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Backsteinstadt Zürich?

Eigentlich hätte derzeit im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich eine Ausstellung über Backsteinbauten der Stadt zu sehen sein sollen. Coronabedingt musste die Schau auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Die gerade erschienene Begleitpublikation aber lädt ein zu einem Spaziergang durch Zürichs Gründerzeitquartiere mit ihren historistischen Backsteinfassaden aus der Zeit des spekulativen Wohnungsbaus um 1900.

 

Text und Bilder: Hubertus Adam – 12. Februar 2021

 

Backsteinstadt Zürich? Selbst die Autoren Wilko Potgeter und Stefan M. Holzer des gleichnamigen Buchs müssen zugestehen, dass man Backsteinarchitektur eher mit norddeutschen Städten wie Hamburg, vielleicht auch mit Bauten der Poebene in Verbindung bringt – hier wie dort ist Naturstein Mangelware. Doch wer in Zürich aufmerksam durch Quartiere wie Aussersihl, Wiedikon oder Hottingen geht, stösst nahezu unablässig auf Fassaden aus Backstein. Fast alle dieser Bauten stammen aus den drei Jahrzehnten zwischen 1883 und 1914. Mehr als 1 000 Objekte haben die Autoren gezählt. Und das ist für eine Stadt von der Grösse Zürichs eine nicht unerhebliche Anzahl.

Natürlich fand Backstein schon in der römischen Antike Verwendung, auch je nach Region in gewissen Phasen des Mittelalters, wobei in der Forschung umstritten ist, in welchem Masse die Wände in den verschiedenen Epochen tatsächlich ziegelsichtig oder doch eher verputzt waren.
Die Karriere des Backsteins im 19. Jahrhundert begann mit Karl Friedrich Schinkel – Bauten wie die Friedrichwerdersche Kirche (1831), vor allem aber die Berliner Bauakademie (1836), die von Apologeten der Moderne gleichsam als Inkunabel baulicher Präfabrikation angesehen wird, wirkten stilbildend. Allerdings bedurfte es noch einiger technischer Innovationen, um die Ziegelbauweise zu befördern, allen voran Strangpresse und Ringofen, welche eine kostengünstige industrielle Massenproduktion ermöglichten.
An den Hängen des Uetlibergs in Zürich, wurden seit Jahrhunderten Tongruben und Ziegelhütten betrieben, deren Produktion sich vor allem auf Dachziegel konzentrierte. Das Jahr 1883 spielte für Zürich eine gewisse Rolle, weil in diesem Jahr auf der ersten Schweizerischen Landesausstellung das keramische Gewerbe mit einem eigenen, von den Architekten Chiodera & Tschudy entworfenen Pavillon die Werbetrommel für seine Baumaterialien rührte. Als Schlüsselbau kann das drei Jahre später fertiggestellte Chemiegebäude des Eidgenössischen Polytechnikums mit seiner damals durchaus umstrittenen schlichten Fassade aus vollformatigem Backstein gelten. Georg Lasius, der das Gebäude zusammen mit Alfred Friedrich Bluntschli entwarf, stammte aus Oldenburg und hatte in Hannover im Büro von Conrad Wilhelm Hase gearbeitet, dem Begründer der «Hannoverschen Backsteinschule», die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bauen in Norddeutschland, aber auch weit darüber hinaus prägte.

 

