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Holleins gerundete Ecke

Das Haas-Haus steht als Querulant mitten im historischen Stadtkern von Wien und scheidet – postmodern zitierend und zugleich futuristisch glänzend – seit jeher die Geister. Das Architekturzentrum Wien gibt nun Einblick in das Archiv Hans Holleins und beleuchtet die Entstehung des «Eckhauses der Nation».

 

Text: Leonie Charlotte Wagner  – 29.5.2019 

 

Referenzen und Aufbruch
Anlässlich des 85. Geburtstages von Hans Hollein – zu dessen Werken aufblasbare Büros, das Manifest «Absolute Architektur» und zahlreiche Museumbauten zählen – zeigt das Wiener Architekturzentrum Modelle und Zeichnungen, die den Entstehungsprozess eines seiner umstrittensten Bauten nachvollziehbar machen: Das Haas-Haus steht seit 1990 als Ersatzneubau eines rationalistischen 1950er-Jahre Baus auf dem Stephansplatz. Damals sammelten Gegner 15 000 Unterschriften, um den Abriss des Vorgängerbaus zu verhindern, der seinerseits ein durch den zweiten Weltkrieg zerstörtes Warenhaus ersetzt hatte. Trotz der Proteste wurde Holleins postmoderner Bau durchgesetzt und steht seither als Konglomerat verschiedenster geometrischer Volumina, Materialien, Details und Zitate inmitten der Altstadt. Das Gebäude ist – im Sinne einer späten Postmoderne – mit Vorsprüngen, Säulen, Brüchen und Einschnitten gespickt. Eine abgestufte Steinverkleidung leitet über in eine Glasfassade mit zylindrischem Erker, auf dem sich der Stephansdom verzerrt spiegelt. 

 

Einzug der Postmoderne
Mit seiner reichhaltigen Fassade konnte das Haas-Haus eine Reformation der Wiener Bauordnung einleiten. Die 1972 eingeführte Schutzzonenvorschrift schrieb bis dahin vor, dass sich Neubauten im Altstadtbereich an die Umgebung «anzupassen» hatten. Virtuos interpretierte Hollein den dehnbaren Paragraphen so um, dass sein Haas-Haus genehmigt werden konnte. Schliesslich wurde der § 85 – als Reaktion auf den Erfolg des Hass-Hauses – gar weiter entschärft. Man spricht daher auch von der «Lex Hollein». Die Änderung der Vorschrift verhalf dem Einzug zeitgenössischer und progressiver Architektur in die historischen Stadtteile der Hauptstadt. 

 
Wer Lust hat, tiefer in die Geschichte des Haas-Hauses einzusteigen, kann ab dem 12. Juni 2019 die Ausstellung Hans Hollein ausgepackt. Das Haas-Haus im AzW besuchen. 

 

> Die Ausstellung MAN transFORMS zeigte Hans Holleins Ausstellungskonzeption für das Cooper-Hewitt.

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