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Begrenzt wirksam

Das Berliner Büro Graft und die Politikerin Marianne Birthler bespielen den deutschen Länderpavillon in den Giardini an der 16. Architekturbiennale von Venedig mit einem politischen Thema: In Unbuilding Walls setzen sie sich am Beispiel der ehemaligen innerdeutschen Mauer mit Grenzen auseinander. Die Schau ist eine Auslegeordnung, die mit vielen vertrauten Projekten aus den 1990er-Jahren wenig zu inspirieren vermag, doch versucht sie einen Diskurs anzustossen und lenkt die Aufmerksamkeit auf Fragen, die lohnen weiter diskutiert zu werden.

 

Text: Elias Baumgarten – 8.6.2018
Fotos: Jan Bitter

 

Wie kommt die Überwindung der deutschen Teilung voran? Ist das Land 28 Jahre nach dem Mauerfall zusammengewachsen? Unbuilding Walls, Deutschlands Beitrag zur 16. Architekturbiennale, thematisiert Grenzen und ihre Auswirkungen auf das Leben und den Raum am Beispiel der Mauer, die einst BRD und DDR voneinander abschottete. Die Kuratoren – Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Berliner Büro Graft und die Politikerin Marianne Birthler (Bündnis 90 / Die Grünen) – fragen mit ihrer Ausstellung nach dem architektonischen Umgang mit den Überresten des Eisernen Vorhangs in Deutschland. Im Pavillon zeigen sie Projekte, die auf dem ehemaligen Mauerstreifen entstanden. So sollen unterschiedliche gestalterische Ansätze im Umgang mit der Geschichte und zur Förderung des Zusammenwachsens geborgen werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Berlin und die Mehrzahl der Projekte stammt aus der deutschen Kapitale.

 

Langeweile mit Auflockerungen
Betritt man den deutschen Pavillon, wähnt man sich zuerst einer massiven Wand gegenüber. Wer näher tritt, erkennt, dass die 28 Mauersegmente frei stehen. Auf den Rückseiten werden vor allem Architekturen vorgestellt, aber auch Geschichten erzählt, etwa jene von Dörfern im Grenzgebiet, die das SED-Regime im Zuge des Mauerbaus einreissen liess. Oder die von Osman Kalin, der 1983 im Berliner Quartier Friedrichshain-Kreuzberg ein westlich der Grenze gelegenes DDR-Grundstück besetzte und darauf ohne Baugenehmigung ein Haus errichtete, das bis heute toleriert wird.
Auch wenn Einzelnes interessant ist, verbreitet die Mehrheit der ausgestellten Projekte leider eher Langeweile als zu inspirieren. Das mag auch daher rühren, dass wenig Überraschendes geboten wird und die präsentierten 1990er-Jahre-Architekturen wie am Potsdamer Platz, das Band des Bundes oder die Umgestaltung von Reichstag und Pariser Platz den meisten wohl längst vertraut sind. Wenig hilfreich sind da auch die knappen Beschreibungstexte, die sehr allgemein gehalten sind – vielleicht, um ein internationales Publikum mit wenig Wissen um deutsche (Architektur-)Geschichte anzusprechen – und keine neue Lesung der bekannten Gestaltungen leisten. Es hätte gut getan, neben der Sanierung des Berliner Landwehrkanals in den Quartieren Treptow, Kreuzberg und Neukölln (2014) und im Bau befindlichem wie dem Axel-Springer-Campus von OMA (seit 2014) noch mehr neue, bisher wenig besprochene Projekte zu zeigen.
In den Nebenräumen sind Screens installiert, auf denen Interviews mit Menschen zu sehen sind, deren Leben heute von Mauern geprägt wird – etwa in Mexiko, dem Gazastreifen oder Nordkorea. So soll der Bogen zu aktuellen politischen Debatten gespannt werden. Die Kuratoren wollen dafür sensibilisieren, dass in einer immer vernetzteren, globalisierten Welt aktuell paradoxerweise neue Mauern gefordert und gebaut werden. Das gelingt: Die Filme geben interessante Einblicke, laden zur Diskussion ein und entschädigen so etwas für die über weite Strecken fade Projektparade.

 