Vom Vollformat zum Plättchen
Wie die Autoren nachweisen, werden die vollformatigen Hohllochziegel (zumeist im Schweizer Normformat von 25 x 12 x 6 Zentimeter, das damit 0,5 Zentimeter weniger hoch ist als das deutsche Reichsformat) im gründerzeitlichen Baubooms zunächst durch mit horizontalen Löchern versehene Langlochverblender ersetzt, die als ½- oder ¼-Formate mit der Hintermauerung verzahnt sind. 1893 erfolgt die Eingemeindung der Vororte, durch welche sich die Fläche der Stadt verzehnfacht; bis 1914 verdreifacht sich der Gebäudebestand. Beim Bauen geht es um Effizienz, und die Langlochverblender reduzieren die Masse des hochwertigen Fassadenmaterials um mindestens 50 Prozent. Es geht aber noch effizienter und günstiger: In den 1890er-Jahren kommen Spaltplättchen auf, die auch als 1/8-Verblender bezeichnet werden und gewissermassen die Vorform der heutigen Riemchen darstellen. Sie besitzen keinen Lufteinschluss mehr und werden auch nicht mit der Hintermauerung verbunden, sondern lediglich in das Mörtelbett eingelegt. Sparfassaden mit Plättchen prägen die grosse Bauwelle in der Hochkonjunkturfassade vor dem Ersten Weltkrieg. Können die Zürcher Hersteller mit den vollformatigen Hohllochziegeln noch mithalten, gelingt es ihnen nicht, in das Geschäft mit den Langlochverblendern und Plättchen einzusteigen. Hohe Qualitäten werden in diesem Sektor nur von wenigen spezialisierte Firmen mit grossen Produktionsqualitäten erzielt. Nach den aktuellen Erkenntnissen wurde das Fassadenmaterial seinerzeit ausnahmslos aus Deutschland importiert.

Die Publikation ist aus dem Projekt Sichtbackstein in Zürich 1883-1914 am Institut für Denkmalpflege und Bauforschung (IDB) der ETH Zürich hervorgegangen. Zusätzlich zur Prospektion vor Ort und zur wissenschaftlichen Analyse wurde eine Auswahl von Bauten fotogrammetrisch untersucht, um näheren Aufschluss über Herstellungsverfahren, Mauertechniken, Formate und Achsmasse zu gewinnen. Die Konstruktionsweise ist oft an den Fassaden nicht abzulesen, wenn nicht gerade Plättchen abgeplatzt sind oder die für die Regenrohre vorgesehen Rücksprünge unverputzt geblieben sind und Aufschluss über die Art der Verblendung geben.

 

Neue Aktualität
Mit der durch den Kriegsbeginn ausgelösten Rezession verschwand auch die Backsteinarchitektur aus Zürich. Mit der Kritik an Gründerzeitarchitektur und Historismus fielen die Verblendmaterialien für Fassaden, die nun aufgrund der perfekten Oberflächen als seelenlose Industrieprodukte verstanden wurde, dem Verdikt modern gesinnter Architekten wie etwa Fritz Schumacher anheim. Deutsche Hersteller reagierten auf die Vorwürfe, indem sie beispielsweise die Oberflächen aufrauten und damit das Bild eines handwerklichen Produkts erzeugen. Ein Boom, wie ihn der Backstein in den Zwanzigerjahren in Norddeutschland erlebte, blieb in Zürich allerdings vollkommen aus.
Insofern ist es interessant, dass hierzulande seit einigen Jahren ein neuer Boom keramischer Fassadenmaterialien zu erleben ist. Hinzuweisen ist auf die Experimente von Gramazio & Kohler mit robotergemauerten Ziegelwänden, das von Peter Zumthor ausgelöste Interesse an dänischem Klinker, vor allem aber der Boom glasierter, gerne stehend verlegter Fassadenfliesen in Zürich infolge der an der ETH ausgeprägten Rezeption der Mailänder Bauten von Luigi Caccia Dominioni. Aber das wäre Thema für eine weitere Publikation.

 

> In archithese 2.2017 Neues Feingefühl widmet sich archithese Materialität und farblichen Details.

> Harry van der Meijs sprach auf dem archithese Kontext Event über ihre Anpassung eines in die Jahre gekommenen Backsteinbaus.

> Derzeit träumen viele Architekturschaffende vom Aufleben Eier traditionellen Baukultur – das zeigt sich auch an der Verwendung des Backsteins am Wohnhaus Müseliweg von Schmid Schärer Architekten.

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