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Gebunkerte Erinnerung

Der Mäusebunker und das ehemalige Institut für Hygiene und Mikrobiologie auf dem Benjamin Franklin Campus der Charité in Berlin sollten abgerissen werden. Ausgehend von Arno Brandlhuber und Johann König formierte sich Widerstand, gegen den Abriss. Sie wollen das architekturhistorisch bedeutende Gebäude erhalten. Die Bemühungen waren fruchtbar – die Pläne gehen in Richtung Neubelebung. Wieder dabei ist Brandlhuber, an dessen Lehrstuhl an der ETH sich ausgehend von zwei Studierenden das Institut Bunker+ formiert. archithese sprach mit ihnen über die Idee in die ehemalige Tierversuchsanstalt ein Zentrum für menschliche und nicht-menschliche Kohabitation zu integrieren.

 

Interview: Jørg Himmelreich – 28. November 2020
Bild Startseite: Gunnar Klack © wikicommons

 

Ihr wollt den Mäusebunker und das ehemalige Institut für Hygiene und Mikrobiologie in Berlin Lichterfelde umnutzen. Das Bunker+ Institut, angegliedert an den Lehrstuhl Arno Brandlhubers an der ETH, tritt neu als Akteurin auf, die nach einer möglichen Zukunft für den Mäusebunker sucht. Könnt Ihr bereits aufzeigen, wie diese aussehen könnte? Was sind die nächsten Schritte? Warum ist ein ETH-Forschungs-Institut in Berlin angesiedelt und wer arbeitet dort vor Ort?

Die Zukunft des Mäusebunkers ist noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das Bunker+ Institut nutzt die spärliche Dokumentation und die mit der Geschichte des Mäusebunkers einhergehende Verschlossenheit des Baus aus, um spekulative Erzählungen über eine mögliche Zukunft zu verfassen. Das mythische Bild, das sich um den Bunker rankt, ist hilfreich für uns. Das Institut verpflichtet sich beiderseits des Bündels von Eindrücken des Mäusebunkers und der Formulierung deren Ausdrucks. Diese gilt es weiter zu verfolgen.
Parallel begleiten wir als Institut die Arbeiten von Studierenden des Entwurfsstudios Arno Brandlhubers und verknüpfen deren architektonische Entwürfe mit Eindrücken von ausserhalb ihrer Disziplin. Mit dieser Struktur und Verzahnung von Institut, Entwurfsstudio und Studierenden, reichen sich alle Beteiligten die Hand, beeinflussen sich gegenseitig und drehen sich insofern schon in der Art und Weise ihrer Zusammenarbeit um den zentralen Begriff des Zusammenlebens – der Kohabitation.

 

In den ehemaligen Tierlaboren in Berlin wollt ihr nach eigener Aussage ein «neues Zentrum für vielsprachigen Dialog in einer menschlichen und nicht-menschlichen Welt» einrichten. Was heisst das genau? Wie wird die Geschichte der Gebäude später noch ablesbar sein?

Die Beschäftigung mit der Frage des Miteinander-seins ist unserer Auffassung nach nicht kompliziert. Trotzdem ist sie nicht banal. In ihrem Wesen gleicht die Thematik des Zusammenlebens eher einem lebendigen Geschöpf, als einer kalkulierten Stellungnahme. Die Erforschung von möglichen, konkreten Bedeutung dieses Umstands für unser Sein und der Architektur erfordert zunächst das Schleifen alter Mauern. Kohabitation bedeutet für uns Menschen wohl einen Paradigmenwechsel ins Ungewisse, sozusagen weg von der Mitte der eigenen Persönlichkeit, neu als Teil eines Ganzen, denn Menschen und Nicht-Menschen haben beide Teil in und an derselben Welt und treten unausweichlich in Beziehung. Menschen können nicht aufhören, Mensch zu sein, aber der Mensch kann sich Fragen stellen und Antworten erträumen. Durch das Auseinandernehmen von alten Mustern erschafft man neue Erinnerungen. Das Erzählen von neuen Erinnerungen fördert wiederum das De-konstruieren von Mustern. Schliesslich verhandeln wir zusammen, als Menschen und Nicht-Menschen, über unsere gemeinsame Zukunft. Diese Verhandlung soll initiiert werden. Aus diesem Grund war die Gründung des Instituts Bunker+ eine naheliegende Schlussfolgerung. Es geht darum, unsere Erinnerungen mit einem anderen Blick auf die Welt, mit einem Zusammenleben von Menschen und Nicht-Menschen, neu zu erfahren.

 

> Im Heft archithese 2.2019 verdeutlichen Arbeiten von Arno Brandlhuber das Potential von Ruinen in der Architektur.

> In einer Vorlesung sprach Arno Brandlhuber im Vitra Design Museum über Ruinen. Den Vortrag gibt’s auf Video.

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Kommentare

Kommentar von Andreas Diethelm |

Der Bunker muss unbedingt als Mahnmal erhalten bleiben. Als Mahnmal für dümmstmögliches Bauen und als Mahnmal für die Perversionen der darin betriebenen Wissenschaft. Die Bunker+-Leute müssen zudem noch an Ihrer Sprache arbeiten, mindestens.

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