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Lernen von der Welt

Das Schweizerische Architekturmuseum fokussiert in der neu eröffneten Ausstellung in Land aus Land. Swiss Architects Abroad auf die architektonische Praxis von international agierenden Schweizer Büros. Der Interessensschwerpunkt liegt dabei auf dem baukulturellen Austausch und den daraus resultierenden Chancen und Problemen. Entstanden ist ein breites Panorama von realisierten und geplanten Projekten sowie ein Tiefgang an Reflexion.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 15.7.2017

 

Geschichte und Gegenwart
Tendenza und Minimalismus brachten Schweizer Gestalter dereinst als souveräne global players in Stellung und prägten ein positives Bild der hiesigen Architekturszene im Ausland. Es sind denn auch prominente Namen, deren Arbeiten die Besucher im ersten Saal erwarten. Die präsentierten Werke entfalten ihre ästhetische Kraft durch ausdrucksstarke Bilder, so lassen beispielsweise Mario Bottas expressive Skizzen die materielle Sinnlichkeit und monumentale Form seiner Kathedrale von Évry wunderbar erahnen. Neben den minimalistischen Positionen von Diener & Diener (Schweizerische Botschaft in Berlin), Herzog & de Meuron (Tate Modern in London) und Peter Zumthor (NS-Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin) ist auch Bernard Tschumi vertreten. Sein Parc de la Villette in Paris bringt nicht nur einen erfrischenden dekonstruktivistischen Farbtupfen in den Kanon von Tendenza und Minimalismus, sondern rundet als städtebauliches Projekt auch das breite Spektrum an potenziellen architektonischen Aufgaben ab. Die versammelten Arbeiten dienen als historischen Exkurs für das Phänomen «Bauen im Ausland». Doch auch deren Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, denn alle Akteure engagieren sich noch immer leidenschaftlich ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen.

 

Bildreiche Schau
Herzog & de Meuron begegnen dem Besucher im Fortgang mit dem Parkhaus 1111 Lincoln Road in Miami Beach in den Haupträumen erneut. Dort lassen sich aktuelle(re) Positionen entdecken – 19 weitere Projekte der letzten zehn Jahren aus der Feder von unterschiedlichen Architekturateliers der deutschen und lateinischen Schweiz werden gezeigt.
Das S AM intendierte dabei keine umfassende Dokumentation helvetischer Bauaktivitäten in der Fremde. Das Kuratorenteam konzentrierte sich vielmehr auf einzelne Büros, mit denen man in regem Austausch stand und an deren Perspektiven die Austellungsmacher besonders interessiert sind. Neben schriftlichen Interviews und gefilmten Gesprächen visualisieren Fotografien, Modelle, Pläne und Zeichnungen die verschiedenen Arbeitsmethoden.
Alle Gestaltungen nehmen sich dem lokalen Kontext an – die Architekten agierten flexibel und offen, niemals dogmatisch. Aus der Konfrontation mit einem neuen Umfeld resultierte vielfach ein experimenteller Ansatz. Die klimatischen, kulturellen oder politischen Situationen, aber auch die materiellen Ressourcen sind oftmals andere als in der Schweiz. Hier setzt das S AM einen thematischen Schwerpunkt und fragt, wie die gemachten Erfahrungen die eigene Entwurfspraxis beeinflusst haben?

 

Gewohnheiten brechen
Nele Dechmann baut momentan in Madagaskar das Centre d’Education FC Advan. Es liegt in einer ruralen Region mit extremem Klima und umfasst einen Fussballplatz, eine Trinkwasserstelle, ein Wächterhaus und ein Schulhaus. Die Zürcherin plante von der Schweiz aus und entwickelte eine einfache architektonische Sprache, die sich am einzigen lokalen Gebäudetyp orientierte: einem kleinen, aber relativ hohen Ziegelhaus. Diese reduzierte Ästhetik sollte einen robusten, leicht realisierbaren Entwurf garantieren und potenzielle Fehlinterpretationen der Pläne verhüten.
Jan Henrik Hansen und Rolf Iseli suchten ebenfalls nach neuen Wegen, die Kommunikation mit den Ausführenden vor Ort zu optimieren. Im Senegal visualisierten sie ihre Schule schliesslich nicht wie gewohnt mit Planmaterial, sondern mit 1:1-Prototypen der spezifischen Bauteile und mit ausdrucksvollem Bildmaterial. Dadurch konnten gerade auch lokal untypische Details wie Schiebeläden vor Fenstern (Schutz vor Sandstürmen) problemlos gebaut werden.

 

Von der Praxis zur Theorie
Die Kontrolle abgeben, Kooperationen mit lokalen Institutionen und Büros suchen oder kulturelle Werte und angeeignetes Wissen austauschen: Damit sind international tätige Architekten unmittelbar konfrontiert. Diese Erfahrungen bereichern die alltägliche Praxis und eröffnen neue Perspektiven. So setzen sich beispielsweise Annika Seifert und Gunter Klix von APC architectural pioneering consultants in Praxis, Lehre und Forschung nun kontinuierlich mit dem Projektieren unter tropischen Klimabedingungen auseinander. In Hitzearchitektur. Lernen von der afrikanischen Moderne untersuchten sie, inwieweit die heutige Entwurfspraxis in gemässigten Klimazonen von den afrikanischen Erfahrungen profitieren kann. Inspirieren liessen sie sich dabei auch von vernakulären Bautraditionen und dem Tropical Modernism.
Lernen von der Welt – das S AM kommt diesem Bonmot in seiner neuen Ausstellung eindrucksvoll nach. Das Kuratorenteam präsentiert mutige, neugierige und offene Büros, deren differenzierte Entwurfsphilosophien es sich anzusehen lohnt. Manchmal verbinden sie Fremdes mit Vertrautem, dann wieder Innovatives mit Tradiertem – doch stets sind die Ergebnisse kreativ und individuell.

 

Die Ausstellung in Land aus Land. Swiss Architects Abroad ist bis zum 12. November 2017 im S AM in Basel zu sehen.

 

Ausgestellt sind Projekte von Andreas Fuhrimann Gabrielle Hächler Architekten, Annika Seifert und Gunter Klix/APC, Bernard Tschumi Architects, BHSF, Diener & Diener Architekten, E2A, EM2N, Fabulous Urban, Herzog & de Meuron, HHF, Jaccaud Zein Architects, Jan Henrik Hansen + Rolf Iseli, Manuel Herz Architekten, Mario Botta Architetto, Markus Schietsch Architekten, Nele Dechmann Architektur, NOMOS Groupement d'Architectes, Pierre-Alain Dupraz Architecte, raumbureau, Stocker Lee Architetti, Rahbaran Hürzeler Architects, saas, studio we architetti, Udo Thönnissen und Peter Zumthor.

 

> Lesen Sie mehr über Herzog & de Meurons Tate Modern Erweiterung in London, zur Elbphilharmonie und der Porta Volta in Mailand in der Swiss Performance 2017.

> Im gleichen Heft wird Peter Zumthors Minenmuseum im norwegischen Allmannajuvet besprochen.

> Im Herbst 2016 konnten Herzog & de Meuron den Wettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts im Herzen Berlins für sich entscheiden.

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