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Einflussreiche Denker

Bruno Reichlin und Fabio Reinhart erhielten am 18. November 2017 von der ETH Zürich das Ehrendoktorat verliehen. Die beiden Tessiner wurden für ihre engagierte Arbeit als Hochschullehrer und für ihre kritischen Reflexionen im Architekturdiskurs ausgezeichnet.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 24.11.2017

 

Zwei wichtige Stimmen
Mit der Doktorwürde honoris causa ehrt die ETH Bruno Reichlin und Fabio Reinhart als zwei der wichtigsten helvetischen Architekten des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ihre ausserordentlichen Leistungen in Forschung, Lehre und Praxis haben auch im Ausland einen nachhaltigen Niederschlag gefunden – und finden es noch immer. Nach ihrem Studium an der ETH Zürich gründeten die beiden Tessiner 1970 ein gemeinsames Büro in Lugano, das etwas mehr als 15 Jahre bestand. Gleichzeitig lehrten und forschten sie als Assistenten bei Aldo Rossi, dessen Architektur Reichlin und Reinhart stark inspirierte. Mitte der 1970er-Jahre wurden sie mit der Casa Tonini in Torricella und der Casa Sartori bei Riveo auch international bekannt. Bei diesen Bauten orientierten sich die Tessiner massgeblich an der palladianischen Villentypologie und kombinierten das klassizistische Formenvokabular mit einer zeitgenössischen Architektursprache. Gleichzeitig distanzierten sie sich aber klar von einem postmodernen Flirt mit antiken Versatzstücken.

 

Analoge Architektur
Reinhart war als Hochschullehrer verantwortlich für die Einführung einer neuen Methode des Entwerfens an der ETH. Sie stiess zunächst auf Widerstand, doch die daraus resultierenden Arbeiten der Studierenden sollten bald europaweit Einfluss finden – die Analoge Architektur schrieb Geschichte. Ihr Einfluss ist auch heute noch stark spürbar, sei es an den Hochschulen oder in verschiedenen Büros (und hier nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland, beispielsweise in Bayern). Der zunehmenden Reduktion von Architektur auf vermeintlich objektive Parameter begegnete Reinhart mit dem Anspruch eines ganzheitlichen Verständnisses der Disziplin. Sie umfasst nicht nur das einzelne Bauwerk, sondern die gesamte (un)bebaute Umwelt wie auch das Alte und das Neue. Im Zentrum seines Entwurfs standen die vielschichtigen, dem Gebauten innewohnenden Erinnerungen.

 

Auseinandersetzung mit der Geschichte
Während sich Reinhart zuerst und vor allem über den architektonischen Entwurf mit einer kohärenten Architekturlehre auseinandergesetzt hat, interessierte sich Reichlin insbesondere für eine Theorie des Entwerfens, die mit der Linguistik verwandt ist. Dazu sagte Laurent Stalder, Vorsteher des Instituts gta, in seiner Laudatio: «Eine zentrale Rolle spielt dabei die Frage, inwieweit sich die Architektur auf eine systematisch erarbeitete und nachvollziehbare wissenschaftliche Grundlage zurückführen lässt. Einem allzu simplen Determinismus, wie er vorschnell aus den neuen Bautechnologien oder engen programmatischen Vorgaben abgeleitet wird, stellt er eine Auseinandersetzung gegenüber, die der Architektur in ihrer ganzen Bandbreite und historischen Tiefe nachgeht – von den technischen Möglichkeiten über ihren Gebrauch bis zur Ästhetik.» Reichlins Forschungen mündeten in wegweisende Aufsätze, Buchpublikationen und Ausstellungen zur Geschichte und Theorie der Architektur und Kunst des 20. Jahrhunderts sowie in einer Theorie der Denkmalpflege. Davon zeugen einflussreiche Studien zum Werk von Le Corbusier, Carlo Millino oder Jean Prouvé bekannt.

 

> In archithese 3.1976 Realismus in der Architektur schrieben Bruno Reichlin und Martin Steinmann über das «Problem der innerarchitektonischen Wirklichkeit».

> Den von Bruno Reichlin und Fabio Reinhart verfassten Artikel «Die Historie als Teil der Architekturtheorie» finden Sie in archithese 3.1974 Denkmalpflege. Theorie.

> Für archithese 1.1981 alt-neu-Umbauten verfasste Bruno Reichlin den Aufsatz «Die Auseinandersetzung mit der Tradition». Zudem lesen Sie in diesem Heft eine Besprechung des Hauses des Friedensrichters in Sornico, das aus der Feder von Reichlin und Reinhart stammt.

 

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