Risse sind geblieben
Die Mauer mag bereits seit 28 Jahren Geschichte sein, doch sind die Spuren der Teilung in Deutschland heute nicht verschwunden. Vielfach existieren unsichtbare Grenzen nach wie vor: Dass noch immer grosse Unterschiede bei der Einkommenssituation und der Wirtschaftskraft bestehen, ist hinlänglich bekannt. Erstaunlicher ist vielleicht, dass die Ostdeutschen in der Führungselite der Bundesrepublik noch immer nicht angekommen sind: Sie bekleiden nur zwei Prozent der Schlüsselpositionen in Vorständen, Verwaltungen und Gewerkschaften, in den Medien, an den Universitäten und bei der Bundeswehr. Nur 13 Prozent aller Richter an den obersten Gerichten stammen aus den neuen Bundesländern und aktuell nur zwei von 13 Kabinettsmitgliedern sowie drei aus 60 Staatssekretären. Viele Menschen dort wähnen sich deshalb zurückgesetzt. Und vor allem: Nur knapp jeder zweite Ostdeutsche fühlt sich in der BRD «politisch zu Hause». Christoph Dieckmann, Journalist bei der Zeit und in der DDR aufgewachsen, schrieb dazu im Januar 2018 in der Onlineausgabe der Tageszeitung: «Der Westen brauchte keinen Osten; er war stabil und komplett. Er koppelte die ‹neuen Länder› an wie eine Lok die Wagen 12 bis 16. Bisweilen keucht die Lok, doch fortan war der Osten Drittelland und Fünftelvolk und hatte sich der Mehrheitsgesellschaft und ihren Regularien zu fügen.» Auch die Zustimmung zur Demokratie und ihren Institutionen ist im Osten brüchiger als im Westen und scheint aktuell weiter zu erodieren.
Diese unsichtbaren Grenzen sind im Pavillon kein Thema. Das vielleicht auch aus kuratorischen Erwägungen heraus: Wie etwa Brasiliens Beitrag zeigt, lassen sich solche Statistiken zwar ästhetisch, aber schwer schnell erfassbar aufbereiten. Ein Manko ist ihr Fehlen dennoch, weil man in der deutschen Schau den Eindruck gewinnen kann, die Überwindung der Teilung sei eine weit vorangeschrittene Erfolgsgeschichte, an der man sich anderswo ein Beispiel nehmen kann – das wirkt naiv. Dabei sind sich die Kuratoren der verbleibenden Rissen durch die bundesdeutsche Gesellschaft bewusst – so findet sich Marianne Birthlers lesenswerter Essay «40 Jahre Teilung brauchen 40 Jahre Heilung» immerhin im Ausstellungskatalog.

 

Suche nach Identität
Die schwache Verwurzlung vieler Ostdeutscher in der Bundesrepublik macht deutlich, dass noch viel zu tun bleibt und Identifikationsangebote geschaffen werden müssen. Unstrittig ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Kann die gestalterische Bearbeitung des ehemaligen Grenzstreifens Identität stiften und Architektur vielleicht gar die Aufarbeitung von Geschichte moderieren und so das langsame Zusammenwachsen des Landes unterstützen? Unbuilding Walls hätte ein kraftvolles Statement sein können, eine Position zum Umgang mit baulichen Zeugnissen aus der Geschichte beziehen. Doch weil die Kuratoren eine Auslegeordnung vorgezogen haben, bleibt die Schau blass und bietet wenig Reibungsfläche. Verschiedene Ansätze werden ohne Wertung versammelt: Etwa die rasche Überbauung durch die Mauer entstandener Brachen am Potsdamer Platz oder die künstlerische Aneigung der Überreste der Grenzanlagen an der East Side Gallery; aber auch die Musealisierung der Reste des Eisernen Vorhangs zum Beispiel durch die Gedenkstätte Berliner Mauer im Quartier Mitte. Eine Haltung der Ausstellungsmacher spürt man im Pavillon nicht. Das ist umso enttäuschender, da Marianne Birthler lange Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war, in der DDR-Volkskammer sass und die Überwindung der Teilung als ihre Lebensaufgabe bezeichnet.
Mehr als der Pavillon leistet auch hier der Katalog. So vertritt dort etwa der Politiker Michael Cramer die These, nach dem anfänglichen Wunsch zu vergessen seien die Menschen heute dankbar für erhaltene Mauerreste und interessierten sich für die Vergangenheit, weil sie in dieser einen Teil ihrer Identität erkennen. Es sei daher wichtig diese sicht- und erlebbar zu lassen oder zu machen. Daher hat Cramer den Iron Curtain Trail, ein Radweg entlang der gesamten ehemaligen Zonengrenze, 2004 mitinitiiert.
Doch bei aller Kritik ist Unbuilding Walls kein Schuss in den Ofen. Denn statt eine Leistungsschau zu bieten, wird versucht einen Diskurs zu starten – wenn dies auch mit der begleitenden Publikation wesentlich besser gelingt als mit der Ausstellung. Bleibt zu hoffen, dass sich erstere viele Besucher kaufen und darin lesen.

 

Der deutsche Pavillon kann noch bis zum 25. November besichtigt werden. Derzeit ist im Gespräch, dass Unbuilding Walls danach auf Tour durch Europa gehen könnte.
Der Katalog zur Schau ist bei Birkhäuser erschienen und kostet 14,95 Euro.

 

> Die Kuratoren von Unbuilding Walls haben mit archithese über ihr Ausstellungskonzept gesprochen.

> So entwickelten sich die Städte Ostdeutschlands in der ersten Dekade nach dem Mauerfall.

> Wie Berlin in den 1990er-Jahren mit seinem historischen Erbe umging, erfahren Sie in archithese 3.1998.

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