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Der Gleisfluss

Vom Hinterhof zur Schokoladenseite

 

Katharina Ehrenklaus Der Gleisfluss ist als freies Diplom bei Tom Emerson unter Mitarbeit von Elia Zenghelis und Christian Schmid an der Zürcher ETH entstanden. 2015 wurde das Projekt mit der Silbermedaille der ETH ausgezeichnet. Katharina Ehrenklau begreift das Gleisfeld als dritten Fluss neben Sihl und Limmat, der mit seinem Wirrwarr aus Schienen, Oberleitungen und Signalanlagen Zürich durchzieht. Mit ihrem Entwurf lotet sie das gestalterische Potential dieser Deutung der Stadtlansdschaft aus:

 

Text, Pläne & Collage: Katharina Ehrenklau – 12.1.2016

 

Der Gleisfluss
In Zürich gibt es drei Flüsse: die Sihl, die Limmat und der Gleisfluss – ein künstlich fliessender Strom, der sich durch die Stadt schneidet, mit Ebbe, Flut und sich verändernden Ufern.

Grossmassstäbliche freie Flächen scheint es in Zürich kaum noch zu geben, aber sie existieren und sind auch wieder im Zentrum zu finden. Nachdem die erste Bahnlinie in der Schweiz 1847 eröffnet wurde, wuchs die Stadt zu einer Metropole heran. Um die wachsende Infrastruktur unterzubringen, mussten im Laufe der Zeit Teile der Ländereien der Bevölkerung enteignet werden. Auch heute noch verändert sich das sechseinhalb Kilometer lange Gleisfeld von Altstetten bis zum Hauptbahnhof, doch nach der Flut, folgt die Ebbe. Durch gegenwärtige Umstrukturierungen der Bahn wird stückweise Land verfügbar. Einzelne Bauprojekte wie die Europaallee, Projekt Zollstrasse, das Polizei- und Justizzentrum oder WestLink entstehen oftmals unabhängig voneinander auf dem neu gewonnenen Land. Es ist Land das grösstenteils den Schweizerischen Bundesbahnen, teilweise der Stadt Zürich sowie privaten Eigentümern gehört. Noch nicht komplett fragmentiert und verbaut, besteht jetzt das Potential für eine alles umfassende Entwicklung dieses Gebietes – eine Wiedererfindung der Typologie der linearen Stadt im urbanen Kontext.

 

Vom Hinterhof zur Zürcher Schokoladenseite
Ist es denkbar, dass in Zukunft der gesamte Zugunterhalt mit Wartungs- und Reparaturarbeiten, aber auch die damit verbundenen Abstell- und Rangiergleise, vor die Stadt verlagert werden? Es würden nicht nur einzelne, sondern grosse zusammenhängende Flächen frei werden, die als ein Ganzes betrachtet werden können. Der Gleisfluss kann an seinen Ufern urbanisiert werden, um ihm auf beiden Seiten eine neue Fassade zu geben. Er selbst wird zum bewohnten Landschaftspark für Fussgänger und Züge – ein erweitertes Portal, das die Ankunft in der Stadt einleitet. Es entsteht eine neue Achse, die wichtige Orte miteinander verbindet und an Zürichs Hauptbahnhof, im historischen Zentrum, endet. Durch schrittweise Anpassungen der Gleislandschaft wird das, was einst der Hinterhof war, zur Schauseite der Stadt. Mehr synthetisch als analytisch, aufgebaut aus verschiedenen Ebenen – der Landschaft, der Infrastruktur und der Architektur – wird der Gleisfluss und seine Ränder zu einem Gesamten vereint.

 

Bahnanlagen als «linearer Landschaftspark»
Der lineare Landschaftspark folgt einer sich kontinuierlich entwickelnden Choreographie aus verschiedenen Kategorien von Natur. Baumreihen markieren die Ränder und agieren als visuelle Verbindungen. Sportfelder und Schrebergärten an der Stadtgrenze auf dem Juchhofareal und dem Gelände des Schnellgut-Stammbahnhofs, gefolgt von einem Englischen Garten in Altstetten sowie einem Wald, bestehend aus bis zu 60 Meter hohen Kiefern, gegenüber von Zürich West auf dem Rohmbe Areal, bilden durch ihren urbanen Massstab die landschaftlichen Hauptelemente und werden zu Kontrapunkten der existierenden Architektur. Die Inseln in der Mitte des Gleisflusses sind kleine Zwischenfälle von wichtiger biologischer Vielfalt. Ihre exzentrische Einzigartigkeit macht sie zu vegetativen Ornamenten mit erzieherischem Charakter, ähnlich dem botanischer Gärten, innerhalb der Konsistenz des Parks. Unmittelbar mit der Landschaft verbunden ist das Erschliessungssystem, welches die Isolation des Gleisfeldes innerhalb der Stadt und in sich selbst bricht. Der Boulevard entlang beider Seiten der Gleise verbindet die wichtigsten Elemente – die Landschaft und die Architektur, aber auch Unterführungen und Treppentürme, die an die bestehenden Brücken gekoppelt sind und die notwendige Parkinfrastruktur beherbergen.

 

Der Gleisfluss als «städtebauliches Paradigma»
Die Architektur der bewohnten Landschaft setzt sich aus Abbruch und Wiederverwendung wichtiger Bestandsgebäude, aus Projekten, die bereits realisiert wurden oder in Planung sind, sowie aus ergänzenden, neuen Bauten, die dem Gleisfeld eine Fassade geben, zusammen. Diese neue Architektur zeichnet sich zum einen durch lange Bauten, die den leichten Kurven der Schienen folgen, und zum anderen aus punktuellen Turmbauten, die die wichtigen Orte markieren, aus. Gelegentliche Unterbrüche eröffnen Durchgänge und Blicke auf die bestehende Stadtstruktur. Neben dem Zürcher Hauptbahnhof werden die denkmalgeschützten Gebäude der Schweizerischen Bundesbahnen zu den wichtigsten öffentlichen Innenräumen der neuen Achse. In manchen von ihnen wird die bestehende Zuginfrastruktur verwendet, um ein bewegliches aufklärerisches und kulturelles Programm, wie Forschungs- und Archiveinheiten, unterzubringen, die von einem Zug transportiert werden. Über die Stadtgrenze hinaus, bereist dieser Zug andere Städte und Länder und bereichert dabei jede Station auf die er trifft, indem er das Programm der anderen Orte bringt.

Aus der Überlagerung von Landschaft, Infrastruktur und Architektur entsteht der Gleisfluss – ein städtebauliches Paradigma, das die individuellen Ausprägungen des Gleisfeldes zu einem Gesamtensemble vereinigt. In Zukunft wird die Ankunft am Zürich Hauptbahnhof nicht mehr durch den Hinterhof geschehen, da die Stadt sich von innen nach aussen gewendet hat.

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Kommentar von Christian P. Casparis |

Wunderbare Idee. Ich bin in den 80er Jahren einem Amerikaner Ed Bergman in UK begegnet, der auf Grünflachen entlang Bahngeleisen für die Bevölkerung Schafzucht und urban farming ermöglichte (d.h. über die Gemeindeverwaltung erkämpfte). Vielleicht interessiert sie mein Projekt UGLYPEDIA (siehe unter Facebook oder linkedin). Christian P. Casparis

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