Aus welchem Land kommen Sie?


Ausstellen, aber wie?

Neben der Hauptausstellung umfasst die Biennale in diesem Jahr auch 63 Länderbeiträge, vertreten sind also knapp ein Drittel aller Staaten der Erde. Manche versuchen auf Hashim Sarkis’ Frage How will we live together? zu reagieren, andere nicht. Das zeigt ein Rundgang zu den Präsentationen der Länder.

 

Text und Fotos: Hubertus Adam – 24.5.2021

 

Jede Biennale stellt angesichts der schieren Grösse eine Überforderung dar, in diesem Jahr gilt das allemal. Denn der Parcours, den man in Arsenele und Giardini abschreitet, beginnt mit dem Zustand des Körpers und endet mit der Krise des Planeten. Das Themenspektrum könnte also breiter und zeitgemässer nicht sein. Stärker architekturfokussierte Biennalen der Vergangenheiten traten homogener und konsistenter in Erscheinung; die jetzige Ausgabe mag angesichts der heterogenen Zugangsweisen der Beteiligten mitunter verwirren. Erschwerend kommt hinzu, dass der visuelle Gesamtauftritt samt den Metatexten keine strukturierende Kraft entfaltet und die Orientierung daher mitunter schwer fällt. Die Beiträge selbst erinnern mal an Kunstinstallationen, mal an surreale Labore, mal an Messestände; nicht immer lässt sich der präsentierte «Research» – bekanntlich Lieblingswort von Architekt*innen, wenn sie die Relevanz ihrer Disziplin ausserhalb ihrer Disziplin erklären wollen – in seiner Bedeutung gewichten. Es braucht mitunter viel Zeit, um sich in die einzelnen Projekt einzudenken, denn der Transfer von der akademischen Forschung zur anschaulichen Vermittlung bleibt – nicht nur bei einer Architekturbiennale – stets eine Herausforderung, die nicht immer gelingt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Einladung zur Biennale mag eine Ehre sein, aber auch die Teilnehmenden der Hauptausstellung müssen die Kosten ihrer jeweiligen Präsentationen selbst tragen, und aufgrund der Transporte in die Lagune sind diese exorbitant hoch. Ausserdem fällt es vielen Ausstellenden schwer zu abstrahieren und eine Ökonomie der Aufmerksamkeit zu berücksichtigen, die für die Wahrnehmung von Grossausstellungen gilt.

 

Das gilt erst recht für die nationalen Präsentationen, die sich auf die Länderpavillons, Ausstellungsräume im Arsenale oder angemietete Lokalitäten anderswo in der Stadt verteilen. Den radikalsten Ansatz verfolgt das Team des Deutschen Pavillons um Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Nikolaus Hirsch und Christopher Roth, das unter dem Titel 2038 auftritt und mehr als 100 Teilnehmende umfasst. 2038 hat den Deutschen Pavillon komplett geräumt, die Wände weiss gestrichen und die Oberlichter wieder geöffnet. Damit ist ungefähr der Zustand von 1938 wiederhergestellt, als der Architekt Ernst Haiger das aus dem Jahr 1912 stammende Gebäude im Stil des NS-Repräsentationsklassizismus monumentalisiert hatte. Während Generationen von Kurator*innen sich mit baulichen Interventionen an dieser Geschichte abgearbeitet haben, ist der Umgang mit dem Gebäude diesmal kein Thema. Denn ausgestellt ist nichts – ausser grossen QR-Codes, die auf die Website von 2038 führen. Der zum Verständnis zentrale Einführungsfilm zeigt zwei 2020 und 2021 geborene und von künstlichen Intelligenzen umschwärmte Jugendliche, die im Jahr 2038 in Zeiten einer «New Serenity» leben, so der Untertitel der Ausstellung. Verwundert, erstaunt, auch etwas mitleidsvoll blicken sie zurück auf die Jahre ihrer Geburt. Wie die Menschheit es geschafft haben könnte, die Krise zu meistern, dafür gibt es in weiterem Filmmaterial viele Anregungen von Akteuren aus verschiedenen Disziplinen. Das ist ziemlich gut gemacht und anregend – und, nebenbei bemerkt, angesichts vieler anderer Biennale-Beiträge mit der Vision einer besseren Zukunft unerwartet optimistisch –, aber es gibt keinen Grund, dafür nach Venedig zu fahren, denn es funktioniert genauso an Smartphone, Laptop oder Computer. Die Idee, sich auf eine rein filmische Präsentation zu konzentrieren, stand ganz am Beginn des Prozesses. Zunächst habe man an grossflächige Projektionen im abgedunkelten Pavillon gedacht, erklärt Grawert, doch dann führte die Pandemie zu einer Lösung, die er als «barrierefrei» versteht (sofern das Verständnis der englischen Sprache und die Nutzung eines digitalen Endgeräts keine Barrieren darstellen): Viele Menschen können oder wollen nicht nach Venedig reisen, sind aber als digitale Besuchende des Pavillons gegenüber denen vor Ort nicht benachteiligt. Der deutsche Pavillon provoziert und polarisiert in seiner puristischen Konsequenz, die, zu Ende gedacht, das Spektakel der Biennale überflüssig machte.

