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Denken nach dem Ende der Welt

Die Natur, die wir heute vorfinden, ist nur noch ein Produkt unserer Zivilisation. Dadurch wird auch eine Neufassung des Ökologiebegriffs Teil interdisziplinärer Diskurse, einschliesslich dem der Architektur. Eine Navigation durch die kontroverse Debatte:

Text: Peter Volgger – 8.6.2021
Foto: R&Sie(n), I'm lost in Paris, Paris 2008 © new-territories

 

Der Begriff «Ökologie» zieht sich quer durch Diskurse verschiedenster Disziplinen, wo er sich mit den Schlagworten vom «Neuen Materialismus», dem «Post-Humanen», dem «Anthropozän», der «Dark Ecology» oder dem «Spekulativen Realismus» kreuzt. Wer sich auf der «Spur der leichten Bienenflüge» (Barthes), den wilden «Hexenflügen» (Deleuze) oder dem «tentakelartigen Denken» Haraways verliert, hat alles verstanden, denn nur in der Vogelperspektive auf die Welt, die uns den Überblick verschafft, bleiben wir als Menschen der blinde Fleck. Obwohl wir in der Natur sind, haben wir bislang nur über sie reflektiert. Die neuen Öko-Philosophien haben die philosophierende Grinsekatze der Postmoderne längst hinter sich gelassen. Die Vertreter der «Objektorientierten Ontologie» wollen die Dinge vom Bann der Sprache lösen und feiern ihre Wiederkehr als «Hyperobjekte» oder «Quasi-Objekte».

Genau genommen sind die «neuen Materialitäten», von denen hier die Rede ist, Denkfiguren und materialisierte Verdichtungen von Realität und ihrer Reflexion. Die Dinge erhalten Handlungsmacht. Spekulation und Recherche führen auch Architekten zu Projekten, in denen die neue «Agency des Materiellen» erfahrbar wird. Mit ihnen lässt sich die Verknüpfung von Natur und Zivilisation neu arrangieren. Im Fall des Schweizer Pavillons von Kerez entstand aus aufgebrochenen Objekten, die wiederholt gescannt und skaliert wurden, ein «spekulativer Raum»: Das gedruckte Objekt und sein digitaler Code sind gleich reell, wodurch der Pavillon zu einem «begehbaren, materialisierten Scan» wird. Dinge präsentieren nicht mehr, sie schaffen eine eigene Wirklichkeit, die nicht störungsfrei ist.

Man wendet sich wieder den unbedingten Fragen zu und fürchtet das Terrain der Spekulation keineswegs. Der «Spekulative Realismus» kennt viele Wege, zB. die Wissenschaft (Brassier), die Mathematik (Melloussoux) oder die «ästhetische Erfahrung» (Harman). Auch die Erwähnung monsterhafter Wesen in einer völlig kontingenten Welt gehört dazu. Deshalb verwundert es nicht, dass sich für den «Lovecraft-Experten» Timothy Morton das Ende der Welt schon ereignet hat. Die Welt als Totalität unserer Erfahrungen ist gewissermaßen implodiert. Übrig geblieben sind alles umfassende, tyrannische «Hyperobjekte», die wir nicht einfach abschütteln können. Donna Haraway schliesst sich mit ihrer «Welt nach dem Anthropozän» an, sie meint damit aber lediglich die Durchlässigkeit unserer eigenen. Das Denken der Koexistenz ist ein Denken auf löchrigem Boden. Kontingenz und Instabilität werden als eine grundlegende Bedingung des Lebens verstanden, aber auch als wesentliches Merkmal unserer Zivilisation. Für das neue Zusammenleben von Menschen und den «Non-Humans» gilt: Koexistenz ist ohne Kontingenz nicht denkbar.

 

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> In archithese 3.2016 Postmoderne – neu gelesen fasst Peter Volgger aktuelle Debatten und Theorien zur Postmoderne zusammen und gibt einen Überblick über die Entwicklungen.

> Auch das Institut Bunker+ befasst sich mit einem Zusammenleben zwischen Menschen und Tieren und nutzt die verschlossene Geschichte der ehemaligen Berliner Tierversuchsanstalt Mäusebunker, um spekulative Erzählungen über eine mögliche Zukunft in Koexistenz zu verfassen. archithese sprach mit ihnen über die Idee für ein Zentrum für menschliche und nicht-menschliche Kohabitation.

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