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Klettern am Betonsilo?

Der Swissmill Tower in Zürich polarisiert: Für die Einen ist er ein unästhetischer Betonklotz, für die Anderen eine bereichernde, wenn auch widerborstige Stadtmarke. Geht es nach einer Idee der neugegründeten IG Zürinordwand, soll das Silo nun zur urbanen Kletterwand werden – und so an Sympathie gewinnen.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 12.10.2017

 

Missbilligung des Sichtbetons
Mit seinen 118 Metern Höhe ist er unübersehbar: der neue Turm von Swissmill im trendigen Zürich-West. Nicht mehr wirklich neu ist hingegen die Idee, den auch «Kornhaus» genannten Betonbau zu beleben. Unmittelbar nach seiner Fertigstellung im Jahr 2016 forderten zwei Gemeinderäte in einem Postulat, dass die Fassaden «gestalterisch und / oder funktional besser genutzt werden» sollen. Darin ist Folgendes zu lesen: «Mit Lichtkunst könnte das karge Ortsbild rund um das Swissmill-Silo aufgelockert werden.» Und: «Eine andere Idee wäre die vertikale Begrünung des grauen Monolithen.» NZZ-Redaktor Walter Bernet zerriss die beiden Vorschläge in seiner Kolumne vom 7.7.2016 zu Recht. Der Lichtkunst hielt er «das wechselnde Spiel der vorbeiziehenden Wolken und der Färbungen des Himmels auf seiner grauen Haut» entgegen. Und ein vertikal begrüntes Betonsilo? Das scheint in einem industriellen Kontext ziemlich absurd – die «Schrebergärtchen-Mentalität» habe im urbanen Zentrum schliesslich nichts verloren.

 

Eine städtische Eigernordwand
Die von einer Gruppe Architekten gegründete IG Zürinordwand bringt nun einen neuen Vorschlag ins Spiel: Klettern. Dabei sollen nicht Efeu oder andere Pflanzen den Kornspeicher erklimmen, sondern gipfelstürmende Sportler. Was beispielsweise in Berlin, Wien oder Reno bereits möglich ist – nämlich einen Turm oder eine Hotelwand hinaufzuklettern – soll also bald auch in Zürich möglich sein. Mit der Zürinordwand würde sogar die höchste innerstädtische Kletterroute der Welt entstehen. Technisch wäre die Idee problemlos realisierbar, meint Bergführer Peter Keller, der mit seiner Firma Indoor- und Outdoor-Kletterwände baut, gegenüber der NZZ: Die Dübel mit einem Durchmesser von 12 Millimetern schraubt man 45 Millimeter tief in die Wand. Der Beton würde dadurch nicht beschädigt.

 

Respekt vor der Architektursprache
Nun will die IG Zürinordwand mit einem offenen Brief den Kontakt zur Coop-Genossenschaft, der Besitzerin von Swissmill, suchen. Die Initianten sehen ihre Idee als einmalige Chance, um «eine neue Wahrnehmung der fensterlosen Betonwände» zu ermöglichen. Zudem schreiben sie auf ihrer Homepage: «Ohne die starke städtebauliche und architektonische Wirkung des Betonmonolithen zu verändern, könnte ein beachtlicher Mehrwert für die Bevölkerung und den Tourismus geschaffen werden.» Wirft man einen Blick auf die Visualisierungen, so schmälern die Kletterer keineswegs die ästhetische Wirkung des Betonbaus. Vielmehr muten die Bilder fast filmreif an, denkt man doch unweigerlich an Spider-Man und dessen Fähigkeiten als Superhelden.

 

Parallelfunktionen
Ob es in der Limmatstadt wirklich eine Kletterwand braucht? Die IG Zürinordwand sammelt auf jeden Fall munter Unterschriften und erhält prominente Unterstützung: Marc Angélil, Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich, betont die spannende Möglichkeit der Nutzungsüberlagerung ebenso wie die Absicht, das Silo nicht einfach (verschönernd) verändern zu wollen. Im Zentrum steht hier nämlich die Bereicherung durch eine weitere Funktion: «Die Schönheit der Zürinordwand liegt in der kollektiven Aneignung einer ansonsten blinden Fassade eines Bauwerks, dessen Inhalt als lebensnotwendige Ressource grundsätzlich der Öffentlichkeit dient», wird Angélil auf der Homepage der Initianten zitiert. Wenn sich eine Mehrheit der negativ eingestellten Bevölkerung durch eine Swissmill-Tower-Kletterwand mit dem Bau versöhnen kann, dann ist das nur positiv. Die Redaktion der archithese würde es definiv freuen, wenn der Bau zum Klettern freigegeben würde. Denn dann könnten wir zukünftig vom Fenster unserer Büros in Zürich-Wipkingen aus die bunten Kraxler beobachten. 

 

> Im Februar 2017 lud archithese kontext zu einer Entdeckungstour durch den Swissmill Tower.

> Luca Deon hat 2014 mit dem Pelletssilo für die Firma Tschopp in Buttisholz einen kraftvollen Bau entworfen, der trotz engen Vorgaben ein architektonisches Higlight darstellt.

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Kommentar von Gustav Sucher |

Ich dachte erst, dass das auf dem Bild ein Hochhaus ohne Fenster wäre. Nun kommt mir der Gedanke, dass damit das Silo gemeint ist. Dies zu einer Kletterwand umzufunktionieren ist auf jeden Fall eine schöne Idee. Danke für den tollen Beitrag!

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