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Informieren statt Glorifizieren

Über mehrere Wochen wurden in den USA und an anderen Orten weltweit im Rahmen der Black Lives Matter-Bewegung Monumente und Statuen zerstört, weil sie für die Demonstrierenden Symbole von Kolonialisierung, Versklavung, Unterdrückung und Rassismus ganz allgemein darstellen. Auch in Europa ging es einigen fragwürdigen Monumenten an den Kragen. Doch gibt es bei – in der Rückschau als problematisch empfundenen – Denkmälern nur die beiden Optionen von unkommentierter Akzeptanz oder Zerstörung? Ein Berliner Think-Tank plädiert für einen Mittelweg. Das Hybrid Space Lab hat sich mit dem «Tal der Gefallenen» nahe Madrid beschäftigt – einem pompösen Grabmal für den faschistischen Diktator Francisco Franco. Sie schlagen vor, es unverändert zu lassen, jedoch mit einem neuen kritischen Layer zu überziehen. Mit den Mitteln der Augmented Reality wollen sie verborgene Schichten sichtbar machen und die Geschichte auch aus der Perspektive der Opfer schreiben.

 

Text: Elizabeth Sikiaridi / Frans Vogelaar – 23. November 2020
Zeichnungen und Fotos: Hybrid Space Lab

 

Denkmäler in der Kritik
Die Black Lives Matter-Bewegung, ausgelöst von Polizeigewalt in den USA, kritisiert die immer noch herrschende Unterdrückung afroamerikanischer Menschen. Diese zeigt sich nicht nur in Polizeigewalt gegen Schwarze – auch in Europa – sondern wird ebenso von Monumenten reproduziert. Statuten von Sklavenhändlern, kolonialen Feldherren aber auch Denkmäler autoritärer Herrscher besetzen Teile des öffentlichen Raums und geben eine geschichtliche Stossrichtung vor, die bis heute negativ nachwirkt. Der geschichtliche Mythos, der im kolonialen Europa verbreitet wurde, wird dadurch in vielen Ländern durch unhinterfragte Monumente am Leben erhalten. Die entstandene Bewegung macht auf die Missstände und die Macht der grösstenteils unhinterfragten Geschichtsschreibung aufmerksam.

 

Faschistischer Grössenwahn
Auch das grösste aktive Monument, das Tal der Gefallenen, welches in der Nähe von Madrid vom faschistischen Diktator Francisco Franco errichtet wurde, besteht bis heute ohne eine geschichtliche Kommentierung. Es ist den Gefallenen des spanischen Bürgerkriegs gewidmet und wurde von Franco zugleich als eigene Grabstätte und Monument seines Spanien-«Kreuzzuges» errichtet. Im Rahmen des Projektes «Deep Space. Re-signifying Valle de los Caídos» hat der Berliner Think-Tank gemeinsam mit dem Design-Labor Hybrid Space Lab vor, die Gedenkstätte mit digitalen Mitteln zu transformieren. Sie plädieren nicht für ein Schliessen oder Entfernen des Monumentes, sondern dafür es zu kommentieren und zum Mahnmal umzudeuten.

 

Umstrittenes Denkmal
Die franquistische Gedenkstätte mit ihrem 152 Meter hohen Kreuz – sichtbar bis zu einer Entfernung von 30 Kilometern – umfasst eine ganze Landschaft. Erbaut wurde das «Tal der Gefallenen» zwischen 1940 und 1959 – zum Teil von republikanischen Häftlingen. Diese mussten als Zwangsarbeiter aus dem Granitgestein eine unterirdische Basilika von über 260 Metern Länge schlagen. Am prominentesten Punkt der Halle war – bis zu seiner Exhumierung im Oktober letzten Jahres – der Sarkophag Francos platziert, gleich neben dem Grab des Führers der faschistischen Falange-Partei José Antonio Primo de Rivera. Die Anlage beherbergt zudem die Gebeine von über 33 000 Gefallenen aus beiden Lagern des Spanischen Bürgerkriegs, die aus Massengräbern im ganzen Land herbeigeschafft wurden. Man erreicht die Gedenkstätte über Strassen und Wege, die in einer Art Pilgerlandschaft angelegt sind und sich in eine durchkomponierte Landschaftsgestaltung einfügen. Alles wirkt gepflegt und pompös. Doch wer genau hinschaut, kann auf dem Gelände auch die Schattenseiten der Denkmalanlage finden: Die Reste der Unterkünfte für Kriegsgefangene.
Es ist das umstrittenste aktive Denkmal der Welt. Bis heute zelebrieren Benediktinermönche, welche die Stätte verwalten, täglich eine Messe – und dies bis zu Francos Exhumierung, an seinem Grab und ihm zu Ehren. Für Franco symbolisierte das Denkmal das Zeugnis seines erfolgreichen «Kreuzzuges» gegen das republikanische Spanien. Trotzdem gibt es bis heute für die Besucher des «Tals der Gefallenen», das eine beliebte touristische Destination ist, keinerlei Informationen zu seiner komplexen und schwierigen Geschichte.

