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How will we live together?

Bericht von der Architekturbiennale Venedig 2021 – Teil 1

Zwei Mal verschoben musste sie pandemiebedingt werden, nun eröffnet sie physisch im Arsenale, in den Giardini und an zahlreichen weiteren Standorten. Zunächst gilt unser Besuch der von Hashim Sarkis kuratierten Hauptausstellung.

 

Text und Fotos: Hubertus Adam – 21.5.2021

 

Ich treffe am Abend in meinem Hotel auf dem Lido ein, kurz vor der offiziellen Ausgangssperre um 22 Uhr. Das Zimmer ist versiegelt, keine Person hat es seit der Desinfektion betreten. Morgens im Frühstückssaal ist Einbahnverkehr vorgeschrieben, ich kehre über einen Hinterhof in mein Zimmer zurück. Kein Gedränge wie sonst auf den Vaporetti, auf der Piazza San Marco haben gerade einmal zwei Cafés geöffnet. Aber auch dort sitzen kaum Tourist*innen, und wo keine Tourist*innen sind, da finden sich aufgrund des Futtermangels auch keine Tauben ein. So klar habe ich die architektonische Fassung des Platzes mit seiner subtil asymmetrischen Gestalt noch nie gesehen.

 

Von der Lethargie der Pandemie erholt sich Venedig erst langsam. Betroffen davon ist auch die Architekturbiennale mit ihrer nunmehr 17. Ausgabe. Zunächst wurde sie vom Frühjahr 2020 auf den Herbst verschoben, dann vom Herbst 2020 auf den Mai 2021. Mitten in der zweiten Welle fiel die Entscheidung, am Eröffnungstermin 22. Mai 2021 festzuhalten. Gewiss ein Vabanquespiel, denn lange war nicht sicher, ob zu diesem Zeitpunkt überhaupt Publikum zugelassen werden könnte. Die erst vor wenigen Tagen in Kraft gesetzte sogenannte Greencard-Regelung, die ausländische Besucher*innen mit Impfnachweis oder negativem Test eine Einreise nach Italien ohne Quarantänepflicht erlaubt, hat nun einiges erleichtert. Die üblichen zwei Tage Pressevorbesichtigung finden also vor Ort statt, doch der Andrang ist noch verhalten. Und die abendlichen Länderparties, bei denen man sich auf der Suche nach möglichst ausgefallenen Locations in der Lagune zu überbieten trachtete, fallen in diesem Jahr ohnehin aus. Eine Reihe von Pavillons sind (noch) geschlossen, so die von China, Kanada oder Tschechien.

 

Auch wenn zum Zeitpunkt der Festlegung noch niemand den bevorstehenden Ausbruch der Pandemie ahnen konnte: Das diesjährige Motto der Architekturbiennale How will we live together? könnte kaum aktueller sein. Chefkurator der Hauptausstellung, die sich wie gewohnt über den vorderen Teil des Arsenale sowie den Italienischen Pavillon in den Giardini erstreckt, ist Hashim Sarkis, der ein in Boston und Beirut domiziliertes Architekturbüro führt und nach Jahren in Yale, Harvard, Rhode Island und an der American University in Beirut seit 2015 Dekan der School of Architecture and Planning am MIT ist. Sarkis untergliedert seine Schau in fünf Kapitel, drei davon sind im Arsenale, zwei in den Giardini zu sehen.
Eine künstlerische Installation von Peju Alatise von Art Accent Studio aus Nigeria steht am Beginn der Ausstellung im Eingangsbereich des Arsenale. Sie zeigt Menschen in ihrer Diversität, als dreidimensionale Körper und als Tore, und bezieht sich auf eine Vorstellung des Volks der Yoruba, Menschen seien wie Tore, die man öffnen könne um Teil ihres Geheimnisses zu werden. Designing for new bodies heisst dieser Teil des ersten Kapitels Among diverse beings, der die Unterschiedlichkeit der Menschen, aber auch die technischen Erweiterungsmöglichkeiten des Körpers und schliesslich das Zusammenleben mit anderen Lebewesen thematisiert (Living with other beings).  Die raumgreifende Installation Magic Queen von Daniela Mitterberger und Tiziano Derme zeigt eine von einem Robotergärtner gedruckte und bewirtschaftete Erdhügellandschaft, welche ein ideales Habitat für Pilze generieren soll.
Das Kapitel As new households geht von der Überlegung aus, dass weltweit nur knapp ein Drittel aller Haushalte aus einer Kernfamilie besteht und daher auch architektonisch neue Formen gesuchte werden müssen. Lassen sich die Arbeiten des ersten Kapitels eher als Kunstinstallationen verstehen (sie könnten auch auf einer Kunstbiennale vertreten sein), so stärkt sich hier der Fokus auf architekturimmanente Thematiken. Meng Fanhao von line+ studio zeigt in einem grossen Modell, wie in Dongziguan Raum für gemeinsames Wohnen auf dem Land geschaffen wurden, während Leopold Banchini den amerikanischen Selbstbaupionier der 1970er-Jahre, Lloyd Kahn, wiederentdeckt und als Anregung für eigene Projekte versteht. Neue Konstruktionsweisen thematisieren Gramazio Kohler mit der Dokumentation ihres DFAB House und dem für dieses als Plattform dienenden NEST building, aber auch Achim Menges, der ein begehbares zweigeschossiges, von Robotern aus Glas- und Karbonfasern erstelltes Haus zwischen die Säulen der Corderie gespannt und damit eine der Publikumsattraktionen in diesem Teil des Arsenale geschaffen hat.
Es folgen einige teils konkrete, teils experimentelle Projekte, Apartments neu zu konzipieren (Living apart together), wobei Anne Kockelkorn und Susanne Schindler gemeinsam mit MAS-Studierenden am gta der ETH Zürich den genossenschaftlichen Wohnungsbau der letzten Jahre und seine politischen Rahmenbedingungen untersucht haben. Dies Untersuchung ist Teil der Stations: universitären Studien, die an verschiedenen Stellen in die Hauptausstellung integriert sind.
Von der Wohnung aus weitet sich die Perspektive und richtet sich im Kapitel As Emerging Communities auf soziale Infrastrukturen weltweit, die neue Gemeinschaften schaffen können. Dazu zählt beispielsweise die Erweiterung das Tambacounda Hospital, einer Kinder- und Frauenklinik, die Manuel Herz im östlichen Senegal errichtet hat. Es ist das Musterbeispiel einer sozial verantwortlichen, auf die Gegebenheiten vor Ort abgestimmten und gemeinsam mit lokalen Partnern realisierten Projekts. Blass demgegenüber wirkt die Arbeit von Reinier de Graaf von OMA zum Thema „Hospital oft he Future“: Der Videofilm, den man auf Krankenhausbetten liegend und umgeben von Modulor-Figuren mit Krücke oder Infusionsflasche am Arm ansehen kann, stellt zwar die richtigen Fragen – etwa wie sich das Krankenhaus verändert, wenn neue Organe aus dem 3D-Drucker kommen, oder ob die westliche Medizin an ihr Ende gelangt – bleibt aber Antworten komplett schuldig. Eine Luftaufnahme der Pfaueninsel in Berlin mit ihrem arkadischen Idyll sagt wenig über das Spital der Zukunft aus.

