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Hauchdünn

Ulrich Müther wurde durch seine spektakulären hyperbolischen Paraboloidschalen aus hauchdünnem Beton weltberühmt. Seine Architektur die von Leichtigkeit und Eleganz zeugt, setzte einen Kontrapunkt zu den starken, klaren und kubischen Formen der Moderne der Nachkriegszeit. Nun wird die Entstehungsgeschichte seiner kühnen Schalenbauten beleuchtet. Die Hochschule Wismar und die Akademie der Künste Berlin nehmen sich dem Nachlass des bedeutenden Bauingenieurs und Unternehmers der DDR an und bereiten seit April das Archivmaterial auf.

 

Text: Anne-Dorothée Herbort – 13.04.2017
Bild: Ulrich Müther, Rettungsstation, Rügen, 1968

 

Teepott vs. Plattenbau
Ulrich Müther – 1934 auf Rügen geboren und vor zehn Jahren auf der Ostseeinsel verstorben – war einer der bedeutendsten Ingenieure Ostdeutschlands. Die Herstellung von Müthers nur wenige Zentimeter dünnen Schalen aus Beton war zeitaufwendig, doch zugleich auch materialsparend und entsprach daher den wirtschaftlichen Bedingungen der DDR. Ihre Gestaltung galt in den 1960er-Jahren als Sinnbild für den Fortschritt und steht in Zusammenhang mit den Arbeiten des mexikanischen Architekten Felix Candela und Herbert Müller aus Halle, die bereits in den 1950er-Jahren mit hyperbolischen Paraboloidschalen aus Beton experimentiert hatten. Auch der Schweizer Heinz Isler, welcher mit Tuchmodellen die Statik der Schalen berechnete, beeinflusste Müther bei der Entwicklung seiner Konstruktionen. Müther war nicht nur ein genialer Bauingenieur, sondern auch erfolgreicher Unternehmer. Nach der Verstaatlichung seiner Frima in die Produktionsgenossenschaft des Handwerks 1972 wurden seine Bauwerke auch zu einem Exportgut für die DDR. Sein Verfahren für den Bau von Bobbahnen etwa wurde zum Standard für Schlittelparcours zahlreicher Wintersportorte weltweit.
Die meisten seiner Schalen wurden an der Ostseeküste errichtet und überspannten Grossgaststätte, Messehallen und Schwimmbäder. Ihre Konstruktion aus stählernem Flechtwerk das mit einer dünnen Schicht Beton bespritzt wurde, nahm organische Formen der Natur auf und setzten einen klaren Kontrapunkt zur Plattenbauarchitektur und zu den klaren und kubischen Formen der deutschen Nachriegsmoderne.
Obwohl nach 1989 viele der Bauten Müthers nicht mehr unterhalten wurden und der Witterung ausgesetzt zerfielen, sind einige wenige erhalten geblieben, saniert und umgenutzt worden. Im Müthers sogenannten «Teepott» verpflegen sich heute genüsslich Badegäste und geniessen den grandiosen Meerblick.

 

Von Schalen bis zu Computern
Seit Ende 2006 sichert die Hochschule Wismar in einem Kooperationsprojekt mit dem Baukunstarchiv der Akademie der Künste, Berlin den Nachlass Müthers. Zu den Beständen gehören vor allem originale Architekturpläne, Akten und Fotografien, aber auch Mobiliar und diverse technische Geräte aus dem Büro des Ingenieurs, darunter auch ein Robotron Computer mitsamt Simulationssoftware. Die Ergebnisse der im April 2017 startenden systematischen Erschliessung des Nachlasses sollen Impulse für weitere Forschungen geben und das kulturelle Bewusstsein für die Nachkriegsmoderne und speziell für die Moderne der DDR sensibilisieren.

 

 

> Die Architektur von Felix Candela, Vorbild der Schalenbauten von Ulrich Müther, wurde in archithese.6.1973 Tragende Häute umfassend besprochen und dokumentiert. 

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