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Flüchtlingskrise? Wohnungsfrage!

Warum 2016 das Jahr der Architekten werden könnte

 

Nachdem Sophie Wolfrum, Manuel Herz und besonders Arno Brandlhuber die wahren Ursachen Deutscher Wohnungsnot nicht in der Flüchtlingskrise, sondern in überbordenden Standards ausgemacht haben und letzterer mit zusammen mit Markus Emde einen konkreten Gegenentwurf ( Studie 4RMI ) vorgelegt hat, wird sich nun die Bauwelt ein weiteres Mal der Thematik annehmen. Und Doris Kleinlein und Friederike Meyer machen im Rahmen ihrer emotionsgeladenen Einleitung für deren nächstes Heft in der gegenwärtigen Misere im Schweizer Nachbarland weniger eine Flüchtlingsfrage als vielmehr eine Wohnungsfrage aus. Der Brandlhuber`schen These vom zu hohen Standard erteilen sie dabei allerdings indirekt eine Absage, wenn sie fragen, wer auf Dauer im Substandard wohnen wolle. Folgend sind drei kurze Auszüge aus dem couragierten Text zu lesen:

 

Text: Doris Kleinlein, Friederike Meyer – 1.1.2016
Foto: Dirk Dähmlow

 

Wohnungen für alle
Es wird Zeit, dass die Kommunen aus dieser Von-der-Hand-in-den-Mund-Praxis herauskommen. Mittel- und langfristige Strategien für Integration und Wohnungsbau müssen her, und zwar schnell: Die vielerorts eingerichteten Taskforces der Verwaltungen sollen nun im Zeitraffer die Versäumnisse der letzten Jahre aufholen. Mittelfristig heisst in Berlin: Der Senat will 2016 an 60 Standorten modulare Unterkünfte für Flüchtlinge ( MUF ) bauen, insgesamt 24.000 Menschen sollen dort unterkommen. Das Grundstücksportfolio wird unter Hochdruck durchkämmt. Die EU-weite Ausschreibung läuft – für Architekten? Nein, für Generalunternehmer. Zu den MUF liegt ein Amtsentwurf vor, und so sieht er auch aus: Grundrisse mit fensterlosen Gemeinschaftsflächen im Gebäudeinneren, Fassaden, die nicht der Rede wert sind. Die Pläne wirken, als wolle man die Sache schnell hinter sich bringen. Dabei hätte Berlin jetzt die Chance, bezahlbare Wohnungen zu bauen, die auf dem angespannten Wohnungsmarkt so dringend gebraucht werden, nicht nur für Flüchtlinge. Eine ganze Generation von Architekten hat sich mit Selbstbau, experimentellen Wohnmodellen und bezahlbarem Wohnraum beschäftigt und muss jetzt zusehen, wie gemetert wird.

 

Im Labyrinth des Baurechts
Das deutsche Baurecht ist für seine Gründlichkeit bekannt. Wenn es schnell gehen muss, wird es zur Bremse. Der Bundesverband deutscher Wohn- und Immobilienunternehmen ( GdW ) plädiert bei der Flüchtlingsunterbringung für eine Absenkung der Energie-, Brand- und Lärmschutzstandards für fünf Jahre. Deutsche Baustandards, so die Botschaft, verhindern bezahlbare Wohnungen. Das klingt vernünftig, ist aber zu kurz gedacht: Wer will auf Dauer im Substandard wohnen? Ohnehin werden die Vereinfachungen bei der Genehmigung von Flüchtlingsunterkünften, bei der Nutzungsänderung von Büro- und Gewerbeflächen sowie beim Bau von Containern und Zelten im Aussenbereich, wie sie die Bundesregierung im Oktober beschlossen hat, den Kommunen langfristig eine Reihe von Altlasten beschert. Wer genau wissen will, wie man bezahlbaren Wohnungsbau in städtebaulich sinnvolle Bahnen lenkt, sollte den Anfang Dezember veröffentlichten Forderungskatalog der Bundesarchitektenkammer lesen. Der kam zwar reichlich spät, dafür liegt er jetzt als fundiertes Positionspapier der Architektenschaft auf dem Tisch. Die Taskforce der Architektenkammer hat gründlich geackert. Es ist ein Ritt durch Regionalplanung ( keine Flüchtlinge dorthin, wo es keine Arbeit gibt ), Städtebau ( mehr Dichte, experimentelle Zonen zur Funktionsmischung ) und Planungsstandards ( Hilfe zur Selbsthilfe, EnEV neu strukturieren ) – insgesamt 50 Punkte, die alle mit einem Ausrufezeichen versehen sind. Hinter den Punkt «Investition in qualifiziertes Verwaltungspersonal» möchte man am liebsten ein zweites Ausrufezeichen setzen: Solange die Wohnungsfrage in den Ämtern von Verwaltungsjuristen und nicht verstärkt auch von Fachleuten bearbeitet wird, solange die Federführung der Flüchtlingsunterbringung – wie in vielen Bundesländern – bei den Ministerien für Soziales, Inneres oder Gesundheit angesiedelt ist, könnten all die Forderungen Makulatur bleiben.

 

Die Flüchtlingskrise als Katalysator
Mit der Ankunft der Flüchtlinge wird jetzt die Wohnungsfrage angeschoben, die jahrelang viel zu leise diskutiert wurde. Auf einmal wird laut nach Wohnungen, nach einer Reform der Liegenschaftspolitik geschrien. Es gibt keine Flüchtlingskrise, es geht um die Wohnungsfrage – diese Erkenntnis hat sich in den letzten Monaten durchgesetzt, immer wieder ist sie auf den zahlreichen Symposien zum Thema zu hören, in Statements zu lesen. Wer sich bereits vor dem Sommer 2015 mit Zuwanderung beschäftigt hat, weiss, dass es auch in der Vergangenheit nicht ganz einfach war. Was gelungene Ankunftsorte ausmacht, darum hat sich kaum einer geschert, viele Architekten haben davon erst in Doug Saunders Bestseller Arrival City ( 2011 ) gelesen: Noch in dritter Generation sind viele Einwanderer und ihre in Deutschland geborenen Kinder und Enkel nicht ganz angekommen. Angesichts der fortschreitenden stadträumlichen Segregation, des Auseinanderdriftens im Bildungswesen, des Generalverdachts gegenüber Muslimen, wird klar, dass Architekten und Stadtplaner tatsächlich vor einer historischen Aufgabe stehen. Nicht nur ein Dach über dem Kopf bauen, sondern: alte Fehler vermeiden, Konzepte für das Zusammenleben entwickeln, sich der gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Dass diese Fragen an Universitäten diskutiert werden, dass sich Lehrstühle landauf landab mit großem Engagement dem Thema widmen, macht Hoffnung. Jetzt kommt es darauf an, die Konzepte in die Gesellschaft hineinzutragen. Viel zu lange wurden Architekten nur als Dienstleister wahrgenommen. Es ist an der Zeit, das Selbstverständnis eines Berufsstandes zu überprüfen. 2016 könnte das Jahr der Architekten werden. Wenn sie denn wollen.

 

Doris Kleilein und Friederike Meyer sind Redakteurinnen der Bauwelt. Die von ihnen gemeinsam konzipierte Ausgabe der Stadtbauwelt «Flucht nach vorn» ist am 25. Dezember 2015 erschienen. 

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