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Kontraste und Spiegel

Michael Hirschbichlers Arbeiten operieren an den Schwellen von Architektur und Kunst. Nun eröffnen gleich zwei Ausstellungen mit neuen Arbeiten: Masken und Spiegel in München und Chiaroscuro in Ingolstadt.

 

Text: Jørg Himmelreich – 1.3.2017
Foto: Michael Hirschbichler, Chiaroscuro, Ausstellungsansicht Villa Massimo, Rom, 2015, OSB-Platten / Kanthölzer / PVC- und Gummiboden / Lack / flüssiger Asphalt / Leuchten / Spiegel, 750 x 146 x 275 cm

 


Michael Hirschbichler setzt sich mit grundlegenden Aspekten des menschlichen Lebens auseinander. Er untersucht, wie es sich innerhalb von Ordnungsstrukturen, geplanten und gebauten Räumen abspielt. Hierbei nimmt die Wechselwirkung zwischen kulturellen, politischen, religiösen und wissenschaftlichen Ideologien einerseits und ihren physischen räumlichen Auswirkungen andererseits eine zentrale Stellung ein. In verschiedenen Medien – wie Skulptur, Installation, Fotografie, Malerei, Zeichnung und Text – dringt Hirschbichler im Rahmen einer «spekulativ-kritischen Archäologie» zu diversen Tiefenschichten der zeitgenössischen Wirklichkeit vor.

 

Kontraste
In der Ausstellung Chiaroscuro beschäftigt sich Michael Hirschbichler, auf die Gegenüberstellung von hellen und dunklen Bildpartien in der Barockmalerei bezugnehmend, mit Beleuchtungsintensitäten, denen Personen, Räume und Ereignisse ausgesetzt sind und die entsprechend in ihren Erscheinungsbildern variieren. Sein Interesse gilt dabei den Extremen der Ausleuchtung: dem Punkt, an dem Szenen in greller Überbelichtung unkenntlich werden und in die Indifferenz abgleiten, sowie der Schwelle, unterhalb derer die Konturen im Dunkel versinken und sich der Wahrnehmung entziehen. Die Beleuchtung steht hier in einem engen Zusammenhang mit Erkenntnis und Verdrängung, sowie einem weiten Spektrum von Assoziationen, die sich an den Kontrast von Helligkeit und Dunkel knüpfen und mitunter von ästhetischen Wahrnehmungsweisen zu ideologischen Kategorisierungen führen: zu einer Einteilung der Welt in Schwarz und Weiss, Gut und Böse, Schön und Hässlich, Innen und Aussen und so weiter. 

 

Ethnografie im Spiegel
In der parallel in München gezeigten Ausstellung Masken und Spiegel entfaltet Hirschbichler in Anspielung auf eine (quasi-) ethnologische Sammlung ein künstlerisches Symbolsystem, das in scheinbar fremde und teils befremdliche Weltbereiche führt. Einem Narziss blickt aus dunklen Fluten eine verzerrte Grimasse entgegen. Frösche verharren vor der Türschwelle einer Aussenstation im Urwald Papua-Neuguineas. 
Ornamentale, an das 19. Jahrhundert erinnernde Tapeten geben sich, wenn man näher herantritt, als Montagen ethnographischer Fotografien zu erkennen. Einer silbrig spiegelnden, bleiernen und zinnernen Insel mit der Kontur Lampedusas stehen abstrakte Flaggen gegenüber, die wie Platzhalter erscheinen. Und zu Idolen stilisierte Rinderköpfe tauchen – in verschiedenen medialen Erscheinungs- und Verwandlungsformen – mehrfach auf. 
In diesem Spektrum aus Themen und Medien kristallisieren sich die Metaphern der Maske und des Spiegels als Fokusse heraus: Die Maske als eine Hülle, die eine Realität verdeckt, um eine andere zur Geltung zu bringen und der Spiegel als ein Instrument, das – falls es richtig verwendet wird – Erkenntnisse ermöglicht; das aber umgekehrt dazu verführt, den Blick auf sich selbst zu richten. Masken und Spiegel sind für den Künstler «gefährliche» und «paradoxe» Objekte. Während die Maske immer etwas verhüllen muss, um etwas zu zeigen, erschliessen sich auch in Spiegeln neue Blickwinkel um den Preis der Immaterialisierung des Gespiegelten.
Im Zusammenhang der Ausstellung treffen Blicke auf Verhüllungen und Barrieren, werden abgelenkt und gebrochen, um in anderen Arbeiten und Medien wiederum reflektiert und weitergeführt zu werden. Die einzelnen Arbeiten verdichten sich so zu einem Symbolsystem, welches offenlegt, dass das «Andere» und «Fremde», nicht in weiter Ferne liegt – weder örtlich noch zeitlich.

 

Die Schau Masken und Spiegel wird in der Galerie Krain Sachs, Augustenstrasse 48 in München vom 10. März bis 12. April 2017 gezeigt.
Die Ausstellung Chiaroscuro ist vom 18. März bis 30. April 2017 im Kunstverein Ingolstadt, Schlösslände 1 zu sehen.
Parallel erscheint eine Monographie.

 

> In archithese 4.2012 Mischung / Mix / Mestizio schreibt Michael Hirschbichler über «Remixe – die Entdeckung des Neuen im Alten».

> archithese 3.2016 zeigt auf dem Cover Michael Hirschbichlers Arbeit Platz III.

Über Michael Hirschbichlers Schau Jammerthal in Zürich.

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