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Der Vergessenheit entreissen

Dass sich eine Stadt in ihren Untergrund gräbt, hat eine lange Tradition. Kavernen und Hohlräume gehen mitunter vergessen. Manchmal werden sie neu entdeckt, so auch die Kasematten im Bollwerk zur Katz in Zürich.

 

Text: Manuel Pestalozzi – 5.9.2017

 

Vom Schutz zum Hindernis
Kasematten – vom altgriechischen chásma für Spalte, Erdschlund oder Erdkluft –bezeichnen ein vor Artilleriebeschuss geschütztes Gewölbe im Festungsbau. Mit tiefen Schiessscharten ausgestattet, hatten sie jede Art von sneak attacks und anderen Annäherungen über den Schanzengraben zu verhindern. Die unterirdischen Gewölbe gehörten auch zur dritten Befestigung der Stadt Zürich. Sie wurde im 17. Jahrhundert gebaut. Damals schwebte der Regierung die Rolle eines «protestantischen Roms» vor und die imposante Verteidigungsanlage sollte von der Macht der Republik künden. Ihr praktischer Nutzen blieb unterprobt. Ab 1833 begann man mit der Entfernung der Befestigungen, die als Hindernis für die Stadtentwicklung erkannt wurden.

 

Oase im Stadtgewebe
Die Bastion zur Katz, das höchste und wichtigste Element der linksufrigen Anlage, blieb jedoch zusammen mit dem wasserführenden Schanzengraben (teils zugeschüttet) erhalten. Als idealer Standort für einen botanischen Garten betrachtet, wurde das terrassierte Territorium der Universität zur Verfügung gestellt. Sie engagierte den jungen Theodor Fröbel als Gartenbauer, der sich zu einem der bedeutendsten Landschaftsarchitekten seiner Zeit entwickeln sollte. Neben den wissenschaftlichen Anpflanzungen hatte er einen Nutzgarten zu verwalten: Die Bevölkerung konnte einst auf der Katz auch Saatgut und Setzlinge einkaufen. Einige der Räume im Festungsbau wurden zudem als Lager und Keller für den Gärtnereibetrieb weitergenutzt. Diese Verwendung dauerte an bis ins späte 19. Jahrhundert. Anschliessend wurden die Zugänge überdeckt, es blieben die Schiessscharten im Bollwerk.

 

Ans Tageslicht gebracht
In den 1920er-Jahren kletterte der neugierige und wagemutige Zürcher Historiker Theodor Pestalozzi durch diese Öffnungen in die Kavernen und erschloss dieses verschüttete Stück Stadtgeschichte wieder der Allgemeinheit – oder zumindest der Fachgemeinschaft. Im Frühling des Jahrs 1940, als eine Invasion Deutschlands befürchtet wurde, erneuerte man im Rahmen des kurzlebigen Verteidigungswerks Limmatlinie den Zugang zu den Katz-Kasematten vom Botanischen Garten her und wandelte sie in Schutzräume um, inklusive Nottoiletten, Sickergruben und einer Not-Ausstiegsleiter entlang der Bollwerkmauer.

 

Raum für alle
Heute ist der alte Botanische Garten ein beliebter und zentrumsnaher Park. In den 1970er-Jahren entstand übrigens im Züricher Seefeld eine andere, neue Anlage. Die schöne und stattliche Vegetation wird nach wie vor von der Universität Zürich gepflegt. Nur wenigen Besuchern ist bewusst, dass die mittlere und die obere, abschliessende Terrasse für das Aufstellen von Kanonen angelegt wurden. Die darunter liegenden Kasematten sind grundsätzlich zugänglich, der Treppenabgang wird durch schwere horizontale Stahlplatten abgedeckt, die sich von Befugten hochklappen lassen. Der Abstieg in die stattlichen Gewölbe hinter den beiden bestehenden Schiesscharten ist ein Gang in Zürichs Festungsgeschichte. Er erzählt von einstigen Machtträumen und der gewonnenen Fähigkeit, das Terrain nach den eigenen Vorstellungen zu modellieren, zu festigen und nutzbar zu machen. Dieser barocke Beitrag zur lokalen «Terratektur» ist es wert, einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht zu werden.

Veranstaltung

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Job Floris spricht am 12. Okotber 2017 im Rahmen von archithese kontext im Architekturforum Zürich.

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