodenfrage auseinander. Ausgestellt sind Modelle mit einem kleinen Fussabdruck, etwa der Wolkenbügel von El Lissitzky oder Wohnhäuser von Paul Rudolph und Le Corbusier. Diese Entwürfe kommen mit wenig Grundfläche aus, zugleich stimulieren sie – zumindest theoretisch – kollektive Räume. Auch beim Projekt Parking and More sind solche Ideen wichtig: HHF Architects setzen ihren Erweiterungsbau mittels Stelzen grösstenteils vom Boden ab und lassen so unter anderem öffentliche Bereiche wie Passagen für Fussgänger oder Velofahrer entstehen.

 

Respektvoll weiterbauen
Nähern wir uns dem Projekt genauer: Durch die beschriebenen Transformationsprozesse auf dem Dreispitzareal erhöht sich die Besucherfrequenz markant. Das Parkhaus Ruchfeld wurde zu klein, weshalb die Christoph Merian Stiftung als Besitzerin 2014 einen geschlossenen Wettbewerb zur Erweiterung des Gebäudes durchführte. HHF Architects entschieden das Rennen für sich. Das Basler Team inkorporierte das alte Parkhaus – ein anonym entstandenes Gebäude mit offener, zweigeschossiger Stahlkonstruktion über einer sieben Meter hohen Halle – in seinen Entwurf. Dessen Abmessungen sind durch ein vorhandenes Industriegleis definiert und die vertikalen Tragwerkelemente wie auch das Fassadenfachwerk lassen eine Aufstockung nicht zu. Daher wird das historische Gebäude von einer neuen Betonstruktur überfangen. Diese greift weit nach Norden und Süden aus und trägt die Last unabhängig vom Bestand ab. So wird Raum für zusätzliche Parkebenen über dem bereits existierenden Bau geschaffen. Zwei spiralförmige Rampen bilden das Gelenk zwischen den beiden Flügeln des Projekts.

 

Flexible Nutzungen
Obwohl sich der Fussabdruck des Parkhauses Ruchfeld durch HHF Architects vergrössert und das Projekt dadurch im Widerspruch zum Ausstellungskonzept gelesen werden könnte, handelt es sich um einen Bau, der mit den Bodenressourcen schonend umgeht. Er knüpft nicht nur an alte Substanz an, sondern besetzt durch Stelzen und vertikale Ausdehnung die neu verbaute Fläche sparsam. Letztere kann nun kulturell oder gastronomisch genutzt werden – oder einfach als undefinierter öffentlicher Bereich, weil ja Parkebenen über dem Bestand entstehen.
Die Architekten selbst beschreiben Parking and More als eine grossmassstäbliche Tragwerkstruktur, «die in ihrer Rauheit und ihren Dimensionen auf die Gegebenheiten des Orts reagiert und diese transformierend fortschreibt.» Mit den neuen Decks und Rampen wollen sie zudem «auf die Funktionalität und Ästhetik des Parkhauses Ruchfeld referieren». Doch ihr Projekt, das sich zur Zeit im Bau befindet, ist mehr als ein Parkhaus: Neben den öffentlichen Bereichen, die es durch seine übergestülpte Struktur generiert, wird die Betonhülle unterschiedliche Funktionen aufnehmen. Im Erdgeschoss befinden sich mitunter Räumlichkeiten für Shops, Restaurants und Bars, während eine Etage höher ein Motel und ein Fitness Center vorgesehen sind. Das Dach soll einst für Urban Farming genutzt werden können und über die Rampen gelangen die Besucher zu einer Aussichtsterrasse.

 

Freiraum generieren
Parking and More will eine offene Struktur für eine offene Zukunft bieten und stellt sich damit unterschiedlichen Nutzungsszenarien. Falls der Bedarf an Stellplätzen sinkt, kann das Bestandsparkhaus entfernt und der Hohlraum anderweitig verwendet werden. HHF Architects interpretieren ihr Projekt auf dem Dreispitz als ein Gebäude, das nicht fixen Funktionen oder einem idealen Zustand folgen muss. Vielmehr soll es im Sinne von einem Freespace von den Nutzern angeeignet und den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden können.

 

Der Beitrag von HHF Architects an der 16. Architekturbiennale von Venedig ist noch bis zum 25. November 2018 im Luxemburgischen Pavillon im Arsenale zu sehen.
 

> Wilfried Wang kritisiert Svizzera 240, den helvetischen Beitrag zur diesjährigen Architekturbiennale, in archithese 2.2018 Wohnungsbau als Kunstinstallation ohne kritisches Potenzial.

> Im Deutschen Pavillon wird mit der innerdeutschen Mauer ein politisches Thema behandelt. Die Schau Unbuilding Walls mag wenig zu inspirieren, aber versucht einen Diskurs anzustossen und stellt relevante Fragen.

> In archithese 1.2016 Swiss Performance finden Sie eine Besprechung des Helsinki Dreispitz von Herzog & de Meuron.

 

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