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Die Geselligkeit eines Einsiedlers

Als Ernst Ludwig Kirchner 1917 von Berlin in die Schweiz zog, brachte er das mondäne Leben mit nach Davos. Das Kirchner Museum zeigt in der Ausstellung …heute kam den ganzen Tag Besuch Arbeiten, die im Kontext seines regen Gastgebens entstanden sind. archithese hat die Ausstellung besucht. 

 

Text: Leonie Charlotte Wagner – 26. Juni 2019
Fotografien und Kunstwerke: Ernst Ludwig Kirchner © Kirchner Museum Davos 

 

Davos als Läuterung
1917 kam der damals 27-jährige Ernst Ludwig Kirchner nach Davos. Dieser Umzug brachte einen (notwendigen) Lebenswandel des Künstlers mit sich. Denn er hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten und war mehrfach in Sanatorien in Deutschland und der Schweiz für Kuren. Davos wurde zu einer Art «alpinem Läuterungsberg» für den permanent rauchenden Künstler mit einer Neigung zur exzessiven Lebensführung. Es scheint eine «Verwandlung von einem hypernervösen Urbaniten zu einer Art Rosseau-Existenz in bäuerlicher Gemeinschaft»stattgefunden zu haben. Kirchner hatte bis 1917 in Berlin gelebt, das 1911 mit knapp vier Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt Europas war. Georg Simmel beschrieb 1903 in Die Grossstädte und das Geistesleben die «Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge» als eine Reaktion der Städter auf eine reizüberflutete Realität. Vielleicht war es auch diese Abstumpfung, der Kirchner in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen entgegenzuwirken versuchte. In Davos jedoch, zog sich Kirchner nicht etwa zurück, sondern suchte regen Kontakt mit Einheimischen. Seine Freunden aus der Ferne lud er immer wieder zu sich ein. Sie blieben mitunter für viele Wochen. 

 

Kirchners Davoser Lebensumfeld
Das zuerst eng abgesteckt anmutende Thema der Ausstellung ermöglicht erstaunlich reichhaltige Einblicke in das Werk und Leben des Künstlers. Den Kuratoren ist es gelungen, Kirchners Lebensumfeld so darzustellen, dass den Besuchern das Davoser Leben des Künstlers noch nähergebracht werden kann, als es das Kirchner Museum das sowieso bereits tut. Schliesslich kann man hier Werke am Ort ihrer Entstehung sehen. 
In diesem Sinn zeigt einer der vier Ausstellungsräume Arbeiten befreundeter Künstler und Schüler Kirchners, darunter Holzschnitte des Schweizer Künstlers Albert Müller und Gemälde von Philipp Bauknecht und ein aquarelliertes Selbstportrait Hans Rohners. 
In einem nächsten Raum sind Davoser Arbeiten von Kirchner selbst zu sehen. Hier werden neben einem Teppich, der von einer Davoser Weberin nach Kirchners Entwurf gewebt wurde, Gemälde gezeigt. Der Raum sprudelt vor leuchtenden Farben und satten Konturen, die dann im dritten Ausstellungsraum durch schwarz-weiss Fotografien und Zeichnungen kontrastiert werden. In Petersburger Hängung sind hier Skizzen Kirchners und Zeichnungen seiner Gäste und den benachbarten Bauerfamilien zu sehen. Kirchner interessierte sich also nicht nur für seine Freunde, sondern widmete sich ebenso seiner unmittelbaren Umgebung. An einer Wand sind grossformatig Fotografien ausgestellt, die der Künstler von jedem seiner Gäste machte. 

 

Kirchner und Architektur
Der vierte Raum widmet sich dem Zentrum der Gastfreundschaft: Dem Esszimmer. Hier findet man skurrile Aschenbecher mit Äffchen und Absinth-Flaschen aus dem letzten Jahrhundert sowie Briefe, die das vorzügliche Essen bei Ludwig Kirchner und seiner Frau Erna Schilling loben. Kirchners Kunstverständnis hörte nicht bei Gemälden, Skulpturen und Fotografien auf, sondern umfasste auch sein Haus. Der studierte Architekt legte grossen Wert auf die Einrichtung und Herstellung verschiedenster Objekte. Unter den Ausstellungsstücken befindet sich ein massives Holzbett, das er für seine Frau Erna baute.  Die Füsse des rustikalen Bettes bestehen aus geschnitzten tierisch-menschlichen Figuren, die aus seinen Gemälden entlaufen zu sein scheinen. Der Museumsbau von Annette Gigon und Mike Guyer (1992) bildet einen angenehmen Kontrast zum umfassenden Gestaltungswillen Ernst Ludwig Kirchners. Mit seinen vier schlichten Sälen, die durch einen Korridor locker miteinander verbunden sind, ermöglicht es den Besuchern, sich frei durch die Ausstellung zu bewegen und die Blicke immer wieder in den Garten, das Dorf und die Berge schweifen zu lassen. 

 

Die Ausstellung ist bis zum 27.Oktober 2019 im Kirchner Museum Davos am Ernst Ludwig Kirchner Platz zu sehen. Sie ist dienstags bis sonntags von 1118 Uhr geöffnet. Führungen finden dienstags und sonntags jeweils um 16 Uhr statt.

 

1 Thorsten Sadowsky, Ernst Ludwig Kirchner, München 2017.

 

> Das steigende kollektive Bedürfnis nach mehr Rückzug ist auch das zentrale Thema in der schriftenreihe in diesem Sommer. 

> Lesen Sie mehr über das Kirchner Museum von Gigon & Guyer in archithese 1.1995 Schrift am Bau.

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