Aus welchem Land kommen Sie?


Dem Haus seine Kunst?

Im Vorfeld der diesjährigen Diplomausstellung setzten Studierende der ZHdK im Toni-Areal mit einer Graffiti-Aktion im siebten Geschoss ein deutliches Zeichen. Auch wenn sie notdürftig unter weisser Farbe versteckt wurden, müssen Schulleitung und Verwaltung sich einmal mehr fragen: Wie sollten die Arbeitsräume von Kunststudenten beschaffen sein? Welche Regeln sind nötig, welche Freiräume möglich? Doch auch wenn die Graffitis aufmüpfige und politische Arbeiten erwarten liessen: Das Gezeigte ist eher brav und in-line mit globalen Strömungen. Protest tut also Not, doch er müsste wohl eher gegen die global vereinheitlichte Kunstproduktion gerichtet sein.

 

Text + Fotos: Anna Valentiny – 14.6.2016

Von Freiräumen und Regeln
Vor zwei Jahren wurde die Zürcher Hochschule der Künste auf das Areal der ehemaligen Toni-Molkerei verlegt und damit aus 39 in der Stadt verstreuten Standorten zusammengeführt. Die Architekten von EM2N versuchten eine vielfältige und flexibel bespielbare Hochschulwelt zu generieren. Doch viele Nutzer erleben im Alltag keine Flexibilität und Transparenz, sondern Kontrolle, die sich hemmend auf die Kreativität auswirkt. Bereits 2015 schrieb Tanja Herdt in ihrem Essay in der Swiss Performance [archithese 1.2016 ], dass die neue Heimat der ZHdK auf dem Toni-Areal vielversprechend sei, aber die mannigfaltigen Regeln eine kreative Entfaltung verhindern würden. Die Graffitis sind ein lauter und emotionaler Protest gegen das etablierte System. Darf man also von einer politisch aktiven Studierendenschaft ausgehen? Betrachtet man die Abschlussarbeiten, dann ist von Widerstandsgeist wenig zu spüren. Sie sind sie vor allem ästhetischer Natur.

 

Ästhetik des Prozesshaften 
Von den groben, gelben Schalungsbrettern, die seit Freitag am Eingang des Toni-Areals die Diplome ankündigen, über Holzfaserplatten als Stellwände für Exponate in der Szenographie-Klasse, bis hin zu Arbeiten ausgelegt auf dünnem, ungebleichtem Papier im Bereich Kunst und Medien spricht man in Zürich eine vertraute europäische Gestaltungssprache. Mit bodenständigen Materialen, Verarbeitungen und Konstruktionen geben sich die Diplome zeitgemäss und erinnern beispielsweise an die diesjährige Architektur-Biennale in Venedig: Während Alejandro Aravena in der Lagune die Rettung der Disziplin Architektur und der Gesellschaft durch die Rückbesinnung auf originäre Baustoffe und Techniken vorschlägt, wirkt die Zurschaustellung des Spartanischen im Toni-Areal eher als Versuch Baustelle oder work in progress zu symbolisieren.

 

Weniger eine Frage des Orts als der Zeit
Die Institution Kunstschule regt ihre Protagonisten zwar an, Fragen zu stellen und neue Denkweisen zu etablieren, doch ist sie letztlich (auch wenn sie abgelegen im Stadtgefüge liegt) keine Insel, die ihre Studierenden von zeitgenössischen, globalen Inhalten und Ästhetiken fernhalten kann. Die weltweit identischen Werkzeuge (Lasercutter, 3D-Druck etc.) führen (abgesehen von wenigen regionalen Schwerpunkten) ebenso wie der global geführte Diskurs letztlich zu vergleichbaren Arbeiten, auch wenn sich kulturelle und geschichtliche Hintergründe, der städtische Kontext, die Gebäudetypologien und Regeln an den Hochschulen unterscheiden. Die Rebellion sollte sich nicht an der Frage entzünden, ob in einer Schule die Wände gestaltet werden dürfen, oder nicht. Sie sollte in den künstlerischen Arbeiten zu sehen sein und allem voran eine Kritik am global homogenisierten Kunstbetrieb formulieren.

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