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Ausgezeichnete Haltungen

In Marseille wurden am Abend des 29. Septembers 2017 die elf Gewinner des LafargeHolcim Awards for Sustainable Construction in der Gruppe Europa vorgestellt. Natürlich standen die siegreichen Architekten und die auslobende Betonfirma bei der Verleihung im MuCEM im Rampenlicht. Doch der Jury – das machten die Wahl der siegreichen Projekte deutlich – ging es vor allem um das Auszeichnen von Haltungen und Strategien: Gemischte Programme, Umnutzen und Erhalten, flexible Strukturen im Sinne veredelter Rohbauten und Eigeninitiative wurden prämiert.

 

Text: Jørg Himmelreich – 2.10.2017

 

Ein Architekturpreis mit Strahlkraft
Alle drei Jahre zeichnet die Holcim Stiftung – seit der Fusion der Firmen Lafarge und Holcim in 2015 als LafargeHolcim Foundation – Projekte aus, die von ihr als besonders nachhaltig bewertet werden. Zuerst werden Gewinner in fünf Weltregionen bestimmt; ein Jahr später dann die drei «Weltmeister» gekürt. In Marseille wurden für Europa insgesamt elf Trophäen überreicht: Das aus ganz Europa angereiste Publikum konnte die Projekte, welche mit den drei Haupt-, drei Nachwuchspreisen und vier Anerkennungen ausgezeichnet wurden, in kurzen Filmen kennenlernen.
Die eingereichten Projekte sollen «nahe an der Realisierung» sein. Der Preis soll auch als Geburtshelfer fungieren – die Strahlkraft der Auszeichnung half bereits mehrfach, Akteure zu überzeugen und Hürden bei der Realisierung zu überwinden. Bei der fünften Ausgabe wurden mehr als 5 000 Projekte eingereicht. Kein Wunder, denn insgesamt werden Preisgelder in Höhe von USD 2 Millionen ausgeschüttet. Da schickt man als Architekturbüro gerne ein Projekt ins Rennen. Die LafargeHolcim Stiftung agiert – so betonte der Präsident des Vorstandes der Stiftung Rolf Soiron aus der Schweiz beim Anlass in Marseille – unabhängig vom Konzern und versuche eigene Impulse zu setzen. Das schien glaubhaft, ging es doch nur bei wenigen der gekürten Projekte um Beton oder allgemein um Materialien und Ressourcen, als viel mehr um Haltungen. Beat Hess, Vorstandsvorsitzender von LafargeHolcim legte nach: Er wolle Nachhaltigkeit nicht ausschliesslich als Frage der Ökologie, sondern auch als eine der sozialen Gerechtigkeit und sogar der Ästhetik verstanden wissen.

 

Weitsichtige Kriterien
Auch wenn die CEOs die Trophäen, welche aus verschiedenen Spezialbetons der Firma gefertigt wurden, überreichten: Der Geldgeber nehme – so wurde versichert – keinen Einfluss auf die Wahl der Juries und steuert ihnen lediglich jeweils ein Mitglied bei. Das Expertenteam für Europa – bestehend aus Marc Angélil, Karen Scrivener und Harry Gugger (Schweiz), Sandra Bartoli und Matthias Schuler (Deutschland), Anne Lacaton (Frankreich), Yvette Vašourková (Tschechien), Jane Wernick (UK) sowie François de Larrard (Frankreich) – hatten aus 437 Einreichungen auszuwählen. Doch wie sich durch die grosse Menge an Projekten arbeiten? Die Experten definierten dazu vorab eigenen Nachhaltigkeitskriterien: Sie setzen auf die Kombination von Innovation und Übertragbarkeit, Ethik und sozialer Inklusion, Ressourcenschonung und geringem Energieverbrauch, ökonomische Aspekte, Ästhetik und Beiträge zur lokalen Kultur.

 

Next Generation Award
Mit vier Preisen für junge Architekten wurden Visionen und Ideen belohnt. Geehrt wurde beispielsweise die Idee zur Umnutzung einer Fabrik in Łódź. Malgorzata Mader möchte die metallene Tragstruktur mit ihren Sheddächern teilweise öffnen und kleinere Wohneinheiten aus Holz einfügen. So könnten begrünte Atrien entstehen – ein Projekt, das seinen Reiz aus dem Verschneiden zweier Ordnungssysteme und Massstäbe zieht.
Die Russin Anna Andronova entwickelte eine städtebauliche Vision für Kasan. Ihre Idee einer «Stadt der Zukunft» wirklich zu durchdringen, die wie eine fantastische Sci-Fi-Comic-Welt aussieht, war schwierig. Aber die ästhetischen Zeichnungen vermochten dennoch zu begeistern. Niemanden wird wundern zu erfahren, dass die Arbeit an der Londoner Bartlett School of Architecture in London enstanden ist.
Das ästhetisch ansprechendste und insgesamt überzeugendste Projekt des Abends präsentierte Jakub Grabowski. Sein Vorschlag zur Umnutzung einer Klosterruine in Gdynia aus Backstein in ein Rehabilitationszentrum ergänzt den ruinösen Bestand um eine Holzstruktur, die mit ihrer poetischen, leicht rauen Wirkung zwischen Fill-in und Stützkonstruktion oszilliert und damit vor allem den Faktor Zeit in der Architektur thematisiert. 
Auch ein Schweizer Autor konnte in der Nachwuchswertung punkten: Frédéric Bouvier aus Renens stellte seine Diplomarbeit an der EPF Lausanne vor: Eine Löschwasserzisterne und Schutzhütte für die Region Collobrières, die zugleich auch Denkmal für algerische Gastarbeiter sein soll. Ein kleines Objekt – in seiner Funktion zur Bekämpfung von Waldbränden aber mit grosser territorialer Wirkung. Der kleine, analog anmutende Entwurf war neben der Klosterumnutzung eines der ansprechendsten Objekte, da es die Frage der Form mit den anderen Aspekten auf Augenhöhe behandelte.

