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Concrete Utopia

Das Museum of Modern Art in New York zeigt Jugoslawien als (architektonischen) Schmelztiegel der Antipoden des Kalten Krieges. Erstmals wird die bemerkenswerte Architektur der jugoslawischen Nachkriegsmoderne dem amerikanischen Publikum gezeigt.

Text: Julian Bruns – 11.7.2018

Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien hat trotz ihrer kurzen Existenz (1945–1992) eine Sonderstellung in der jüngeren europäischen Geschichte. Der Vielvölkerstaat lag in Zeiten des Ost-West-Konflikts nicht nur geografisch, sondern ebenso politisch zwischen den Fronten: Jugoslawien war neben Ägypten, Indien und Indoniesien konstituierendes Mitglied der Bewegung der Blockfreien Staaten, die sich im Kalten Krieg keiner Seite zugehörig fühlten und versuchten ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Die gegensätzlichen weltanschaulichen Einflüsse des kapitalistischen Westens und des sozialistischen Ostens sind dennoch oder gerade deshalb bis heute spürbar. So wurde eine ganze Bandbreite an architektonischen Stilen und Sprachen adaptiert und hervorgebracht. In den sechs Teilrepubliken Jugoslawiens entstanden Wolkenkratzer im International Style, brutalistische, geometrische Grossformen sowie avantgardistische, expressive Betonskulpturen, die sogennanten Spomeniks. Dies sind politsch aufgeladene nationalbewusstseins- und identitätstiftende Denk- und Mahnmäler. «Die daraus entstandene Architektur ist ein Manifest der radikalen Vielfalt, der Hybridität und des Idealismus die den jugoslawischen Staat auszeichnete», schreibt Martino Stierli, Chefkurator für Architektur und Design am MoMA. Diese Architektur findet sich auch in den Ländern der Bündnispartner der Bewegung der Blockfreien Staaten, auf die das sozialistische Jugoslawien Einfluss nehmen wollte. Monumente und Erinnerungsstätten, vor allem in Afrika und den mittleren Osten, zeugen noch heute von diesen Ambitionen. Die rege Bautätigkeit sollte aber auch die eigene Volkswirtschaft fördern und den jungen Staat modernisieren.

Umfangreiches Spektrum
Die Ausstellung Toward a Concrete Utopia. Architecture in Yugoslavia. 1948–1980. im Museum of Modern Art nimmt diese vielschichtige Situation auf und zeigt grossmassstäbliche Stadtplanungen, Wohnbauten, Orte des Konsums sowie Monumente und Denkmäler aus der kurzen Geschichte des sozialistischen Staates. Mit über 400 Zeichnungen, Modellen, Fotografien und Filmen untersucht die Ausstellung den ausgeprägten und facettenreichen Charakter der jugoslawischen Architektur. Entlang der Arbeiten von Bogdan Bogdanović, Juraj Neidhardt, Svetlana Kana Radević, Edvard Ravnikar, Vjenceslav Richter und Milica Šterić wird ein grosser Bogen gespannt. So sind die skulpturalen Innenräumen der Weissen Moscheen im ländlichen Bosnien zu sehen, aber auch der Einfluss Kenzo Tanges und des Metabolismus auf den Wiederaufbau des 1963 vom Erdbeben zerstörten Skopjes. Ein weiteres Kapitel der Ausstellung betrachtet die Stadterweiterung Neu Belgrad mit den expressiven und grossflächigen Wohnblöcken. Viele der gezeigten Projekte stehen nach dem Zerfall der Republik 1992 in den Nachfolgestaaten Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien und sind damit Zeugen der kurzen aber bis heute nachwirkenden Geschichte Jugoslawiens.

 

Die Ausstellung Toward a Concrete Utopia. Architecture in Yugoslavia. 1948–1980 ist vom 15. Juli 2018 bis zum 13. Januar 2019 im Museum of Modern Art in New York zu sehen.

 

> Zwischen Neuausrichtung und Kontinuität: In archithese 3.2015, Balkan Beats wird unter anderem der Umgang mit dem sozialistischen Architekturerbe beleuchtet.

> archithese 5.2010 Russland betrachtet aus heutiger Perspektive das architektonische Erbe der Sowjetunion.

> Die Architektur in der Sowjetunion in den Jahren nach der Revolution wird in archithese 7.1973 Sozialistische Architektur? UdSSR 1917–1932 besprochen.

Unsere Empfehlung

archithese 3.2015

Balkan Beats


Unsere Empfehlung

archithese 5.2010

Russland / Russia


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