Aus welchem Land kommen Sie?


Brasilianische Moderne in Berlin

Die Escola Paulista als Inspiration

 

Autor: Philippe Jorisch – 3.6.2016
Bild © Ruby Press

Das Buch Berlin Transfer. Hybrid Modernities lotet aus, inwiefern die brasilianische Moderne, wie sie sich beispielsweise im Sao Paolo der 1950er bis -70er Jahre zeigt, zum Vorbild für die architektonische Entwicklung Berlins taugt. Dazu werden Studentprojekte der TU Berlin gezeigt, welche inspiriert bei historischen Vorbildern aus Südamerika Interventionen an generischen Wohnblöcken der Bundeshauptstadt vorschlagen.

 

Was haben fünfzig Jahre alte brutalistische Privatvillen in Sao Paulo mit Plattenbauten in Berlin zu tun? Sie alle sind Architekturen der Moderne – einmal sehr spezifisch und einmal sehr generisch. Die Moderne ist nicht als universeller und uniformer Stil zu lesen, sondern mit differenzierten lokalen Ausformulierungen und mit grossen soziopolitischen Visionen für die Gesellschaft – so die Grundannahme hinter dem Buch Berlin Transfer. Hybrid Modernities. Im aufstrebenden Sao Paulo der 1950er bis -70er Jahre wurden in duzenden Privathäusern neue Lebensformen und Ideale erprobt und dabei bahnbrechende räumliche Konfigurationen verwirklicht. Die sogenannte «Escola Paulista» mit ihrem bekanntesten Vertreter Paulo Mendes da Rocha waren dem Berliner Masterstudio «Extraspacecraft» an der TU Berlin unter Leitung von Rainer Hehl Vorlage und Inspiration.
Hehl doktorierte an der ETH Zürich zu Urbanisierungsstrategien informeller Siedlungen in Rio de Janeiro und leitete nachfolgend den Master of Advanced Studies in Urban Design am Lehrstuhl von Marc Angélil. Die ebenfalls bei Ruby Press erschienene Buchtrilogie Building Brazil. Cidade de Deus und Minha Casa – Nossa Cidade ist die Synthese seiner bisherigen Lehre und Forschung auf diesem Gebiet. Hybrid Modernities ist indes nach Learning from the Global South das bisher zweite Buch der Serie «Berlin Transfer», die seinen Unterricht an der TU Berlin dokumentiert und – wie der Titel suggeriert – Wissen von Süden nach Norden vermitteln wird.

 

Interventionen an Berliner Wohnblocks nach brasilianischem Vorbild
Die 170-seitige Publikation ist grafisch wie farblich schlicht gehalten und erinnert mit Softcover und Schweizer Broschur eher an eine angesagte Theorie-Zeitschrift als an eine Entwurfsstudio-Dokumentation. Das Buch ist in vier Teile gegliedert: Eine als Kurzvorlesung konzipierte Einführung zurrt den theoretischen Rahmen fest. Anschliessend werden acht Referenzhäuser mit historischen Schwarzweiss-Aufnahmen, Plänen und Text beschrieben. Der sogenannte Überleitung zu den acht Studentenprojekten und bildet mit grafisch hervorgehobenem Hintergrund auch den visuellen Kern des Buches. Die spezifischen innenräumlichen Qualitäten der acht Referenzen werden mit präzisen Papiermodellen simuliert. Vis-à-vis jeweils ein Innenraum-Modellfoto der daraus erarbeiteten Studentenprojekte, welche ebendiese Charakteristiken durch entworfene Interventionen an vorfabrizierten generischen Wohnblöcken in Berlin übersetzen. So dient beispielsweise der langgezogene Wohn- und Arbeitsraum von Paulo Mendes da Rocha’s Wohnhaus mit durchlaufendem Fensterband und Schiebetüren als Vorbild für eine von mehreren Kleinwohnungen genutzte Erschliessungsfläche eines Apartmenthauses an der Memhardstrasse in Berlin. Diese Bilder sind als Diagramme zu verstehen, die aufzeigen sollen, inwiefern die spezifischen Charakteristika der Escola Paulista auf generische Strukturen in Berlin übertragen werden könnten. Die Studentenentwürfe ziehen beispielsweise in monotonen Plattenbauten öffentliche Zwischengeschosse oder zusätzliche Fassaden-Raumschichten ein und spielen damit soziale Interaktionsflächen frei.

 

Von Ideentransfer und Adaptionsbedarf
Nicht bei allen Projekten überzeugt dieser Ideentransfer vollends. Als regelmässiger Brasilien-Besucher schätzt man luftdurchflutete Räume mit kühlenden Betonoberflächen, üppigen Pflanzen und filigranen Fenster-Stahlprofilen. Diese architektonischen Elemente passen ebenso gut in das «unfertige» Berlin mit seinen zahlreichen hippen Zwischen- und Umnutzungen. Trotz der faszinierenden Atmosphäre dieser Fotomodell-Bildpaare: Es bleibt die Frage ob Konstruktionen aus Baugerüsten und Gewächshäuser zum mitunter garstigen Berliner Wetter passen, oder ob ein weiterer Übersetzungsschritt nötig wäre, um die Konstruktionen unter Erhalt ihrer architektonischen Qualität an den neuen geografischen und klimatischen Kontext anzupassen. Doch gerade weil Hybrid Modernities als offenes Experiment formuliert ist, macht es Lust das ungenutzte Potenzial von Ideen der brasilianischen Moderne für die Entwürfe in Mittel- und Nordeuropa zu erschliessen.

 

 

Rainer Hehl / Ludwig Engel, Berlin Transfer. Hybrid Modernities. Berlin 2016.

Aktuelles Heft

archithese 2.2020

Queer


Einen Kommentar schreiben

Spamschutz: Rechnen Sie die Aufgabe und tragen Sie die Lösung in das Feld ein: