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Heilungsprozess

Auf der Insel der Trockendocks von Antwerpen geht wieder etwas. Zaha Hadis Wolkenzügen über dem ehemaligen Feuerwehrhaus von 1926 kündete den Wandel bereits kraftvoll an. Nun soll nun ein maritimes Museum die Reihe der Kulturinstitutionen am ehemaligen Hafen komplettieren und künftig als Scharnier zwischen Stadt und Hafenkais fungieren.

 

Text: Anne-Dorothée Herbort – 20.7.2017
Foto: Tim van de Velde

 

Appendix
Das Museumsprojekt ist Teil eines Masterplans, der das Eilandje – der innerstädtische ausgediente Hafen – in einen Grossstadtpark einbetten möchte. Die marode Infrastruktur, die teilweise bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückdatiert, soll aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden.
Durch die Begradigung des Flusses und die Errichtung der Kais durch Napoléon Bonaparte wurde die Stadt von der Schelde abgeschnitten. Die Hafenanlage wurde zu einem autonomen Nicht-Ort – eine Betoninsel zwischen Stadt und Fluss. Dennoch bildete der Hafen als Güterumschlag- und Handelsplatz einen wichtigen Knotenpunkt und gehörte wie ein Blinddarm doch irgendwie zur Stadt. Hohe Bürohäuser, Cafés und Boutiquen drängten an die Front der Docks, um das geschäftige Treiben aus einer gewissen Distanz zu beobachten. Doch allmählich wurde es eng am Eilandje und der zweitgrösste Hafen Europas wurde Ende der 1960er-Jahre für das Andocken von Containerschiffen umstrukturiert und weiter in den Norden der Stadt verlegt. Über Jahrzehnte lagen danach die maritimen Strukturen an der Schelde brach. Die weiten Flächen wurden lediglich als Parkplätze genutzt und die Fabrikhallen verkamen zu zwilichten Nachtlokalen. Schliesslich durchtrennte eine hohe Schutzmauer gegen Flutwellen ganz die Nabelschnur zwischen Industriegebiet, Fluss und Stadt.

 

Aufwind
Seit einigen Jahren versucht Antwerpen mit diversen Projekten diese Wunde wieder zusammenzunähen. Dies geschieht organisch und schleichend im Modus des Slow Urbanism. Der Masterplan von Ignasi de Solà-Morales lieferte 2002 indes keine pfannenfertige Strukturplanung oder ein anzustrebendes Gesamtbild. Der graduelle Transformationsprozess soll vielmehr auf eine veränderte wirtschaftliche Lage und Nutzungsnachfragen oder auf soziale Bedürfnisse reagieren können. Dementsprechend soll die Richtung der Stadtentwicklung kontinuierlich justiert werden. Die historisch wertvolle Bausubstanz soll bei der Revitalisierung weitgehend erhalten bleiben, Baulücken repariert und die Blocks nur sanft nachverdichtet werden. Am Ende soll das Ganze in einen Grossstadtpark eingebettet und in eine Naherholungs- und Eventzone verwandelt werden. Doch ganz ohne Grossprojekte kam auch Antwerpen nicht aus. So stechen am grössten Hafendock sechs 60 Meter hohe Wohntürme in den Himmel. Die ersten beiden stammen aus der Feder der Basler Architekten Diener & Diener. Auch die Aufstockung der alten Feuerwache von Zaha Hadid setzt einen extravaganten Tupfer ins ehemalige Industriegebiet.

 

Kulturachse
Antwerpens Hafen schaut auf eine lange Tradition zurück. Bereits im Mittelalter war sein Standort von grosser Bedeutung. Drei Museen sollen diese Geschichte bewahren und erzählen. Das Musem aan de Stroom vereint die Etnografische-, Volkskunde- und Schifffahrtssammlung unter einem Dach. 2013 schuf das New Yorker Büro Beyer & Deam in den Hallen der Red Star Line Reederei – eine amerikanische Schiffslinie – ein Museum, welches die Geschichte der Auswanderer erzählt. Das neue Museum auf dem ehemaligen Trockendock Gelände der Algemene Werkhuizen Noord soll das letzte Glied und Herz der Kulturaxe werden und als Scharnier zwischen Stadt und Fluss fungieren. Es soll ein aktives Erlebnismuseum werden, in dem man nicht nur eine Sammlung von historischen Schiffen und Hafengeräten bestaunen, sondern auch die Restauration und Rekonstruktion eines Wracks von einem mittelalterlichen Frachtschiff live miterleben kann.

 

Briten in engerer Wahl
Vergangene Woche wurde die Shortlist der Planer, die sich dem Bauwerk annehmen sollen, publiziert. Darunter ist das britische Büro 6a architects, welche allem voran durch ihre denkmalpflegerischen Erweiterungen von historischen Bauten bekannt wurden. Jüngst stellten sie in den Campus aus den 1960er-Jahren des Churchill College in Cambridge ein weiteres Studentenwohnheim. Die Maserung und grau-braunen Farbstrukturen der Holzverkleidung sehen den Backsteinfassaden der bestehenden Bauten verblüffend ähnlich wodurch ein spannendes Zusammenspiel von Alt und Neu entsteht. Des Weiteren haben es Jonathan Sergison und Stephen Bates – in London und Zürich tätig – auf die Liste geschafft. Wer das Rennen machen wird, ist offen. Fest steht nur, dass das Maritie Museum 2023 eröffnet werden soll.

 

 

> Über den «Wolkenbügel» von Zaha Hadid im Hafen von Antwerpen. Eine Kritik zur Kritik.

> In archithese 3.2017 Bri-Collagen, dem nächsten Heft der schriftenreihe, werden weitere Büros vorgestellt die Stadtreparaturen und Gebäudeerweiterungen im Stile von 6a architects vornehmen. 

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