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Ethik und Ästhetik

Das Museum im Bellpark in Kriens präsentiert brutalistische Architekturfotografien von Simon Phipps. Seine kunstvollen Bilder dokumentieren eine zentrale Phase der britischen Nachkriegsmoderne, aber auch die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz eines (globalen) baukulturellen Erbes. Dabei ist der Brutalismus nicht das Sinnbild einer kolossalen und unästhetischen Sprache, sondern die räumlich-architektonische Manifestation von boomenden Ökonomien der modernen Wohlfahrtsstaaten.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 30.8.2017
Bilder © Simon Phipps, Courtesy Museum im Bellpark

 

Kontroverse Rezeption
Es sind eigenartige Stimmungen, die diese Fotografien evozieren: Phipps lichtet brutalistische Bauten immer vor menschenleeren Kulissen ab. So scheinen seine Bilder zwischen heroischen und tristen Atmosphären zu oszillieren – erhaben durch monumentale Formen, aber melancholisch durch die Absenz von gesellschaftlichem Leben. Für den mehrheitlich unpopulären Brutalismus ist diese Ambivalenz charakteristisch. Denkmalpflegerische Anliegen scheinen chancenlos zu sein. Das ist leichtfertig: Brutalistische Architektur und die Schaffung des modernen Wohlfahrtsstaates sind eng miteinander verbunden. Die sozialpolitische Dimension ist historisch bedeutend. Nicht minder relevant sind zudem die materialästhetischen Aspekte, die Phipps mit seinen Fotografien erforscht.

 

Kunstfotografien
Phipps sucht in seinen Bildern, die der Bellpark unter dem Titel Finding Brutalism ausstellt, nach dem sinnlichen Reiz der Bauten. Die Schwarz-Weiss-Aufnahmen lassen deren rauen Charme ebenso erahnen wie den poetischen Charakter des Betons. Und schliesslich intensiviert die farbliche Reduktion nicht nur dessen materielle Struktur, sondern auch das reizvolle Spiel von Licht und Schatten. Die Fotografien sind harmonisch komponiert, werden aber teils von steilen Perspektiven dominiert – stilistisch erinnern solche Diagonalen an den konstruktivistischen Künstler Alexander Rodtschenko. Phipps’ Arbeiten präsentieren starke geometrische Formen, veranschaulichen jedoch, dass sich der Brutalismus nicht rein formal fassen lässt. Die Gebäude dokumentieren verschiedene Tendenzen – mal zeigt der Londoner Fotograf leichte und grazile Architekturen, dann wieder plastische und massive oder skulpturale und künstlerische Objekte. Entsprechend divers sind die Raumkonzepte und die gestalterischen Strategien. Einzelne architektonische Figuren werden kombiniert oder überlappt und kleinformatige Volumen in einen übergeordneten Kontext eingebunden.

 

Mehr als Beton
Finding Brutalism setzt auf die narrative Kraft der Bilder. Textinformationen sind nur in einem separaten Raum zu finden – mehrheitlich in Form von Fachliteratur. Diese diskutiert das baukulturelle Phänomen aus verschiedenen Perspektiven und macht deutlich, dass der Brutalismus (um mit Reyner Banham zu sprechen) «ein Programm oder eine Einstellung zur Architektur» darstellt. Der englische Kunsthistoriker schreibt von einer ethischen Motivation: Aus unkaschierten Konstruktionen, ablesbaren Prinzipien und naturbelassenen Materialien soll eine «ehrliche Architektur» resultieren.
Das brutalistische Konzept basiert auf einer moralischen Idee und vereint diese mit ästhetischen Aspekten. Obwohl die Bauten im Kontext der ökonomisch florierenden Nachkriegszeit entstanden sind, zeichnen sie sich durch eine programmatische und materielle Einfachheit aus. Mehrheitlich bestimmt der béton brut ihr Aussehen. Durch die Schalungsspuren ergeben sich individuelle Muster mit teils reliefartigen und nahezu ornamentalen, pittoresken Strukturen. Materiell ist der Brutalismus aber auch anders artikulierbar – mit Holz, Stahl oder Backstein. Das dokumentieren einige von Phipps fotografierte Klinkerbauten.

 

Ungebrochene Aktualität
Um den Brutalismus in seiner globalen Dimension zu fassen, findet parallel zur Ausstellung ein Rahmenprogramm statt. Gemeinsam mit der Hochschule Luzern, Technik + Architektur organisieren die Kuratoren eine Veranstaltungsreihe, die den Fokus auf Mazedonien, Grossbritannien und Afrika richtet. Das erste Referat wird am 28. September 2017 gehalten: Martino Stierli, Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art in New York, präsentiert dann sein Forschungsprojekt zur Nachkriegsarchitektur in Skopje.

 

Die Ausstellung Finding Brutalism läuft bis zum 5. November 2017 im Museum im Bellpark in Kriens. Die präsentierten Fotografien stammen aus dem Archiv von Simon Phipps (*1964), der seit den 1990er-Jahren brutalistische Architektur dokumentiert.

Veranstaltung

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Job Floris spricht am 12. Okotber 2017 im Rahmen von archithese kontext im Architekturforum Zürich.

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