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Erhardtstrasse 10

Thomas Kröger hat einen Ersatzneubau in München entworfen. Mit eigenem Hofsystem und ausgefallener Fassadenbemalung. Die archithese-Redaktion hat sich den Gebäudekomplex an der Isar näher angesehen.

 

Text: Carla Wirsching – 15.12.2021

 

Gärtnerplatzviertel - ein belebtes Quartier

Der Gebäudekomplex am Isarufer liegt eingebettet in das beliebte Gärtnerplatzviertel. In bester Lage, unmittelbar vor der Innenstadt, mit Blick auf die Isar. Hier trifft alt auf jung und queer auf hetero - in diversen Cafés, Galerien und Szenekneipen. So divers die Menschen des Gärtnerplatzviertels sind, so heterogen sind auch die Gebäude der Nachbarschaft. Mehrere von ihnen stehen mittlerweile unter Denkmalschutz. Die Gebäude der Erhardtstrasse lassen Einblicke für findige Eingeweihte zu: in Hinterhöfe, die sich ähnlich wie die Hackeschen Höfe in Berlin aneinander ketten. Dem Architekten Thomas Kröger war es wichtig, diesen Charakter beizubehalten und die vorgefundene Architektursprache in seinen neuen Häuserkomplex aufzunehmen.

Stefan Höglmaier von Euroboden hat als Initiator des Projekts auf dem 1046 Quadratmeter grossen Areal 28 neue Wohneinheiten in Auftrag gegeben. Hierfür wurde das bestehende Nachkriegsgebäude (mit sieben Wohneinheiten) abgebrochen und der Hinterhof von Altlasten einer Lackfabrik befreit. Eine Wohnung liegt nun auch hier im hochpreisigen Segment. Bei der Nähe zur Isar nicht weiter verwunderlich, aber dennoch schmerzhaft - vor allem für die bisherigen Bewohner*innen des Gebäudes.

 

Der Architekt

Thomas Kröger ist in den letzten Jahren durch mehrere Bauten auf dem Land aufgefallen. Insbesondere durch seinen preisgekrönten Wohnungsbau in der Uckermark. Dem von Adolf Krischanitz an der Hochschule der Künste in Berlin ausgebildeten und später bei Norman Forster und Max Dudler in den Beruf gestarteten Architekten gelingt selbstbewusst der Spagat von ruralen Bauten hin zu urbaner Architektur.

«Ich habe viele Kindheitserinnerungen an Spaziergänge mit meiner Mutter durch München, bei denen mich die Schönheit der gründerzeitlichen Fassaden nachhaltig beeindruckt hat. Ich versuche in der Erhardtstrasse daran anzuknüpfen, was den Bauherren in der Gründerzeit mit ihren Fassaden gelungen ist: Nämlich Ihrer Stadt etwas zurückzugeben.» Stefan Höglmaier

 

Von Hof zu Hof

Die neuen Wohnungen spannen sich gefasst in vier Einheiten über die Parzelle. Euroboden betitelt diese Einheiten als das zu Strasse und Fluss gewandte «Haus zur Isar», als «Turm zur Stadt», welcher sich über sieben Geschosse erstreckt, als «Stadthaus» mit zwei Maisonettewohneinheiten und als eine «Remise», die insbesondere für Familien empfohlen wird. Besondere Qualität bringen die zwei verknüpften Hinterhöfe, in die man durch das verglaste Entrée gelangt. Der erste der beiden Höfe besticht durch eine kreisförmige Öffnung in der Überdachung und lässt einen Blick auf die Hoffassaden des Ensembles zu. Am «Turm zur Stadt» vorbei gelangt man in den zweiten grösseren Hof. Kniehohe Mauern trennen private Gärten vom halbprivaten Hofzentrum. Die Vorgärten sind räumlich eng begrenzt, stärken jedoch die Intimität der dahinterliegenden Wohnungen – ein kostbares Gut in innenstädtischer Lage. Luxuriös sind die Materialien, die innerhalb der Wohnungen verwendet wurden: Gebeiztes Eichenparkett trifft hier auf Travertinböden.  

 

Renaissance der Handwerkskunst

Neben anderen Handwerkskünsten – wie der Schieferdeckung– ist auch die aus der italienischen Renaissance stammende und bis in die Nachkriegszeit im Münchener Raum beliebte Sgraffito-Technik in Vergessenheit geraten. Vielleicht ändert sich das jetzt: Das Büro Hild und K hat dieses Jahr ein beeindruckendes Geschäftshaus an der Münchener Frauenkirche mit einer Fassade als Sgraffito fertiggestellt. Hierbei handelt es sich um eine äusserst witterungsbeständige und langlebige Form der Fassaden-Gestaltung, bei der mehrere Mörtelschichten übereinander aufgetragen werden. Durch Abkratzen, Einritzen oder Einschneiden in die Farbe tritt die darunter liegende Schicht zum Vorschein.

Der Neubau der Erhardtstrasse will mit seinen geometrischen Fassaden an diese alte Handwerkskunst erinnern. Durch die äusserst akkurat ausgeführte Malerarbeit entsteht dabei eine optische Täuschung –glatte Stellen der Fassade sind zum Verwechseln ähnlich mit gefalteten Wandbereichen.

 

Gesicht zum Fluss

Die in einem regelmässigen Rhythmus gemalten «Lisenen» verschmelzen optisch mit vorgelagerten weissen Säulen. Die Fassade ist plastisch gegliedert mit Hilfe vertikaler Elemente. Mit Erkern, dieser linearen Rhythmisierung der Fassade sowie filigranen Metallsäulen nimmt die Erhardtstrasse 10 Motive der im ausgehenden 19. Jahrhundert entstandenen Nachbarfassaden auf. Der Gebäudekomplex mündet in einem steilen Kupferdach. Hinter den abgerundeten Fenstern verbergen sich hier doppelgeschossige Penthousewohnungen - mit Blick über das Gärtnerplatzviertel auf der einen Seite und zur Isar auf der anderen. Horizontale Dachlamellen bewahren einerseits das geschlossene Erscheinungsbild des Dachs, ermöglichen jedoch gleichzeitig eine Glasfront und somit einen Ausblick über die gesamte Breite.

 

Durch die hier erprobte Fassadenmalerei, die Verwendung von hochwertigen Materialien und das auf den Ort abgestimmte Hofgefüge unterscheidet sich der Gebäudekomplex von Thomas Kröger positiv von konventioneller Investorenarchitektur.

 

> Stefan Höglmaier hat uns in einem Interview berichtet wie es bei dem Umbau und der Sanierung des Derzbachhofs in München gelang den historischen Bauernhof zu erhalten und mit unterschiedlichen Wohntypologien erneut zum Leben zu erwecken.

> Am 27. Juni 2019 hielt der Berliner Architekt Thomas Kröger im Vitra Design Museum einen Werkvortrag, der in Zusammenarbeit mit Euroboden stattfand. Hier geht's zum Film.

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