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Inspirationen eines Baukünstlers

Das Kunsthaus Bregenz feiert sein 20-jähriges Jubiläum mit einer Carte blanche für seinen Architekten: Peter Zumthor zelebriert das musische Leben und widmet sich den Inspirationsquellen seines kreativen Schaffens. Dabei interessieren ihn nicht architektonische oder räumliche Themen, sondern die vielfältigen Facetten von Kultur und Natur. Morgen öffent sich die Schau und das umfangreiche Programm läuft an. archithese gewährt bereits heute Einblicke in die Innenräume des Museums.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 14.9.2017

 

Im Dialog mit dem Leben
Es ist eine Schau der besonderen Art: Ein international renommierter Architekt organisiert eine Gala der Künste und nimmt sich dem eigenen Metier nur minim an. Zumthors Baukunst wird in seinem unkonventionellen Ausstellungskonzept nur indirekt thematisiert. Der ausgebildete Möbelschreiner spricht bis im Januar 2018 immer sonntags mit Menschen, die ihn interessieren und durch ihr Denken oder kulturelles Engagement anregen. Nach dem Motto Dear to Me sind rund 160 anspruchsvolle Veranstaltungen zu erleben. Gespräche, Lesungen oder Konzerte mit Philosophen, Musikern oder auch Naturwissenschaftlern versprechen ein ambitioniertes und überraschendes Programm. Das Kunsthaus mutiert dadurch zu einem Ensemble gestapelter Bühnen, die visuell wie auch auditiv Zumthors musische Präferenzen reflektieren. Das Foyer wurde zur Lounge umgestaltet und dient als Podium für die literarischen Soirées oder Konzerte. In den drei Obergeschossen bleibt das Museum hingegen ein kontemplativer Ort und präsentiert voneinander unabhängige Themen, die als Inspirationsquellen für Zumthor dennoch miteinander verflochten bleiben. 

 

Poesie der Abstraktion
Im ersten Obergeschoss sind Schwarz-Weiss-Bilder von Hélène Binet ausgestellt. Ihre Serie Collection entstand 1989 als fotografischer Essay und dokumentiert die von Dimitris Pikionis (1887–1968) entworfene Pflasterung auf der Athener Akropolis. Die im Tessin geborene Künstlerin erfasst virtuos die Essenz dieser Freiraumgestaltung. Ihr Faible für Kontraste, Materialien oder Strukturen korrespondiert hier exzellent mit der von Zumthor komponierten Raumatmosphäre. Die Fotografien vermitteln eine poetische Stimmung, die in der minimalistischen Architektur ruhig und sinnlich fortgesetzt wird. Nicht einmal die Installation der österreichischen Musikerin Olga Neuwirth – das dezent anmutende Lochkartenband der Komposition Tinkle for P. Z. – unterbricht diese feine Kontinuität.

 

Neugieriger Geist
Ganz anders präsentiert sich das zweite Obergeschoss: Regale mit rund 40 000 (!) antiquarischen Büchern sind konzentrisch um einen offenen Kern angeordnet. Die Bibliothek des Bündners Walter Lietha dient als Podium für öffentliche Lesungen. In dieser enormen Sammlung finden sich unterschiedlichste Juwelen der menschlichen Kultur, aber auch viel Unbekanntes. Es ist eine Welt, die Zumthor fasziniert, denn tradiertes Wissen bereichert seinen Geist.
Nicht minder enthusiastisch gibt sich der Architekt beim Thema Natur: Das dritte permanente Konzept der Schau Dear to Me bildet daher ein von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger gestalteter Garten. Die entstandene Kunstlandschaft liest sich als Antibild zu Zumthors Œuvre. Chaotisch kombinierte Formen, fragile Strukturen und schrille Farben zeichnen die Installation aus. Es scheint, als sei hier ein Werk von Cy Twombly räumlich interpretiert worden. Realisierte das Schweizer Duo hier eine geheime Fantasie des Architekten? Dieser liebt die Natur, ist fasziniert von ihrer ephemeren Qualität und assoziiert den Garten mit arkadischen Ideen. Parallelen zwischen Zumthor und Steiner & Lenzlinger sind daher auf dieser Ebene zu suchen.

 

Interesse an den Dingen
Zumthor lässt sich künstlerisch mit einer grossen intellektuellen Offenheit inspirieren: «Das Leben ist zu kurz. Es gibt so viele Dinge, die ich erlebt habe, getan habe, aber unendlich gross ist die Anzahl der Dinge, die ich noch erleben und verstehen möchte. Es gibt so vieles, was mir lieb ist, aber ich bin sicher, dass es viele Dinge gibt, die mir auch lieb wären, wenn ich sie denn nur kennen würde.» Mit dem vielseitigen Programm, das Dear to Me auszeichnet, nimmt er sich diesem Wunsch an. Die Freude an Ästhetik, Kultur und Natur verbinden die verschiedenen Veranstaltungen und Installationen. So schliesst sich auch der Kreis zu seiner Architektur, die eine Hommage an das Leben darstellt.

 

Peter Zumthor. Dear to Me wird morgen, am 14. September im Kunsthaus Bregenz eröffnet und dauert bis zum 7. Januar 2018.

 

> Lesen Sie über Peter Zumthors Minenmuseum im norwegischen Allmannajuvet in der Swiss Performance 2017.

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