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Ein Stück Berlin in Zürich

 

Text + Fotos: Jørg Himmelreich – 2.7.2012

Fliegt man Freitags aus Zürich in die Deutsche Hauptstadt, trifft man im Flugzeug stets viele bekannte Gesichter. Berlin ist bei Zürchern angesagt. Clubs wie das Kater Holzig oder die Wilde Renate sind in aller Munde. Doch was macht den Reiz dieser Orte aus? Das Kater Holzig in einer alten Seifenfabrik ist so etwas wie ein grosser Abenteuerspielplatz, ein Nimmerland für das Partyvolk: Eine Mischung aus Kultur, Kunst, Club, Freiflächen mit Sitzstufen am Fluss und diversen Spielmöglichkeiten. Vordergründig wirkt alles gebastelt, nach zusammengenagelten Holzlatten, Fundstücken vom Zirkus oder Sperrmüll und Graffitis. Abends brennt in der Metalltonne im Hof ein Feuer, an dem man sich wärmen kann. Doch auf den zweiten Blick ist alles solide gefügt und perfekt gemanagt. Im Restaurant des Katers gibt es gediegene Vier-Gänge-Menüs. Die Obdachlosen- oder Hausbesetzerästhetik ist eben nur Begleitkulisse auf dem nächtlichen Tummelplatz einer Generation, die eine Mischung aus Punk, Öko, Recyclingästhetik, Themenpark und Novelle Cuisine schätzt.



Jetzt müssen die Partygänger für diesen Flair nicht mehr ins Flugzeug steigen. Denn letzten Freitag eröffnete auf dem Geroldstrassen-Areal in Zürich gleich hinter dem Freitagturm Frau Gerolds Garten. Und wer den Kater Holzig kennt, der fühlte sich sofort versetzt nach Berlin. Auch wenn hier kein Club dazugehört: die Zutaten aus denen das Erfolgsrezept gebraut ist, wurden auch hier appetitlich zusammengerührt. Auf der 2500 Quadratmeter grossen Brache zwischen Clubs, Brockenhaus und Bahngleisen tummelten sich Hunderte Neugierige, um zu sehen, was dort innerhalb eines Monats auf dem ehemaligen Parkplatz entstanden ist. Kernstück des Gartens ist ein Konglomerat aus 15 gestapelten Hochseecontainern mit Bar, Sitzstufen, Terrasse und bunten Lichterketten. Rings herum bilden Zelte, Kisten mit Bäumen und Bänke einen Biergarten. Hochbeete sollen künftig zehn Prozent der Zutaten der Gastronomie decken. Zuchetti, Chili, Kräuter und Radieschen lassen hoffen, dass künftig mehr als Bratwurst und Pastasalat serviert wird. Beim Urban Farming dürfen alle mithelfen: Man möchte Treffpunkt und Plattform für das Quartier werden. Die Wände der Nachbargebäude hat Künstlerin Sarah Parsons mit grosser «Urban Art» verziert. Am tropisch heissen Eröffnungsabend gab es Lifemusik, Feuerwerk und Feuerschluckerperfomances. Die Besucher genossen den Sonnenuntergang von der Terrasse mit Blick auf die Bahngleise, rotierten auf dem Kinderkarussell oder fläzten zwischen Kräutern und Teichen, die künftig von Unken und Kröten besiedelt werden sollen. Anfang September kommen noch Ateliers und Läden hinzu.



Auch wenn einige Clubs an der Geroldstrasse bald schliessen müssen: Das Areal wirkt lebendiger denn je. Dass dort bald das neue Kongresshaus entstehen soll, gibt dem Projekt eine spezielle Würze. Genau diese «komm und geniess’ diesen besonderen Ort, solange es noch möglich ist»-Stimmung macht einen grossen Teil seiner Anziehungskraft aus.



Die Illusion des Berliner Abends wäre perfekt gewesen, wenn nicht die Bierpreise – eine Flasche kostet 8 CHF – wieder in die Zürcher Wirklichkeit zurückgeholt hätte.

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archithese 6.2013

Natur – Nature


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