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Ernst bis heiter

Das neue Naturmuseum der Stadt St. Gallen liegt am Rand der Stadt. Der robuste, aber kostbare Findling wird umspült von banalen Agglomerationsbauten. Einzig die benachbarte Kirche St. Maria Neudorf entspannt mit dem neuen Gebäude einen interessanten Dialog. Die Dachwelt des Museums nimmt in Form und Ausrichtung unmittelbar Bezug auf den Sakralbau. Zwischen den beiden öffentlichen Bauten liegt der neue Museumspark. Er bringt einen Hauch städtisches Flair in das Quartier.

 

Text: Imogen Macpherson – 1.8.2017

 

Inspirationen
Die Betonfassade fällt schon von Weitem auf. Vertikal gegliedert und wellenförmig erinnert die Struktur mit ihren ungleichen Abständen an das Innere der Bruder Klaus-Kapelle von Peter Zumthor. Die Form sei eine Übersetzung der Reliefs klassischer griechischer Säulen, sagen die Architekten. In dieser Lesart gewinnt die gesamte Fassade einen repräsentativen Charakter. Den Wettbewerb für den Bau des Naturmuseums St. Gallen gewann das Zürcher Architekturbüro Meier Hug im Jahr 2009. Realisiert wurde es von 2010 bis 2016 in Zusammenarbeit mit Armon Semadeni Architekten aus Zürich. Ein massiver Vorsprung markiert den Eingang. Betrachtet man das Gebäude aus der Vogelperspektive, wird die Inspiration durch das Kimbell Art Museum von Louis I. Kahn sichtbar. Doch anders als Kahn gestalteten die Zürcher Architekten keine Tonnen-, sondern Giebeldächer. Jeder Grat der fünf «Module» ist mit einem Oblichtband versehen, das Tageslicht in die darunterliegenden Ausstellungsräume fallen lässt.

 

Ankommen
Geschützt vor Wind und Wetter betritt der Besucher das Foyer durch ein mit Holz gefasstes Portal. Kinderfreundlichkeit wird in diesem Museum gross geschrieben: Es gibt neben üppigem Platz für Kinderwagen sogar Tragetücher für Säuglinge. Über eine breite Treppe gelangt man in eine grosse Halle, in der sich mittig ein hüfthohes, rechteckiges und im selben Holz wie die Eingangstür gehaltenes Möbel befindet – es fungiert zugleich als Kasse, Museumsshop und Cafeteria.
Über eine weitere breite Treppe erreicht man die Ausstellungsflächen. Die Wände sind mit Feldspat gefasst. Ausgestopfte Tieren werden in einem Wald kahler Holzlatten präsentiert. Mittig steht ein hohler Fels aus bemaltem Gips. Fenster in unregelmässigen Abständen lassen die Besucher immer wieder in die Aussenwelt blicken – mal in den Museumspark, mal auf die Strasse. Sie lassen das Licht tief in das Museum einströmen. Die Ausstellung benötigt dadurch fast keine künstliche Beleuchtung. Der andere Teil dieses Geschosses bietet einer Sonderausstellungsfläche Platz, die sich in Holzboxen abkapselt. Ihr Innenraum ist offen gehalten, um die erforderliche Flexibilität zu garantieren.

 

Aufsteigen
Eine Ebene weiter oben beginnt die Dauerausstellung: Die grosse, doppelgeschossige Halle zeigt springende Steinböcke, fliegende Adler oder ruhende Gämse. Man kommt den ausgestopften Tieren ganz nah. Vitrinen findet man in diesem Museum nicht. Umrahmt wird dieses Szenario von illusionistischen Felsen und Schluchten, welche auf die Wände aufgemalt wurden. Vereinzelt wird diese künstliche Kulisse von grossen quadratischen Fenstern durchbrochen. Auf dieser obersten Ebene wird ersichtlich, dass die vom Dach suggerierte Reihung mehrerer länglicher Körper von den Grundrissen nicht aufgegriffen wird. Denn die gesamte obere Ebene ist ein fliessender Raum, der sich über eine Galerie mit der darunter liegenden verschränkt.
Neben einer Mineralsteinausstellung mit Blick auf die Kirche befindet sich ein grosser Bereich mit Lesepulten und im obersten Geschoss gibt es Workshopräume. Diese sind, neben einigen administrativen Büroräumen und einem Vortragssaal, die einzigen geschlossenen Zimmer. Auch wenn der Betonbau eine gewisse ernsthafte Schwere hat, so schaffen es die spielerisch springenden quadratischen Fenster und der fliessend sich emporschraubende, überraschende Innenraum zugleich eine erfrischende Heiterkeit zu versprühen, die Lust macht, das Museum und die dargebotenen Inhalte zu entdecken.

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