Aus welchem Land kommen Sie?


Die Freiheit der Stadt liegt in ihrer Vielfalt und Wandelbarkeit

Ein Dialog zwischen Matthias Sauerbruch und Hubertus Adam

 

Die Swiss Prime Site hat einen privaten Studienauftrag für das Zürcher Maag Areal ausgeschrieben, dessen Ergebnisse im Frühjahr bekannt wurden. Am Ende des Prozesses hat sich die Bauherrschaft für das Projekt von Sauerbruch Hutton entschieden. Relativ unisono bekennen sich Architekturszene und Fachöffentlichkeit demgegenüber zu dem schliesslich unterlegenen Konkurrenzentwurf von Lacaton Vassal. Diese etwas irritierende Einhelligkeit ist für archithese Anlass, den Austausch mit Sauerbruch Hutton zu suchen. Denn auch ihre Argumente müssen Gehör finden.

 

Text: Hubertus Adam – 2.8.2021

 

Hubertus Adam
Ich habe unlängst im Baunetz einen Beitrag zur aktuellen Debatte über das Maag Areal in Zürich veröffentlicht. Du hast daraufhin in einem Brief an Friederike Meyer, die verantwortliche Redakteurin von Baunetz, und an mich geschrieben, dass Eure Argumentation in der Schweiz nicht gehört würde – und dass auch die deutschen Medien die einseitige Sichtweise der Schweizer Architekturszene und der Schweizer Architekturpresse übernähmen, ohne sie kritisch zu hinterfragen. In der Replik an Friederike und mich lese ich: «Hubertus Adam scheint plötzlich jede kritische Kapazität zur Seite zu legen, um auf der populistischen Welle zu surfen. Kritischer Journalismus sollte sich die Mühe machen, die komplexen Zusammenhänge auch als solche zu benennen, finde ich, und nicht vorherrschende Meinungen allzu bereitwillig zu adoptieren.»
Wir kennen uns seit langem – genauer gesagt seit der Zeit in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, als ich bei der Bauwelt in Berlin arbeitete. Du weisst, dass ich eure Arbeit sehr schätze und sie auch mehrfach in der archithese vorgestellt habe. Ich glaube, es ist eine gute Gelegenheit zu einem persönlichen Dialog, und ich freue mich, dass du dazu bereit bist. Ich möchte Dich zunächst fragen, was Du mit dem Vorwurf des Populismus meinst.

