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Humanistische Architektur

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet dem letztjährigen Pritzker Preisträger Balkrishna Doshi eine erste Retrospektive ausserhalb Asiens. Sie vermittelt auf vielschichtige Weise das faszinierende Werk des indischen Architekten.

 

Text: Christina Horisberger – 14.5.2019

 

Poetische Szenografie
Mit atmosphärischer Dichte und tiefen Einblicken in das Werk des indischen Architekten Balkrishna Doshi (*1927) überzeugt die Ausstellung im Vitra Design Museum. Die Kuratorinnen haben gute Arbeit geleistet, ist doch das Vitra Design Museum von Frank Gehry in Weil am Rhein kein einfach zu bespielendes Museum. Dass man in den gezeigten Exponaten unmittelbar die Präsenz des Architekten zu spüren vermeint, ist sicherlich zu grossen Teilen eine Leistung von Khushnu Panthaki Hoof. Die Enkelin Doshis hat die Ausstellung mitkuratiert. Die Retrospektive ist umfangreich. Sie zeigt Arbeiten aus 60 Jahre des Schaffens von Doshi. Kushnu Panthaki Hoof war es wichtig, wie sie in einem Filmtrailer zur Ausstellung sagt, die Besucherinnen und Besucher in einen Dialog mit Doshis Werken treten zu lassen. Dies ist mittels der Szenografie hervorragend gelungen: Eine thematische Gliederung ermöglicht es, das umfangreiche Werk im Sinne einer Promenade Architecturale zu entdecken, bei der es immer wieder Überraschungen gibt: Beispielsweise handgezeichnete Pläne, die sorgfältigen Holzmodelle und die atmosphärischen Fotografien, die ab und an mit kleinen Skizzen Doshis ergänzt wurden. Zudem gibt es begehbare Nachbauten mit einer unmittelbaren Präsenz. Diese atmosphärische, ja poetische Präsentation der Retrospektive, die auch für ein breites Publikum zugänglich ist, unterstreicht die humanistische Haltung Balkrishna Doshis mit seinem in allen Werken erkennbarem Respekt gegenüber dem Individuum; unabhängig der sozialen, gesellschaftlichen oder religiösen Herkunft.  

 

Innovation und Tradition
Balkrishna Doshi wurde 1927 im indischen Pune in einer grossen Familie geboren. Die durch den Familienzuwachs ständig sich verändernde Nutzung von Räumen hat den Architekten, wie er selbst betont, stark geprägt: «Architektur ist nichts Statisches, sondern dynamisch, ja sogar fluid.» Doshis poetische und zugleich funktionale Architektursprache wurde massgeblich von der Zusammenarbeit mit Le Corbusier in Paris, Chandigarh und Ahmedabad beeinflusst. Darüber hinaus waren die Erfahrungen beim Bau des von Louis Kahn entworfenen Institute of Management prägend für den damals jungen Architekten. Doshi, so lässt sich in der Ausstellungsankündigung nachlesen, «ging jedoch in seiner Formensprache über diese frühen Vorbilder hinaus und entwickelte eine ganz eigene Herangehensweise zwischen Industrialismus und Primitivismus, moderner Architektur und traditioneller Form.» Die Retrospektive beginnt deshalb auch sinnvollerweise mit einem seiner Schlüsselprojekte, dem Centre for Environment Planning and Technology (CEPT) in Ahmedabad. Nebst zahlreichen bedeutenden Bauwerken, die hier im Laufe von 40 Jahren entstanden sind, befindet sich auf dem Campus auch der Kunstraum Amdavad Ni Gufa (1994), der unter anderem mittels eines grossen Modells erkundet werden kann. Es ist ein archetypischer, archaischer Raum, mehrheitlich unter der Erde gebaut, mit einem fliessenden Raumkontinuum, der zugleich Schutz vor dem heissen örtlichen Klima bietet. Amdavad Ni Gufa hat Doshi mit speziellen Computerprogrammen entwickelt. Realisiert wurde der Bau hingegen von ungelernten Arbeitern aus Abfallprodukten. Ortsspezifische Materialien und handwerkliches Knowhow sind immanente Elemente seines Werks.

