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Humboldt-Dschungel

Wie wäre es, wenn aus dem Berliner Stadtschloss riesige Bäume wachsen, exotische Pflanzen wuchern und ein Wasserfall stürzen würden? Die Thinktank Hybrid Space Lab legt in der Diskussion um die kontroverse Rekonstruktion eine erfrischend-ruinöse Idee vor.

 

Text und Visualisierung: Hybrid Space Lab – 16.1.2018

 

Geschichtsträchtig
Eines der umstrittensten Gebäude Berlins befindet sich im Herzen der Stadt: Das Residenzschloss der Hohenzollern bei der Museumsinsel. In der Rekonstruktion sollen ab 2019 Ausstellungen über aussereuropäische Kulturen gezeigt werden. Das sogenannte Humboldt-Forum ist eines der ehrgeizigsten Kulturprojekte der Bundesrepublik und der Ort, an dem gerade die neuen Barockfassaden aufgerichtet werden, ist historisch überaus bedeutend: Das im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörte Stadtschloss wurde während der DDR-Zeit gesprengt und durch den repräsentativen Palast der Republik ersetzt. Nach der Wiedervereinigung wurde auch er abgerissen. Wie lässt sich Deutschlands kulturelle Identität im Kontext dieser spannungsvollen Vergangenheit verhandeln und definieren?

 

Von Pflanzen überwuchert
Alexander von Humboldt (1769–1859) war ein Naturforscher und Pionier in Sachen Nachhaltigkeit. Das Forum im rekonstruierten Schloss wird zwar den Namen des Wissenschaftlers tragen – Grünräume sind aber keine geplant. Daher entwickelte das Hybrid Space Lab im Jahr 2015 einen radikalen Vorschlag, das imposante Denkmal in einen Dschungel zu verwandeln. Hängende Gärten mit einem tropischen Wald übernehmen das Schloss, oder besser gesagt seine Neubauruine. Dabei würde der Humboldt-Dschungel mehr als Fassadenbegrünung sein: Er liesse «Gras drüber wachsen» und könnte – so die Hoffnung der Autoren – vielleicht die komplexen geschichtlichen Wunden an diesem historischen Ort heilen.

 

Rettungsanker?
Die Schlossattrappe könnte zudem eine Art Arche Noah sein. In einer Zeit, in der immer mehr Tier- und Pflanzenarten aussterben, erscheint das sinnvoll. Dabei nähme der Humboldt-Dschungel nicht nur seltene Arten einer bedrohten Flora auf, sondern böte auch verschiedenen Insekten einen Lebensraum. Das Projekt steht für eine hybride und innovative Architektur, die mit der Natur zusammenkommt. In dieser Konvergenz findet eine zukunftsweisende Baukunst ihren Ausdruck – eine, die sich den Herausforderungen des Anthropozäns stellt.

 

> Mit Hybriden aus Verfall und Überformung spielten auch Schenker Salvi Weber bei ihren Visionen für den Wiener Stephansdom.

> Vom Verhältnis von Architektur und Natur handelt archithese 4.2017 Ruinen.

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