Matthias Sauerbruch
Zunächst einmal vielen Dank für deine Bereitschaft zum Gespräch. Mein Vorwurf besteht darin, dass in den Medien im Zusammenhang mit dem Projekt Maaglive immer wieder dieselbe Meinung wiederholt wird, die ursprünglich auf der Entrüstung einiger Kulturschaffender fusst und dann von Architekt*innen aufgegriffen und vervielfältigt wurde. Mit jeder Vervielfältigung der ohnehin schon sehr vereinfachten Argumente wird die Darstellung immer noch ein bisschen mehr schwarz und weiss, gut und böse. Als Journalist sollte man die Zusammenhänge analysieren, bevor man sich der Entrüstung anschliesst. So scheint es zunächst einmal auch um Pfründe zu gehen: Hier betreibt jemand ein Geschäft zu bestimmten Bedingungen – und das soll sich ändern. Die Vermutung ist berechtigt, dass die neuen Bedingungen gegebenenfalls schwieriger werden als sie es waren, also aktiviert man alle Emotionen, um das zu verhindern. Man argumentiert damit, dass mit dem Entfall der bestehenden Gebäude die ganze Kulturszene und insbesondere die alternative Szene beschädigt würde. Nun ist es in Wirklichkeit so, dass die primäre kulturelle Aktivität für den einen Teil derMaaghalle, nämlich das Tonhallenprovisorium, einfach entfallen ist und kein Ersatz gefunden wurde ausser einer immersiven Kunstausstellung, deren Wert sicher diskussionswürdig ist und nicht viel mit der Off-Szene zu tun hat. Dasselbe gilt für die Musical-Nutzung in dem anderen Teil der Halle. Beide Nutzungen sind exklusive Veranstaltungen, die denen dienen, die sie organisieren, und denen, die sie besuchen, die aber für die Quartierbevölkerung (mit Ausnahme vielleicht der Restaurants in der Nähe) keinen Mehrwert, sondern eher Nachteile bringen. Dazu hat eine Marktanalyse ergeben, dass das räumliche Angebot der Maag-Hallen in Zürich vielfach vorhanden ist. Das Puls 5, das Toni-Areal und der Schiffbau sind nur wenige Schritte entfernt, die Rote Fabrik, die Halle 622 und verschiedene andere mehr haben vergleichbare Angebote.
Wir haben deshalb – entgegen der in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Darstellung – mit unserem Entwurf eine vorsichtige Annäherung an diese Situation vorgeschlagen, die auf einen tatsächlichen Bedarf reagieren kann. Zunächst einmal wird das kleinteiligere «Gebäude K» ja vollständig erhalten und kann wieder als alternativer Kulturort benutzt werden, wenn die heutige Foyerfunktion entfällt. Das Tonhallenprovisorium, also der eine Teil der Halle, könnte in unserer Strategie auch erhalten werden, wenn sich eine sinnvolle neue Nutzung ergibt. Dasselbe gilt ohnehin für die unterirdischen Bauten, wenn sich erweist, dass die Renovierung dieser Bauwerke eine zukunftstaugliche Lösung darstellt. Der andere Teil der Maag-Hallen ist im Programm zum Studienauftrag zum Abriss vorgesehen, und an diese Vorgabe haben wir uns gehalten.
Wir sind aber gedanklich nicht an dieser Stelle stehen geblieben, sondern haben darüber nachgedacht, ob es denn alternative Lösungen gäbe in dieser etwas verfahrenen Situation, die für beide Seiten sinnvoll und wünschenswert wären. Deshalb haben wir ein Kulturhaus vorgeschlagen, das auf den Bedarf eingeht, den uns eine Marktanalyse erarbeitet hat, die von den Bauherren in der Überarbeitungsphase beauftragt und beiden Teams zur Verfügung gestellt wurde. Dieser Bedarf enthält eine viel differenziertere Nutzung mit kleineren und vielfältigeren Angeboten, die nicht nur überregionalen Veranstaltern, sondern eben der Nachbarschaft auch wirklich offenstehen kann. Ich habe inzwischen zufälligerweise eine der Organisatorinnen des Literaturfestivals Zürich liest kennengelernt, die mir das Ergebnis dieser Analyse aus ihrer Erfahrung bestätigt hat. Es gibt relativ viele grössere Säle in Zürich, was fehlt, sind kleinere Räumlichkeiten, die vernetzt sind und mit weniger Aufwand bespielt werden können. Anscheinend haben sich in der Podiumsdiskussion des BSA (zu der wir leider nicht eingeladen wurden) Kollegen gemeldet, die ein mehrgeschossiges Kulturhaus für nicht machbar hielten. Wir kennen das aber aus Berlin ganz gut – du erinnerst dich sicher an die Hackeschen Höfe mit den Kinos und dem Theater Chamäleon in den Obergeschossen.