 

Geschichte ist nicht objektiv.
In den letzten Jahren gab es in Spanien jedoch eine intensive öffentliche Diskussion über das Tal der Gefallenen, die zur Exhumierung Francos führte. Die Gebeine ruhen nun in einem herkömmlichen Friedhof im Norden Madrids. Das ist ein erster Schritt, um die fragwürdige Glorifizierung des Diktators zu beenden. Wenn die Gedenkstätte aber ansonsten unangetastet bliebe, wäre das Problem noch nicht gelöst. Auch ein Kenotaph wäre noch immer eine Pilgerstätte für Franco-Nostalgiker*innen oder Anhänger*innen der neuen extremen Rechten. Daher ist es dringend notwendig, das Narrativ dieses Ortes zu verändern. Wie alle Monumente wurde auch hier von Franco versucht, für die Zukunft eine Perspektive auf die Geschichte zu festigen, welche die Strukturen reproduziert und die Erinnerung an den faschistischen Diktator lenkt. So wie Geschichtsschreibung immer die Wiedergebe einer Perspektive auf die Vergangenheit ist, schreibt das Tal der Gefallenen auch ohne Franco dessen Mythos weiter.
Hier setzte der Workshop «Deep Space. Re-signifying Valle de los Caídos» an, den das Hybrid Space Lab aus Berlin im Oktober 2018 in Madrid durchführte. Gesucht wurden Ideen und Prozesse, die bei der Überwindung von Konflikten und der Umwandlung der symbolischen Kraft des Ortes dienlich sein könnten. Der Fokus des Workshops lag auf künstlerischen, architektonischen, landschaftsgestalterischen und medialen Zugängen.

 

Vom Denkmal zum Mahnmal
Der Workshop konzentrierte sich auf die grösstenteils anonymen Gefallenen und Zwangsarbeiter. Die Informationen, die gedruckt, online und am Ort des Mahnmals zugänglich sind, verraten nichts über das Schicksal der Kriegsgefangenen, die zur Arbeit an diesem Bauwerk gezwungen wurden, geschweige denn über ihre Familien, die in nahe gelegenen Baracken auf dem Gelände der Gedenkstätte lebten. Die Massengräber sind für Besucher keineswegs kenntlich gemacht. Auch wird nicht erwähnt, dass sterbliche Überreste gefallener Republikaner aus Massengräbern im ganzen Land ins Tal der Gefallenen überführt wurden, ohne dass ihre Familien davon erfuhren. Das ist deswegen überaus problematisch, da jedwedem Prozess der Aussöhnung eine vollständige Anerkennung der Tatsachen vorausgehen muss. Eine Annäherung, die die Stimmen der republikanischen Seite, der Opfer die gegen die Franco-Diktatur kämpften, einbezieht, entspricht der gegenwärtigen allgemeinen Forderung nach einer inklusiven historischen Erzählung und dem aktuellen Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung, die sowohl unterdrückte Stimmen einzubeziehen versucht.
Die Workshop-Teilnehmenden schlugen vor, den Ort mittels temporärer Kunstprojekte zu einem Forschungs- oder Friedenszentrum umzuwandeln. Es wurde eine Strategie entwickelt, das Monument vorerst – ohne es physisch anzutasten – digital zu transformieren, mit einer vor Ort zugängliche Augmented Reality-App. Damit versucht das Projekt bereits vorab der Öffentlichkeit zugänglich zu sein und langfristig eine Umwandlung des Ortes zu entwickeln. Der Think-Tank schlägt also vor mithilfe digitaler Mittel gemeinschaftliche Beiträge zu sammeln, die sich der düsteren Geschichte des Monuments widmen. Das würde – so wie auch die Forderungen der Black Lives Matter-Bewegung – die Denkmäler, die dazu dienen, autoritäre, koloniale und andere problematische Regime zu rechtfertigen, als solche benennen. Die Geschichte kann so mittels geänderter, kommentierter oder gestürzter Monumente gemeinschaftlich neu geschrieben werden.
Die vorgeschlagene App, in der Reales und Virtuelles verschmilzt, ermöglicht es, vor Ort die verborgenen Schichten der kontroversen Geschichte des Monuments zu erkunden: Die hinter den Seitenwänden der Basilika verborgenen Massengräber und die Reste der Baracken, in denen die Zwangsarbeiter lebten, werden dadurch «sichtbar». So kann das totalitäre Narrativ des Denkmals durchbrochen und es zu einem vielstimmigen Mahnmal werden.

 

> Im sozialistischen Jugoslawien wurden sogenannte Spomeniks als Partisan*innendenkmäler von den Kommunen selbst gestaltet. Mehr dazu in archithese 3.2015 Balkan Beats.

> Die Theorie der Denkmalpflege hat sich in den letzten Jahren verändert und mit Hinbilck auf die Geschichte hinterfragt. In Heft 11.1974 ergründet archithese die Theorie der Denkmalpflege.

> Wer sich mit Denkmälern auseinandersetzt, beschäftigt sich auch mit Fragen der Konservierung. Aber auch Verfall und Patina haben einen Wert. Das zeigt Daniela Burkhart mit ihren Fotos von Luzerner Baudenkmälern.

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