 

Für Kritik an Grossveranstaltungen wie der Biennale sowie am Schaulaufen der Länder brauchte es nicht erst die Pandemie. Gerade die Nationenkonkurrenz ist in der Vergangenheit immer wieder in Frage gestellt worden. Supranationale Themen wie im Deutschen Pavillon anzugehen, ist eine Möglichkeit, darauf zu reagieren. Frankreich widmet sich in einer filmbasierten, vor Ort im abgedunkelten Pavillon zu sehenden Ausstellung Communities at Workund blickt dazu nach Bordeaux, Detroit, Hanoi, Mérignac und Soweto; im Österreichischen Pavillon wird von Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer der Plattform-Kapitalismus («access is the new capital») problematisiert, also der Einfluss digitaler Plattformen wie Amazon, Uber, Airbnb auf Mensch und Gesellschaft sowie auf die Stadtentwicklung.
Andere Länder widmen sich eigenen Themen. Zu den Höhepunkten der diesjährigen Biennale zählt der Israelische Pavillon mit der Ausstellung Land. Milk. Honey. Animal Stories in Imagined Landscapes. Die Schau dokumentiert eindrücklich, wie die Landwirtschaft sich infolge der jüdischen Einwanderung nach Palästina, vor allem aber nach der Staatsgründung Israels 1948 verändert hat. Die traditionelle Subsistenzwirtschaft der Levante wurde dabei durch zunehmend industrialisierte Wirtschaftsformen nach westlichem Vorbild ersetzt – mit tiefgreifenden Folgen für Landschaft und Siedlungsformen. Die Präsentation ist inhaltlich konsistent und prägnant – und die Themen sind so verdichtet, so dass man auch bei kurzer Verweildauer einen guten Überblick gewinnt. Nicht zuletzt tragen die grossartigen künstlerischen Arbeiten – erwähnt sei insbesondere die an Pathologie erinnernde Wunderkammer mit den Tierpräparaten im Obergeschoss – dazu bei, dass dieser Pavillon im Gedächtnis bleibt.

 

Usbekistan, erstmals auf der Architekturbiennale vertreten, widmet sich dem Thema der Mahalla, also der traditionellen lokalen Wohn- und Wirtschaftseinheit. Dafür haben Emanuel Christ, Christoph Gantenbein und Victoria Easton als Kurator*innen den Umriss eines für die Mahalla typischen Atriumkomplexes mit gelb lackierten Stahlrohren im Ausstellungsraum im Massstab 1:1 nachgebildet, während zwölf Fotos von Bas Princen ausschnitthaft auf die Materialität der Gebäude verweisen. Auch wenn die abstrakte Herangehensweise räumlich überzeugt, stellt sich Ratlosigkeit ein. Denn wie Mahallas wirklich funktionieren und in welchem Masse das Zusammenleben dort vorbildlich ist oder nicht, erfährt man nicht.
Da geht das Konzept des Dänischen Pavillons besser auf: Lundgaard & Tranberg haben das Ausstellungsgebäude mit einem Tank- und Rohrsystem umgeben, das sich im Inneren im Form von Wasserläufen fortsetzt. Das gesammelte Regenwasser zirkuliert durch das Gebäude, wird zur Bewässerung von Kräuterpflanzen genutzt, deren Tee man trinken kann, und schliesslich wiederaufbereitet. Connectness bedeutet aber auch, dass man sich hier in einer dank der Wasserflächen angenehm temperierten Atmosphäre mit anderen Besuchenden treffen und austauschen kann. Glück für die Dänen, dass sie den Pavillon schon vor der Pandemie komplett eingerichtet hatten, während die öffentlichen Bänke in den Giardini anschliessend demontiert wurden.
Eher erholsam ist auch der Besuch im benachbarten Pavillon der Nordischen Länder, den Helen & Hard gemeinsam mit Bewohner*innen ihrer Siedlung Vindmøllebakken in Stavangar in einen grossen Gemeinschaftsraum unter dem Motto What we share. A model vor cohousing verwandelt haben. Holz spielt naturgemäss auch in Finnland eine wichtige Rolle, und in diesem Jahr überraschen die Kurator*innen im Aalto-Pavillon mit einer historischen Ausstellung über das Unternehmen Puutalo Oy. 1940 von 21 finnischen Holzbaufirmen gegründet, war es zunächst das Ziel, Häuser für Flüchtlinge aus dem nach dem Winterkrieg 1939/40 an die Sowjetunion gefallenen Karelien zu erstellen. Doch die weltpolitische Situation führte dazu, dass Puutalo seine in Masse produzierten Häuser zwischen 1940 und 1955 auch in 30 Staaten der Welt exportieren konnte.