HA
Die Tonhalle Maag war ein grandioser Konzertsaal, der aufgrund seiner Akustik, aber auch der Nähe von Orchester und Publikum weit über Zürich hinaus Beachtung gefunden hat und der auch ein neues Publikum für klassische Musik begeistern konnte. Es ist ein Desaster, dass für diesen Raum keine adäquate Nachnutzung gefunden werden konnte. Vielleicht ist so etwas auch nur im reichen Zürich denkbar: Da wird ein Konzertsaal für mehr als 10 Millionen Franken gebaut, und nach ein paar Spielzeiten, die coronabedingt noch kürzer ausfallen, wird alles rückstandsfrei entsorgt. Mir leuchtet die kulturelle Notwendigkeit eines Museums für immersive Lichtkunst auch nicht ein, selbst wenn dieses nach Aussagen der Betreiber kommerziell erfolgreich sein soll. Auch für mich ist die Musicalnutzung nicht über alle Zweifel erhaben. Aber sollten wir unseren eigenen kulturellen Geschmack zum Massstab aller Dinge machen? Es gibt offensichtlich ein Interesse an einer digitalen Van-Gogh-Show, es gibt ein Publikum für Ewigi Liebi in der Maag Musical Hall, selbst wenn wir da nicht hingehen. Es fliessen hierfür keine öffentlichen Gelder, die Veranstaltungen tragen sich selbst: Spricht nicht einiges dafür, die Nutzungen, die ja derzeit vor allem durch die Pandemie beeinträchtigt sind, einfach beizubehalten? Und selbst wenn die aktuellen Nutzungen einmal ausfallen – gibt es nicht genügend Bedarf für grosse, informelle und flexible Räume in Zürich-West, die undeterminiert sind und Vieles zulassen?

MS
Ich gehe ab und an auch gerne ins Musical, und wenn sich eine anspruchsvolle Praxis im Bereich der Lichtkunst ergibt: warum nicht? Gleichzeitig muss man einfach sagen, dass diese Angebote auch an anderen Orten in Zürich gut aufgehoben wären, und man darf nicht vergessen, dass der Bestand einmal ein Teil einer Fabrikanlage war und der gegenwärtige Betrieb sozusagen parasitär stattfindet. Wir haben es also mit Räumlichkeiten zu tun, die für diese Nutzungen angepasst werden müssen und somit auch erheblichen Interventionsbedarf generieren. Mit solchen Interventionen wird aber dann in Situationen investiert, die in mehrerer Hinsicht alles andere als ideal sind. So hat sich in der Zwischenzeit das Gelände um diese Hallen herum ja vollkommen verändert. Sie sind nicht mehr Teil einer Industriebrache, auf der man mehr oder weniger tun oder lassen kann, was man will, weil es keine Anwohner*innen und auch keine unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen mehr gibt, sondern sie liegen jetzt mitten in einem sehr hochwertigen gemischten Wohngebiet neben einem der höchstfrequentierten Knotenpunkte des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs in der Schweiz mit unmittelbarem Anschluss an den internationalen Hub Zürich-Kloten. Diesen Wandel kann man doch nicht einfach ignorieren. Um ehrlich zu sein, finde ich es ein Wunder, dass sich unsere Bauherrschaft so verbindlich auf eine zukünftige Kulturnutzung im Gebäude K und in einem zukünftigen Kulturhaus einlassen. Das ist doch ein wirkliches Angebot, und ich kann nicht verstehen, warum man nicht an einer konstruktiven Umsetzung eines zukunftsfähigen Konzepts arbeitet, anstatt alles an die Frage des Erhalts einer ganz offensichtlich nicht idealen Immobilie zu hängen.

HA
Ihr seid in Deutschland Pioniere nachhaltigen Bauens – und in Berlin schon in den 1990er-Jahren mit dem GSW-Haus bekannt geworden, bei dem ein auch nicht über alle Zweifel erhabener Altbau erhalten, erweitert und mit kontrastierenden Elementen ergänzt wurde. In diesem Fall habt ihr anders entscheiden. Das hat mich überrascht…

