Aus welchem Land kommen Sie?


Brückenschlag

Das Projekt «Dreaming of Earth» der koreanischen Installationskünstlerin Choi Jae-eun und des japanischen Architekten Shigeru Ban für die 15. Architekturbiennale in Venedig setzt sich mit einer Frontlinie im wahrsten Sinne des Wortes auseinander – der entmilitarisierten Grenzzone DMZ zwischen Süd- und Nordkorea. Das Projekt schlägt die Entwicklung eines Naturparks mit hängenden Wegen vor. Das Begehen des«Bodens» wäre zwar auch weiterhin nur ein Traum, aber die bisherige Sperrzone könnte als Naturreservat und Begegnungszone zwischen den Menschen beider Regime erlebbar gemacht werden.

 

 

Text: Frida Grahn – 7.6.2016
Foto: Taedong Kim © Choi Jae-Eun studio und Shigeru Ban Architects. Zur Verfügung gestellt von der Kukje Gallery / Jørg Himmelreich

Kann Architektur zwischen verstrittenen Ländern vermitteln? Die Projektverfasser Shigeru Ban und Choi Jae-eun zumindest glauben daran. Gemäss ihrer Idee sollte die DMZ zwischen Nord- und Südkorea durch einen 15 Kilometer langes Wegsystem der Öffentlichkeit teilweise zugänglich gemacht werden. Auch wenn die Vereinigung beider Länder politisch in weiter Ferne scheint, könnte das Projekt die beiden Länder ein wenig näher bringen.
Auf der vier Kilometer breiten Grenzzone wurden im Koreakrieg (1950–53) circa drei Millionen Landminen vergraben. Das südkoreanische Militär schätzt, dass für die Ortungs- und Entschärfungsarbeiten mit konventioneller Technik 498 Jahre nötig wären. Die Projektverfasser schlagen daher den Einsatz von Robotern vor, um den Prozess zu beschleunigen. Die aus menschlicher Sicht verheerende Verminung hat auf der anderen Seite dazu geführt, dass ein wertvolles Reservat für seltene Pflanzen und Tiere entstanden ist.
Ban und Jae-ean möchten das Areal künftig sanft touristisch nutzen und schlagen ein System schwebender Fusswege auf sechs Metern Höhe vor – einerseits um das einzigartige Naturgebiet weiterhin vor dem Menschen zu «schützen» und zugleich sicherzustellen, dass nicht doch noch eine unentdeckte Landmine explodieren würde. Das ehemalige Schlachtfeld wäre somit zugänglich, wenn auch nicht «betretbar». 

 

Zwischen Angst und Sinnlichkeit
Im spärlich beleuchteten Ausstellungsraum des Arsenals in Venedig wird mit Sinneseindrücken gearbeitet und dabei die emotionale Klaviatur von besänftigend bis furchteinflössend bespielt: Der Boden ist mit federnden Holzspänen bedeckt, im Hintergrund ist Vogelgezwitscher zu hören. Wissend, das es hier um das Thema Landmienen geht, macht der eigentlich sinnliche Weg über den weichen Boden unruhig. Was selbstverständlich scheint, wird zur Zitterpartie, auch wenn jeder sicher sein kann, dass keine Böller im Boden der Ausstellung versteckt wurden. Zwischen Bambusstämmen windet sich ein Ausschnitt des Fussweges in Modelform. Shigeru Ban erläuterte während einer Führung, dass Bambus wie in vielen anderen Ländern Asiens auch in Korea eine grosse kulturelle Bedeutung habe. Die Gräser erreichen in wenigen Jahren eine Höhe von rund zehn Metern und hören danach auf zu wachsen. Die beiden Künstler streben eine harmonischen Beziehung zur Natur an – ein Bedürfnis, das sie tief in der koreanischen Kultur verankert sehen.
Der Steg soll unmittelbar an den ungewöhnlich stabilen und biegesteifen Pflanzen aufgehängt werden. Das lange Modell wird von zwei Vitrinen begleitet. In der einen sind auf einer Rolle aus Reispapier Erläuterungstexte und Pläne zu sehen. Die Rolle wirkt mit vom Papierschöpfen unsauberen Kanten wie ein historisches Dokument. In der gegenüberliegenden Vitrine ist tatsächlich ein geschichtliches Artefakt zu sehen: das Abkommen zum Waffenstillstand, umspielt von Fragmenten verrosteten Stacheldrahts ­– eine Art schaurige Geburtsurkunde der seit über einem halben Jahrhundert bestehenden Grenzanlage.

 

Gemeinsamkeit betonen
Was naiv tönt, ist absolut ernst gemeint. Sich im Versöhnungsprozess auf gemeinsame Interessen zu fokussieren wird von den Projektautoren als Modell gesehen, das auch in anderen Konfliktzonen funktionieren könnte. Die Natur spielt hier eine symbolische Rolle: Sie kennt keine Grenzen und zeigt, dass das Leben auch nach einer (menschlichen) Katastrophe weiter geht. Choi Jae-eun unterstrich, dass sie die Komplexität und Schwierigkeit des Projektes nicht ausblenden möchte. Die Einfachheit und Leichtigkeit des Konzeptes könnte es aber ermöglichen verschiedenste Menschen für die Idee zu gewinnen und die Hoffnung auf Versöhnung zwischen beiden Ländern zu nähren.
Auch wenn der Beitrag wie viele andere auf der Biennale erlebnisorientiert und multimedial ist – man könnte abwertend von «Infotainment» sprechen – ist er zugleich angenehm zurückhaltend und funktioniert gut. Wer das Arsenal von vorne nach hinten durchläuft, der wird «Dreaming of Earth» erst als den 46. Beitrag zu sehen bekommen. Dass er dennoch überzeugt, ist hohe Kunst.

 

«Dreaming of Earth» ist wie die gesamte Architekturbiennale in Venedig bis zum 27. November 2016 zu sehen.

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