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Leuchtturm der Bürgerlichkeit

Während der Corona-Virus sein Unwesen treibt, sind die Menschen zum Rückzug ins Private gezwungen. Um die Verbreitung von COVID-19 zu verlangsamen, wurden die Bürger*innen in vielen Ländern angewiesen, möglichst in den «eigenen vier Wänden» zu bleiben und soziale Interaktionen auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Das Ausgehverbot bewirkt vielerorts ein Revival des Balkons – als häufig kleinstem verfügbarer Aussenraum und als Bühne zur Interaktion mit den Nachbar*innen.

 

Text: Tom Avermaete – 6.4.2020
Redaktion: Lee Wolf

 

Minimale Öffentlichkeit
In den vergangenen Tagen und Wochen wurde die Bewegungsfreiheit vieler Bürger*innen weltweit eingeschränkt. Da der öffentliche Raum bis auf Weiteres nicht mehr wie gewohnt nutzbar ist, greifen Menschen rund um den Globus auf ihre kleinen privaten Aussenräume zurück. Wer keinen Garten sein Eigen nennen darf, entdeckt – vor allem in den Innenstädten – den Balkon wieder. Neben dem Sonnenbaden und Essen wird er für den Sport aktiviert, zum Beten oder gar als Bühne für improvisierte Konzerte: Die Menschen erkennen sein Potenzial für nachbarschaftliche Begegnungen wieder.

 

Persönlicher Leuchtturm
Vor ein paar Jahren hat Tom Avermaete – mittlerweile Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH – an der von Rem Koolhaas kuratierten Architekturbiennale von Venedig 2014 mitgearbeitet. Im Rahmen der Elements of Architecture-Ausstellung hat er eine intensive Investigation zum Balkon durchgeführt. Diese Forschung hat er nun aus gegebenem Anlass wieder aufgenommen. Das Team der Professur untersucht, wie zu Zeiten von COVID-19 der Balkon erneut als vielseitiges architektonisches Elemente im Stadtraum aktiviert wird.

 

Reaktiviert
Unter #ViralBalcony hat Avermaete auf Instagram dazu aufgerufen, Fotografien einzuschicken, die zeigen, wie der Balkon derzeit als Ort für «meeting, sharing, caring and supporting in your community» genutzt wird. Daraus ist ein witziges kollektives Archiv von Schnappschüssen aus aller Welt geworden. Mitunter sind auch wunderbare historisch Beispiele, Zeichnungen und Illustrationen zu sehen.
Faktisch erhöht, ist das Problem des Abstandhaltens architektonisch gelöst, wodurch jegliche Aktivitäten wie Arbeit, Kaffeekränzchen oder gar Demonstrieren ohne Gefahr für die Gesundheit in der (Halb-) Öffentlichkeit stattfinden können. So gibt dieses architektonische Element in Zeiten der Pandemie dem Begriff work-life-balance eine ganz neue Bedeutung. Tom Avermaete und den Teilnehmenden ist es mit diesem Projekt gelungen, aufzuzeigen, welche Chance in der Corona-Krise liegt: Der Balkon wird – das machen die Bilder deutlich – (wieder) zum architektonischen Leuchtturm der Stadtbewohner*innen.

 

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