MS
Tatsächlich ist uns der Gedanke, dass Erhalt vor Neubau gehen sollte, nicht neu. Diese Denkweise ist für uns ein Thema seit unseren aller ersten Anfängen und – wie du zurecht erwähnst – in Berlin mit der GSW Hauptverwaltung als einem frühen gebauten Beispiel nachvollziehbar dokumentiert. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf meine Rede zum Konvent der Baukultur 2018 hinweisen, die unsere Position sehr klar macht. Wenn man diese Äusserungen ernst nehmen will, dann kann man sich natürlich zu Recht fragen, wieso wir uns im Züricher Fall gegen den Erhalt zumindest einer der beiden Maag-Hallenteile ausgesprochen haben.
In Bezug auf eventuelle CO2-Emissionen zum Zeitpunkt der Errichtung eines Bauwerks hat der Erhalt von Bestand unbestritten eine grossen Vorteil gegenüber einem gleichwertigen Neubau, da weitestgehend die vorhandene graue Energie verwendet werden kann, anstatt neuen Materialien einsetzen zu müssen; wenn grosse Teile der vorhandenen Baustoffe bei einem Abriss aber wieder dem Materialkreislauf zugeführt werden können (und das ist bei einem Stahlbau wie der Maag-Halle der Fall), relativiert sich dieser Vorteil bereits erheblich. Dazu kommt, dass auch beim Erhalt in aller Regel ein Umbau stattfindet, bei dem natürlich auch Material investiert werden muss. Die Alternative lautet also nicht 100% versus 0% CO2-Ausstoss, sondern – nur auf die Erstinvestition bezogen – wahrscheinlich eher 100% versus 50%. Man muss aber den gesamten Lebenszyklus betrachten, und da gehört natürlich der Betrieb dazu. In dieser Hinsicht sollte ein Neubau einem Umbau weit überlegen sein, sonst ist bei der Planung etwas schief gelaufen. Je länger und erfolgreicher der Betrieb einer Immobilie, desto wahrscheinlicher also, dass der Neubau dem Erhalt auch in punkto Nachhaltigkeit überlegen ist.
Das wichtigste Argument in diesem Zusammenhang ist aber die Zukunftsfähigkeit einer Situation. Man muss sich doch fragen, ob man mit dem bedingungslosen Erhalt eines Gebäudes nicht einen Zustand zementiert, der schon in absehbarer Zukunft eigentlich keinem mehr Freude bereitet. Und da darf man nicht nur auf ein Gebäude schauen, sondern man muss das ganze Umfeld mitbetrachten. Es gibt sicherlich keine Meinungsverschiedenheiten, wenn wir die Vorteile der Öffnung und Durchwegung des Quartiers sowie die Etablierung eines neuen begrünten Quartierplatz im Vergleich zum Ist-Zustand diskutieren. Die bestehenden Hallen wirken wie ein Korken, der das Quartier verstopft und seinerseits kaum Angebote auf der Erdgeschossebene macht. Wenn man Nachhaltigkeit mit Überlebensfähigkeit auf Grund von Lebensqualität gleichsetzt, dann ist aus unserer Sicht der Neubau klar im Vorteil. Die Situation wird der neuen Identität des Quartiers angepasst und es werden Angebote gemacht, die den Zielsetzungen einer grünen, verdichteten, gemischten und verkehrsarmen Stadt entsprechen. Dazu bieten alle von uns vorgeschlagenen Bauten sogenannten «loose-fit»; sie sind also auf mehrfache Nutzungsänderungen in den 100 Jahren ihres Lebenszyklus bereits vorbereitet.

HA
Als ich 1998 nach Zürich zog, war ich überrascht, wie sorglos man mit Zeugnissen der industriellen Vergangenheit umging. Die Stadt brüstete sich mit kooperativen Entwicklungsverfahren – Stadt + Grundeigentümer – so, als hätte es diese Frage anderenorts und anderenlands nicht schon längst gegeben; IBA Emscher Park wäre nur ein Beispiel. Das Maag-Areal mit Prime Tower wurde dann von Gigon/Guyer gebaut (ihr wart damals auch am Wettbewerb beteiligt, wenn ich mich recht entsinne). Und es wurde, das sehe ich definitiv so, in Zürich West viel mehr abgerissen als nötig. Bis zum Verlust der Identität. Mike Guyer hat das von der SPS eingeleitete Verfahren jetzt begleitet. Ich habe seine Aussagen aus dem Sonderheft von Hochparterre zum Maaglive-Studieneauftrag zitiert, er hat sie auf der Podiumsdiskussion des BSA wiederholt: Er sähe die Dinge heute anders, auch auf ihrem Baufeld wäre heute anders umzugehen. Ich gestehe jedem einen Wandel seiner Gesinnung zu.