 

Humanistische Haltung
Im zweiten Ausstellungsbereich geht es um «Heimat und Identität». Wer sich hier vertiefter mit der Wohnsiedlung der Life Insurance Corporation of India (1973) auseinandersetzt, stellt fest, wie sich Doshis humanistisches, egalitäres Denken in der Konzeption der Wohneinheiten manifestiert: In dem dreigeschossigen Gebäude, deren Wohnungen über Aussentreppen für die soziale Interaktion erschlossen werden, wohnen die Bediensteten im Obergeschoss, die Familie der Manager im Erdgeschoss. Aus westlicher Sicht ungewohnt, erschliesst sich diese Organisation der Wohnstruktur beim näheren Hinsehen vor allem aber auch aus klimatischen Gründen: Die grosszügigeren Wohnungen mit Aussenraum sind besser vor der Hitze geschützt. In diesem Sinne nivelliert Doshi soziale Unterschiede sorgfältig aus. Auch Doshis eigenes Haus (1963) aus Backstein, das den Namen Kamala trägt, ist durchdrungen von der Inszenierung des Tageslichtes in Abhängigkeit einer möglichst guten Isolation des Gebäudes. Darüber hinaus bestimmten rituelle Aspekte des Wohnens die Raumorganisation und -folge, die durch eine starke Farbigkeit und eigene Möbelentwürfe geprägt ist, welche ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden. Die Möglichkeit, die in Plänen und Fotografien gezeigten Charakteristiken und Sichtweisen räumlich-sinnlich nachzuvollziehen, wird durch den Nachbau einer Raumfolge des Kamala Hauses erfüllt. Diese szenografische Stärke der Ausstellung bildet mit dem perspektivisch verkürzten und massstäblich verkleinerten aber begehbaren Nachbau von Doshis eigenem Architekturbüro Sangath ein Highlight. Dort arbeiten drei Generationen der Doshi Familie Seite an Seite – eine Weiterführung der traditionellen Familienstrukturen auf der Ebene der Professionalität. 

 

Die Besonderheiten Ahmedabads
Neben dem Ausstellungskatalog bietet der Museumshop ein kleines Büchlein mit dem Titel The Masters in India. Le Corbusier, Louis Kahn and the Indian Context, an das Balkrishna Doshi zusammen mit dem italienischen Philosophen Bruno Melotto erarbeitet hat. Im Aufsatz «Canvas of Modern Masters» beschreibt Doshi die Faszination, welche die Stadt Ahmedabad auf Le Corbusier und Louis Kahn ausgeübt hatte. Dass beide Architekten – deren Einfluss in Doshis Werk immer wieder ablesbar sind – im «Manchester des Ostens» bauen konnten, verdanken diese der Unabhängigkeit Indiens 1951. Le Corbusier und Kahn konnten sich in dieser Stadt mit ihrem besonderen Mikroklima und den meandrierenden engen Gassen frei entfalten. «Sie hatten keine Idee,wie sie ihr Werk beginnen sollten» schrieb Doshi dazu. «Auch war das Programm, das sie von der Bauherrschaft bekamen, oder der Architekturstil, nicht klar definiert.» Auf dieser geistigen und formalen Freiheit entwickelte Doshi seine Architektur weiter mit einer spezifisch indischen Prägung. 

Die Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein wird bis zum 8. September 2019 gezeigt.
 

> In Kooperation mit dem Vitra Design Museum und Euroboden lädt archithese am 27. Juni 2019 um 18.30 Uhr zur kontext-Veranstaltung «Urbanität und Leere» ein. Im Werkvortrag von Thomas Kröger zeigt der Architekt Neubauten im ländlichen und städtischen Raum.

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