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Die Macht des Bildes

Die Serie Bildbauten in der Galerie BALTSprojects zeigt auf den ersten Blick Aufnahmen zeitgenössischer Bauten: monolithisch, reduziert und mit expressionistischen Dachschrägen. Beim Betrachten der Details wird aber klar, dass in den Bildern von Philipp Schaerer etwas nicht stimmt.

 

 

Text: Frida Grahn – 20.4.2016

 

Von der fotorealistischen Ästhetik

 der Bildbauten
Die Reihe der digitalen Bildmontagen scheint der Werkstatt eines zeitgenössischen Zeuxis von Herakleia entsprungen (der für sein Bildnis der schönen Helena die Gesichtszüge von fünf verschiedenen Mädchen zusammengefügt haben soll): Ein Boden von dort, eine Wandtextur von da werden geschickt zu neuen Kompositionen collagiert.
Den abstrakt anmutenden Zentralperspektiven, die weder Menschen noch banale Entwässerungsrinnen zeigen, fehlen Hinweise auf Ort und Zeit. Allein die Fenster erhöhen den Detaillierungsgrad des Bildes: als «Ready-Mades» in der Realität vorgefunden, fotografiert, ausgeschnitten und ins Bild montiert, steigern sie mit ihren Reflektionen und Vorhängen den Eindruck von Authentizität und wollen schlussendlich deutlich machen: Dort im schrägen Haus wohnt jemand.


Das Wechselspiel zwischen realistischen Komponenten und leerer Fiktion gibt den Bildbauten eine Ausstrahlung, die unsere Wahrnehmung herausfordert. Subtile Spuren der digitalen Handarbeit weisen darauf hin, dass es sich nicht um reine Fotografien handelt und obwohl die Darstellungen an gebaute Architektur erinnern, tun sie nicht so, als wären sie Abbildungen real bestehender Bauwerke.
Hier wird deutlich, dass das ausgeführte Gebäude weder Ziel noch Voraussetzung für Philipp Schaerers Arbeiten ist. Ihn interessiert das eigenständige Bild: Seine Werke überwinden die Nachteile der physischen Welt und triumphieren über die funktionellen Anforderungen der Realität.



 

Digitaler Impressionismus


Zu den gezeigten Arbeiten gehören neben den Bildmontagen auch Renderings. Ihre Ergebnisse sind nicht weniger interessant: In den Paysages Numériques sind analoge Naturaufnahmen das Rohmaterial, das im virtuellen Fotostudio auf eine bewegte Fläche trifft, reflektiert, durch das digitale Rendern festgehalten und zum Bild gefroren wird.
Durch diesen Vorgang entsteht eine malerische Verfremdung, die Spiegelung einer Wasseroberfläche, die an die Seerosenteich Claude Monets erinnern. Der Duktus offenbart sich erst aus unmittelbarer Nähe als digitale «Kleckerei». Die beschriebene Technik ist, laut Schaerer, ein Versuch, ein Mass an Zufall und Überraschung in die sonst so voraussehbare digitale Welt zu bringen. Das Ergebnis ist vielleicht schöner als die Realität.


 

Die Autonomie des Architekturbildes
Architektur lebt auch durch ihre Visualisierung und Darstellung, die den fertigen und unbeweglichen Körper vertritt. Paradoxerweise konvergieren in unserer Zeit die Repräsentationstechniken: fotografischen Aufnahmen werden am Computer nachbearbeitet während Renderings die Illusion einer authentischen Realität evozieren. Damit entfernen sich die beiden Medien vom realen Bauwerk. In der zur Ausstellung erschienenen Zweitauflage der Monografie Bildbauten wird der britische Architekten H.S. Goodhart-Rendel zitiert, laut dem das realisierte Bauwerk ein «bedauernswerter aber notwendiger» Stand zwischen der «interessanten» Architekturzeichnung und der «grossartigen» Fotografie sei.
Da nur ein Bruchteil aller Architekturentwürfe tatsächlich irgendwann in Stein stehen und das Bauen ein in sich sehr aufwendiges und teures Unterfangen ist, lohnt es sich über die Autonomie der Architekturdarstellung nachzudenken. Die Arbeiten Schaerers sind ganz in diesem Geist zu lesen: Hier wird das Architekturbild als von der Baukunst gelöstes Medium untersucht. Grundlage der digitalen Zauberwelt ist ein ständig wachsender Fundus an visuellem Rohmaterial: eine Informationsflut, dessen Bändigung Schaerer zu seiner Expertise gemacht hat.
Trotz jeder Verneinung des absoluten Zusammenhangs von Visualisierung und gebauter Architektur durch das Erheben des Autonomieanspruchs des Bildes, drängt sich doch die Frage auf, ob die Auseinandersetzung mit dem Bildmedium neue Ideen und Ästhetiken im Entwurf physischer Räume schaffen könnte.
Schaerer arbeitete im Laufe seiner Karriere als Architekt und Knowledge Manager bei Herzog & de Meuron (2002–2006) sowie als leitender Mitarbeiter am Lehrstuhl für Computer-Aided Architectural Design der ETH Zürich (2003–2008).

 

Die Publikation zur Ausstellung Bildbauten. Philip Schaerer von Reto Geiser wurde überarbeitet und ein zweites mal aufgelegt. Das Buch kann während der Öffnungszeiten in der Galerie BALTSprojects, im Buchhandel oder online erworben werden.

Die Ausstellung findet vom 16. April – 21. Mai 2016 statt. Die Öffnungszeiten sind Donnerstags bis Freitags von 14.00 – 18.00 sowie Samstags zwischen 12.00 – 17.00 Uhr. Weitere Besichtigungen sind nach Vereinbarung möglich.

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