MS
Ja wir haben in der Tat am Wettbewerb für den Prime Tower wie auch anderen Standorten in Zürich-West teilgenommen und ich erinnere mich noch gut an den Zustand der Industrie-Brache. Generell ist die post-industrielle Stadt auch für uns eine «Herzensangelegenheit»; wir haben über die Jahre an vielen Orten zu dem sogenannten Strukturwandel beigetragen sei es in Dessau, Hamburg oder München aber auch in Sheffield, in Genf, Paris, Venedig oder zuletzt gerade in Stockholm (verlinken: www.sauerbruchhutton.com). Ich kann deine Wehmut bis zu einem gewissen Grad verstehen; mit den Häusern verschwinden auch die Erinnerungen, und man sieht den unaufhaltsame Wandel auch des eigenen Lebens. Dennoch finde ich die Hinwendung zu den städtebaulichen und architektonischen Motiven der Vergangenheit, die identitätspolitisch (zumindest in Europa) die meisten Umwandlungsprojekte (gerade in ehemaligen Industrie- und Infrastrukturgebieten) fast widerspruchslos bestimmen, überhaupt nicht selbstverständlich. Wir richten vollkommen neue Stadtteile ein für soziale und wirtschaftliche Strukturen, mit denen wir bisher noch nicht sehr viel Erfahrung haben, sind uns aber sicher, dass diese den Motiven der Vergangenheit (wie zum Beispiel ihrer aus der Logik irgendeines Industrieprozesses entstandenen Morphologie) gewidmet sein müssen. Dazu kommt jetzt noch die Tendenz von Klimaaktivisten, jeden Fortschritt grundsätzlich zu verteufeln. Mir ist bei dieser Mischung aus Öko-Gesinnung und Erhaltungsrhetorik nicht sehr wohl, denn da verbindet sich im ungünstigsten Fall eine sehr unheilige Allianz konservativ-behäbiger Nostalgie, diffuser Animosität gegen Veränderung, Risiko und Fremdheit mit einer ebenso unreflektierten wie kompromisslosen Weltverbesserungsideologie.
Auch sind wir eben nicht mehr in den 1970er-Jahren, wo die Stadt noch viele Lücken aufwies, die man bequem mit Experimentellem besetzten konnte, und so sehr wir uns den Erhalt dieses doch recht sorglosen Zwischennutzungszustands vielleicht wünschen, sind wir insbesondere als Architekten tagtäglich Teil der Veränderung, die ihm ein Ende bereitet. In dem Zusammenhang erscheint es uns ehrlicher und klüger, diese Veränderung aktiv zu gestalten und mit den unvermeidlichen Parametern einer Aufgabe intelligent umzugehen, auch indem man versucht, gegenüber den eigenen Vorurteilen eine gewisse kritische Distanz zu wahren.

