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Geometrie: Grundlage oder Nebensache?

(Wie) kann man heute über Form diskutieren? Derzeit sind besonders ökologische, ökonomische und soziale Parameter im Fokus des Architekturdiskurses. Gleichzeitig lässt sich bei den Gestalterinnen aktuell aber auch ein vermehrtes Interesse an starken geometrischen Figuren ausmachen. Mit einem archithese kontext-Event wurde am 18. September 2019 die Debatte zur Form (wieder) in den Vordergrund gerückt. Dass dies nicht zwangsläufig zu einem Gespräch über Formalismus führen muss, zeigte der Talk mit Jan de Vylder, Momoyo Kaijima, François Charbonnet und Jørg Himmelreich gestern Abend im Hof des Kunstmuseums Basel. 

 

Text und Fotos: Leonie Charlotte Wagner  – 19. September 2019

 

Form Follows… vs. Autonomie der Formen
Im Rahmen der Zeiträume Basel, der Biennale für Musik und Architektur, diskutierte archithese-Chefredaktor Jørg Himmelreich mit Gästen im Innenhof des Kunstmuseums Basel über das Revival starker geometrischer Figuren – insbesondere über den Kreis. Impuls dies zu thematisieren ist eine auffällige Dichotomie im aktuellen Architekturdiskurs: Während sich zum einen der Fokus auf äussere Parameter – wie Ökonomie, Ökologie, soziale Leistung, partizipative Prozesse und einige andere mehr – verlagert hat, beobachtet die Redaktion der archithese ein Wiederauftauchen geometrischer Grundformen in neueren Entwürfen. Das bringt die Vorstellung zurück, dass es bei Design in der Architektur vorrangig um die Kombination, Komposition oder Subtraktion geometrischer Formen wie Quadrate oder Kreise geht. Betrachtet man die Schweizer Situation, so betonte Jørg Himmelreich – scheint dies besonders häufig in den Arbeiten von Architektinnen zu sein, die an der Universita della Svizerra Italiana ausgebildet worden sind. Über diese Beobachtung schmunzelten vor allem Jan de Vylder und François Charbonnet, die beide in Mendrisio unterrichtet haben.

 

Form (un-)gleich Formalismus
Obwohl die Arbeiten von Jan de Vylder und Momoyo Kaijima sich auf den ersten Blick starken geometrischen Figuren zu verweigern scheinen, strichen die beiden die Wichtigkeit dieser Debatte im Verlauf ihrer Entwurfsprozesse heraus. Bei De Vylder Vinck Taillieu steht die Suche nach dem Etablieren offener Systemen im Vordergrund und bei Atelier Bow-Wow (vor allem dann, wenn es um den Entwurf eines Wohnhauses geht) um eine ausgiebige Auseinandersetzung mit den Lebensgewohnheiten und Wünschen der Bewohner. Für Momoyo Kaijima ist aber dennoch die Frage danach, welche Formen und Geometrien diese am besten abbilden und zu den gewünschten Interaktionen motiviert besonders wichtig. 
Angesprochen auf den unterschiedlichen Umgang mit Referenzen im Werk von de Vylder Vinck Taillieu und Made in, sagte François Charbonnet, dass es gut und wichtig sei, beim Entwerfen mit einer grossen Portion Subjektivität vorzugehen und nicht den Anspruch zu haben, dass jeder Nutzer Ihre Interpretationen und Wertungen der montierten Bilder nachvollziehen könne. Wichtiger als der Versuch der Begründung für die Formen in ihren Entwürfen, sei zudem die Vielfalt, welche die verschiedenen Architekturbüros durch bewusst subjektive Ansätze hervorbrächten.


Der Kreis im Werk
Die drei Architektinnen reflektierten Kreise in ihren eigenen Arbeiten – beispielsweise am House BM von De Vylder Vinck Taillieus (2011), Bow-Wows Entwurf für eine spiralförmige Villa im Rahmen des Ochoalcubo Projekts an der Küste von Chile (2014) und dem Wettbewerbsbeitrag für die Marina Tiefenbrunnen in Zürich (2019), bei dem das Team von Made in ein Bauwerk vorschlug, dass zwei Riegel mit den Schnittfiguren eines Dreiecks und eines (halben) Zylinders kombiniert.
Die Diskussion wechselte aber auch auf abstraktere Ebenen und mündete etwa in die Frage, ob der Kreis in der Architektur überhaupt realisiert werden könne. In seiner Idealform jedenfalls, werden wir ihn wohl nie zu Gesicht bekommen. Nicht einmal mit CAD könne man tatsächlich Kreise zeichnen, sondern lediglich Liniensegmente, hiess es. In diesem Zusammenhang sprach Jan de Vylder über das Projekt Waasmunster, einen Sportcenter mit einer bewusst lediglich annähernd kreisförmigen Gesamtfigur. 

 

Eine Theorie des Kreises
Der Kreis steht bei archithese im Dezember erneut im Fokus. Aktuell erlebt diese Figur als Fussabdruck zahlreicher Bauwerken eine Renaissance – vom Apple Park in Cupertino, über das Solo House von OFFICE KGDVS bis zum Hostel Wadi vom Studio Bernardo Secchi & Paola Vignanò – um nur einige von vielen Beispielen zu nennen. Die Redaktion  schreibt daher zum Jahresende eine Theorie des Kreises und zeigt damit die Kraft und Aktualität dieser starken geometrischen Form für die Architektur auf. Eine schriftliche Version des kontext-Gespräches in Basel wird darin ebenfalls enthalten sein.

 

> Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan sprachen in archithese 3.2017 Bri-Collagen mit François Charbonnet über die Kraft des Fragments.

> Jetzt bereits an Weihnachten denken! Unser Kreis-Heft wird am 1. Dezember 2019 erscheinen und ist das perfekte Präsent für Ihre Freunde.

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