 

Auch im Arsenale gilt die Einbahnstrassenregelung, man verlässt das Gelände ganz am Ende über den Ponte dei Pensieri nahe Palladios San Pietro di Castello und durchquert zunächst ein noch recht authentisches, also bewohntes Viertel von Venedig, um dann auf die normalerweise belebte Via Giuseppe Garibaldi einzubiegen und schliesslich zu den Giardini zu gelangen. Im früheren Italienischen Pavillon verbinden sich die beiden Kapitel Across Borders und As one planet. Thema des Ausstellungsteils zum Thema Grenzen sind die Auswirkungen der Klimakrise und ihrer Folgeerscheinungen wie dem Anstieg der Meeresspiegel auf territoriale Formationen. Es geht aber auch um die Frage der Ressourcen, wie es der Lehrstuhl von Günther Vogt mit einer Studie über das Wasserreservoir der Alpen thematisiert, oder die Trennung von Stadt und Land – hier thematisiert Dogma mit Pier Vittorio Aurelio und Martino Tattari die Möglichkeiten, suburbane belgische Siedlungen durch bauliche Interventionen nicht nur zu verdichten, sondern vor allem Gemeinschaft zu stiften, wo vorher allein Eigensinn herrschte. Erschütternd ist der Beitrag von Forensic Oceanography, die durch akribische Recherche und Auswertung verschiedener Quellen rekonstruieren können – und drastisch vor Augen führen – wie die libysche Küstenwache die Rettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeerraum unterlässt.
Unlearning war eines der zentralen Schlagworte der letzten, von Adam Szymczyk kuratierten documenta, im Kapitel As one planet wird man mit dem Begriff Unknowing konfrontiert. Verbunden damit ist der Gedanke, das anthropozentrische Weltbild zu verlassen und die Welt anders wahrzunehmen. Plan B zeigen in ihrer Installation The World Turned Inside Out die Fragmente einer geplatzten Kugel mit einer fiktiven Geografie auf der konkaven Seite, sie sprechen von unexploring, rewilding und dem wisdom of uncertainty. Im Geschoss darüber hat das von Olafur Eliasson und Sebastian Behman gegründete Studio Other Spaces die Future Assembly eingerichtet. An den Wänden sind die Bemühungen der UNO dokumentiert, die Rechte der Natur zu sichern – Klimagipfel, World Earth Day etc. In der Mitte versammeln sich über einem aus – dem Meer entnommenen – Plastikmüll gewebten Weltteppich mehr als fünfzig Akteur*innen der Future Assembly, darunter Bäume, Pilze, Flüsse, Steine oder Gase, die von den zahlreichen Mitwirkenden der Installation vorgeschlagen wurden. António Guterres, Generalsekretär der UNO, schreibt dazu in einem Grusswort: «Today, as humankind faces a devastating pandemic and a triple planetary crisis – climate change, biodiversity loss and severe degradation of air, land and water – we need to end our war on nature and begin to act more holistically to secure the health of the species, ecosystems and resources with which we coexist and on which our survival depends.»
Dieses Motto könnte auch über der gesamten Biennale stehen, die wie keine zuvor aktuelle Fragen berührt und wie ebenfalls keine zuvor den fachinternen Diskurs verlässt und gesellschaftliche Themen aufgreift. Die Architekturbiennale ist – und diesmal nicht pandemiebedingt – kein Schaulaufen der Stars mehr; es fällt auf, dass die meisten Beiträge kollektiv und zumeist in grossen Teams erarbeitet wurden. Die Biennale ist vielfältiger, diverser, internationaler und vor allem globaler geworden. Wer daran interessiert ist zu erfahren, wer was wo wann gerade baut und welche zukünftige Architekturikone wo stehen wird, ist hier fehl am Platz. Wer aber wissen will, ob und wie Architektur in einer globalen Krise Beiträge leisten kann, sollte physisch oder aufgrund der zahlreichen Online-Angebote zumindest digital nach Venedig reisen.

 

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> Zusätzliche Infos über das diesjährige Online-Angebot der Biennale sind hier zu finden.

> Über die Frage, welchen Beitrag Architektur in der heutigen Zeit leisten kann, schrieb Jacques Herzog einen Brief an David Chipperfield.

 

 

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