HA
Ich gebe Dir in gewisser Weise recht: Lange hat sich niemand für die historischen Zeugnisse in Zürich-West wirklich interessiert. Plötzlich aber wird mit anderen Massstäben gemessen, und zwei vielleicht architektonisch etwas mediokre Hallen werden zu den neuen Nagelhäusern Zürichs. Für mich hat das mit dem zu tun, was der Philosoph Hermann Lübbe einmal «veränderungstempobedingten Vertrautheitsschwund» genannt hat: Je mehr Neues pro Zeiteinheit entsteht, desto mehr restabilisiert sich die Geltung des Alten. Mit anderen Worten: Weil zu viel und zu lange auf dem Maag-Areal abgerissen wurde, avancieren jetzt die letzten Zeugnisse, die auch noch nicht kaputtsaniert sind, sondern noch etwas Industrie-Groove ausstrahlen, zu Kristallisationspunkten des Widerstands. Aufgrund des ökonomischen Drucks, der in Zürich herrscht, ist anders als etwa in Winterthur oder Baden nicht gelungen, die stadtbild- und identitätsprägende Kraft von Zeugnissen der industriellen Vergangenheit zu nutzen. Hier dominierte Tabula Rasa, und die Kritik daran verstehe ich nicht als behäbige Zukunftsverweigerung.

MS
Naja, so ein richtig innovativer Geist steht aber auch nicht dahinter, oder? Ich will aber auch nicht einer Erneuerungswut das Wort reden, die Architekten ja sowieso immer unterstellt wird. Ich fände es eigentlich am besten, wenn einfach ein gewisses selbstverständliches Nebeneinander von Altem und Neuem von Alltäglichem und Besonderem von verschiedenen Aktivitäten und unterschiedlichen Menschen und Lebenskonzepten in einer Stadt möglich bleibt, denn das ist es, was sie schliesslich immer noch so attraktiv macht. In der Vielfalt und der Wandelbarkeit liegt die Freiheit der Stadt.

HA
Die Swiss Prime Site hat einen aufwändigen Studienauftrag durchgeführt. Sie hat aus den zwei in die Weiterbearbeitung geschickten Projekten schliesslich Eures ausgewählt. Allerdings hat Sie den Jurybericht bislang zurückgehalten – die meisten Informationen über Verfahren und Ergebnisse erhält man über das unlängst publizierte Sonderheft von Hochparterre.
Gewiss, die SPS ist als private Bauherrschaft zu all dem auch nicht verpflichtet. Aber schon die beiläufige Information über das Verfahren und den Entscheid anlässlich einer Bilanzpressekonferenz halte ich zumindest für ungeschickt. Auch für Euer Projekt.

MS
Dazu kann ich nicht viel sagen, denn das gewählte Vorgehen liegt natürlich nicht in unserer Verantwortung. Ich kann nur sagen, dass mir das Verfahren fair und transparent erschien; es gab eine Jury, die hat die Konkurrenz mit ihrer Entscheidung abgeschlossen, zwei Arbeiten zur Weiterbearbeitung und finalen Entscheidung an die Bauherrschaft zu empfehlen. Damit entlässt man als Jury so ein Verfahren in eine nächste Runde, an der man dann nicht mehr beteiligt ist. Diese nächste Runde bestand in unserem Fall ja bereits in einer sehr detaillierten Weiterbearbeitung der Entwürfe. Wie gesagt, es gab diese Marktanalyse, aber es gab auch Gespräche mit Behördenvertretern im Bereich Grünplanung, Verkehr, Denkmalschutz, Schallschutz, den Landschaftsplanern der Nachbargrundstücke etc., etc. Dies waren Prozesse, an denen nur noch Mike Guyer als Berater der Bauherrschaft teilweise beteiligt war. Dass er nach Abschluss dieser Phase darauf bestanden hat, die Jury der ersten Runde (ohne Mandat in der Überarbeitung) noch einmal zusammen zu rufen, um eine Stellungnahme abzugeben, fand ich – sagen wir – ungewöhnlich. Auch das wird in den Medien ja nun so kommuniziert, als hätte sich die Swiss Prime Site gegen die eigene Fachjury verhalten. Das hat sie aber nicht, sondern sie hat das Verfahren genau so abgewickelt wie geplant, hat den Entscheid der Jury umgesetzt und ist nach der Überarbeitung zu einem nachvollziehbaren Ergebnis gekommen.

HA
In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, hier solle etwas verschwiegen werden. Und wäre Swiss Prime Site nicht besser beraten gewesen, offensiver, offener und selbstbewusster zu kommunizieren?