 

Auch die USA widmen sich ihren nationalen Bautraditionen: American Framing erzählt die Geschichte der omnipräsenten anonymen Holzrahmenbauweise. Als temporäre Schaufront ist eine begehbare viergeschossige Holzrahmenkonstruktion dem neoklassischen Biennale-Pavillon vorgeblendet.
Ebenfalls das Thema anonymen Bauens verhandelt das Team des Japanischen Pavillons. Ein typisches hölzernes Kleinhaus aus dem Jahr 1954, später immer wieder umgebaut und erweitert, wurde in seine Einzelteile zerlegt, nach Venedig verschifft und ist dort nun ausgestellt – im Innenraum wie in einer Bauteilbörse, im Aussenraum zu neuen Arrangements transformiert. Die Elemente des Hauses sind damit aber nicht an ihr Ende gekommen, sie bilden den Baustoff für eine Ausstellung anderenorts im kommenden Jahr.

 

Die relativ späte Fixierung des Hauptthemas der Architekturbiennale bringt es stets mit sich, dass viele Länder über ihre Ausstellungprojekte schon zuvor entscheiden und gegebenfalls später mehr oder minder überzeugend versuchen, das zentrale Thema in irgendeiner Weise anklingen zu lassen – oder aber auch nicht. Bahrain dokumentiert anhand von Materialproben, Zeichnungen und Modellen auf gewohnt ästhetisch ansprechende Weise die architektonischen Interventionen des Pearling Path in Muharraq. Das sensibel das historische Zentrum der Stadt reaktivierende Projekt (unter anderem mit Arbeiten von Anne Holtrop, OFFICE, Christian Kerez und Valerio Olgiati) ist herausragend, weil es auf eine nachhaltige kulturelle Alternative zur architektonischen Glitzerwelt der übrigen Golfstaaten setzt. Kuratorin ist Noura Al Sayeh-Holtrop, welche die Umsetzung des Projekts vor Ort massgeblich steuert. Aber auch die Vereinigten Emirate setzen in diesem Jahr auf Nachhaltigkeit und stellen ein Forschungsprojekt vor, wie sich aus dem in den Meerwasserentsalzungsanlagen anfallenden Salz und anderen natürlichen Rohstoffen aus dem Ökosystem der Sabchas ein betonadäquates und wiederabbaubares Baumaterial gewinnen liesse.
Komplett auf digitale Strategien verzichtet Belgien: Composite Presence ist eine Modellandschaft aktueller flämischer Architektur im Massstab 1:15, die nicht zuletzt durch den Verzicht auf Details ein konsistentes Capriccio darstellt, wie es sich Bovenbouw Architectuur als kuratierendes Büro wünscht.

 

Einen etwas zwiespältigen Eindruck schliesslich hinterlässt der Schweizer Pavillon zum Thema Oræ – Experiences on the Border, der von Mounir Ayoub und Vanessa Lacaille (le laboratoire de l’architecture, Genf), dem Bildhauer Pierre Szczepski und dem Filmemacher Aragno kuratiert wurde. Das Team bereiste die Schweizer Landesgrenze und führte an diversen Orten Interviews, diesseits und jenseits der Grenze. Dabei wurden die Interviewpartner*innen gebeten zu beschreiben, wie sie die Grenze erleben. Diese räumlichen Erfahrungen wurden schliesslich in 42 Modelle übersetzt, welche, beleuchtet durch an die Wände projizierte Filmaufnahmen, im komplett abgedunkelten grossen Saal des Pavillons von Bruno Giacometti zu einer Installation arrangiert sind. Man kann die Narrative, welche die Grundlage der Modelle bildeten, per QR-Code – ohne den es bei dieser Architekturbiennale kaum noch geht – abrufen. Nichtsdestotrotz wirkt der Beitrag etwas bemüht und die mehrfache mediale Transformation führt dazu, dass die politische Botschaft verloren geht.

 

> archithese berichtete bereits über die Hauptausstellung der diesjährigen Architekturbiennale.

> In archithese 3.2020 Geopolitik sprechen Brett Petzer und Jørg Himmelreich mit den Kurator*innen des diesjährigen Schweizer Länderpavillons.

> Die Ausgabe archithese 3.1996 Präsentieren – Inszenieren, Ausstellungsarchithektur widmete sich der architektonischen Konzepten von Bildungs- und Vermittlungsarbeit.

 

 

Unsere Empfehlung

archithese 3.2020

Geopolitik


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