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Cover Urbanität und Dichte im Städtebau

Klaus Heinrich Dahlemer Vorlesungen

Die Frage nach der Willfährigkeit des Klassizimus

 

Text & Bild: Elias Baumgarten – 17.11.2015

 

Während der Arbeit am archithese Dezemberheft «Innovation, Tradition, Adaption» haben wir beobachtet, dass die Nachahmung klassizistischer Formen nicht nur in Deutschland immer mehr Anhänger findet, sondern auch in der Schweiz, allen voran an vielen Entwurfsklassen der Hochschulen. Ist in der Faszination für Schinkel und den italienischen Rationalismus eine Neubewertung auszumachen? Ist der Rückgriff auf das antike Gestaltungsrepertoire eine Reaktion auf eine Überforderung durch die unzähligen Möglichkeiten und Anforderungen der Gegenwart? Immer mehr Stimmen werden laut, dass die Trennung in Avantgarde und Konservative in der Architektur generell unzutreffende Simplifizierungen waren, und mitunter wird sogar proklamiert, dass die Konservativen die neue Avantgarde sein. Grund genug, die von Arch+ veröffentlichten Klaus Heinreich Dahlemer Vorlesungen zur Hand zu nehmen.

Dahlemer fragte in den 1970er-Jahren nach der Willfährigkeit des Klassizismus, nach den Gründen und Mechanismen seiner Aneignung durch die Architekten des Nationalsozialismus. Er setzt sich ausserdem mit den monumentalen «Tomben» der französischen Revolutionsarchitektur auseinander und mit deren Einfluss und auf die «Lagerarchitekturen» des Dritten Reichs: «Der Gattungskult der Revolutionsarchitektur ist Totenkult» resümiert er und rückt jene nicht bloss formal in die Nähe der Monumententwürfe Alber Speers und der Totenburgen Wilhelm Kreis‘. Dahlemer, der sich bei der Beantwortung seiner Fragen entlang der Schlüsselbegriffe der ästhetischen Erfahrung, der Veranstaltung und der Zurichtung vor arbeitet, steht also für eine überaus kritische Deutung. Im Heft wird zu seinen aufwändige transkribierten Vorlesungen opulentes Bildmaterial geliefert, organisiert mittels eines durchdachten Verweissystems. Kurzum: Man gewinnt beim Lesen und Schauen den Eindruck, Dahlemers «Diavorträge» nochmals miterleben zu können.

Nach der Lektüre bleibt die Frage, ob das Heft mit den anspruchsvollen Texten einerseits und den sehenswerten Bildern andererseits nicht zu einem zweischneidigen Schwert wird: Ein wertvolles, überaus kritisches Hinterfragen für den einen und eine Sammlung inspirierender, bis dato teils tabuisierter Bilder für den anderen? Sicher ist jedenfalls, dass Klaus Heinrich Dahlemers Vorlesung kein Stück ihrer Aktualität eingebüsst haben…

 

Klaus Heinrich Dahlemer Vorlesungen. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS, Arch+ Sonderheft 2015.

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