MS
Da hast Du vielleicht Recht; aber ich fand den etwas willfährigen Umgang der Jury mit den Verfahrensschritten auch grenzwertig. Man kann einen solchen Wettbewerb mit einem sportlichen Wettkampf vergleichen. Man einigt sich auf bestimmte Spielregeln, und danach wird der Wettbewerb nach diesen Regeln ausgetragen. Da kann es auch passieren, dass man mit seiner Meinung unterliegt. Die Kolleg*innen sollten im eigenen Interesse eigentlich darauf achten, dass diese Disziplin auch eingehalten wird.
Ähnlich überrascht bin ich übrigens jetzt über die öffentliche Diskussion über das Planungsrecht:  Auch du sprichst in deinem Artikel von genehmigungsrechtlichen Problemen als seien sie nur ein Vorwand, um andere Interessen zu befördern, und als sei die Änderung eines Gestaltungsplans eine Kleinigkeit, die man schon irgendwie lösen könne. Wir haben den Gestaltungsplan selbstverständlich ernst genommen; schliesslich ist er das Ergebnis eines langen demokratischen Prozesses, bei dem alle Stakeholder zu Wort gekommen sind. Die Schweiz gilt als Vorbild der partizipatorischen Demokratie gerade auch in städtebaulichen Fragen, und wir alle wissen, wie mühsam und zeitfressend diese Prozesse sind. Das Ergebnis eines solchen Verfahrens auf Grund einer Tagesform einfach zu ignorieren, halte ich für leichtfertig.

HA
Auf der Podiumsdiskussion, die unlängst vom BSA Zürich veranstaltet wurde, meldete sich auch Lis Boesch zu Wort, die seinerzeit massgeblich am Ausarbeiten des Masterplans beteiligt war, und sagte, sie verstünde nicht, warum man die damals festgelegten Bestimmungen nicht längst aktualisiert und den heutigen Bedingungen angepasst habe. Planungsinstrumente sind natürlich rechtlich verbindlich, aber sie sind auch nicht unveränderlich. Hätte das nicht längst stattfinden müssen? Und hätte nicht die Stadt, die ja immer sehr stolz ist auf die «kooperativen Verfahren» der Neunzigerjahre, auch im Vorfeld des jetzigen Studienauftrags den Dialog mit den Eigentümern suchen müssen, um das zu vermeiden, was Judit Solt als Moderatorin der Diskussion als «Scherbenhaufen» bezeichnet hat?

MS
Auch hier muss ich passen; ich weiss nicht, wie die Abstimmungen zwischen der Stadt und der SPS im Vorfeld zu dem Wettbewerb gelaufen sind, das müssen Urs Baumann oder Johanna Gerum von Swiss Prime Site beantworten. Ich kann nur sagen, dass Architektur und insbesondere Städtebau langsame Disziplinen sind, und dass man bereit sein muss, langfristig zu denken und zu agieren. Mir scheint das auch zu funktionieren, gerade wenn ich mir Zürich-West ansehe. Man muss mal kurz versuchen, das Gesamt-Unterfangen aus der Distanz zu betrachten. Da würde ich sagen, dass das doch eine weitgehend gelungene Transformation war und ist. Dass man Neubauquartieren immer erst einmal zwei Generationen Zeit geben muss, bis sie sich nicht mehr neu anfühlen, gilt für alle Projekte dieser Art. Im Zusammenhang mit unserem Verfahren von einem Scherbenhaufen zu sprechen, scheint mir völlig unangemessen. Im Gegenteil ich sehe einen guten Anfang für einen passionierten Dialog, der zu etwas wirklich Guten führen könnte, das es in dieser Form vielleicht noch nirgendwo gibt. Voraussetzung dafür ist allerdings auch die Bereitschaft, überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen.

HA
In diesem Sinne verstehe ich auch unseren Dialog. Ich danke Dir für das Gespräch.

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