 

Ungewöhnliches anerkennen
Mit den Acknowledgement Prizes wurden dann Projekte und Ideen ausgezeichnet, die – so Jurymitglied Marc Angélil – «nobel, schön und outside the box» sind. Jeannette Kuo und Ünal Karamuk aus Zürich gewannen eine der Trophäen für ihr Projekt des Ausgrabungszentrums auf dem Geländer der ehemaligen Römerstadt Augusta Raurica bei Basel. Das lange Bauwerk mit seiner gerasterten Tragstruktur und lebendigen Sheddächern spannt einen offenen, flexiblen Raum auf. In diesem Entwurf ist das grosse Wissen zu spüren, dass sich die beiden Architekten in den letzten Jahren über flexible Büro- und Industriebauten angeeignet haben. Im neuen Zentrum sollen Ausstellung, Archiv und Arbeitsplätze für Archäologen und Restauratoren unterkommen. Der Bau kann in Etappen realisiert werden. Das wird seine Umsetzung begünstigen, denn noch ist die Realisierung auf politischer Eben nicht in trockenen Tüchern.
Zudem wurde Joaquín Pérez-Goicoechea von AGi architects für die Grüngestaltung in einer spanischen Ausgrabung geehrt, die Initiative Asociatia Culturala Grivita 53 aus Bukarest für die Idee eines Theaters in einem Hinterhof und François Chas von NP2F architectes für den Entwurf eines Nachbarschaftszentrums für Bordeaux, bei dem verschiedenste Programme in einer offen wirkenden Betonstruktur aufeinander gestapelt werden sollen. 

 

Tripple-Gold
Für eine kleine Überraschung sorgte die Verleihung der Goldmedaille: Die Jury entschied sich in diesem Jahr gleich zwei Projekte für Brüssel mit der höchsten Ehrung zu versehen und dafür kein Silber zu vergeben. Beide Teams behandeln den gleichen Ort und zeigen eine annähernd identische Haltung. Sowohl ein Parkhaus für Müllfahrzeuge von TETRA Architekten, als auch ein um Büroflächen ergänztes Betonmischwerk von Wes Degreef – BC architects & studies soll einen Beitrag zur städtebaulichen Umstrukturierung entlang des zentral durch Brüssel verlaufenden Willebroek Kanals leisten. Da die Belgische Hauptstadt wächst, sollen entlang des Wasserweges neue Wohnungen, Büros und qualitative öffentliche Räume entstehen. Beide Projekte wirkten etwas hemdsärmelig. Für die bestehende Betonmischanlage wurde eine grosses verglastes Volumen vorgeschlagen, das über der bestehenden Industrieanlage schweben soll. Die neue Superdutch-Box soll neue Landmarke sein und öffentliche Nutzungen aufnehmen. Das Servicegebäude für die Müllfahrzeuge zeigte sich als veredelter Rohbau mit relativ generische Tragstruktur. Die Idee ist, dass es für möglichst ein Jahrhundert den wechselnden Bedürfnissen verschiedener Nutzer angepasst werden kann. Dies ist ein architektonisches Konzept, welches von der Foundation bereits öfter ausgezeichnet wurde (und für das das mit einer Anerkennung geehrte Nachbarschaftszentrum für Bordaux ein weiterer Vertreter ist) und zudem den Einfluss von Anne Lacaton und Marc Angélil in der Jury spürbar macht, deren Architekturbüros mit dieser Idee häufiger operieren. 
Die Goldmedallien machten sichtbar, dass es der Jury allem voran um eine Haltung ging: Beide Siegerprojekte wollen der Innenstadt entlang des Kanals neuen Wohn- und Büroraum hinzufügen, ohne aber das dort bisher ansässige produzierende Gewerbe an den Stadtrand zu verdrängen. Dabei wurde nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass es hierzu nicht nur Impulse von Seiten der Architekten, sondern auch der Politik braucht. Lobend wurde auch der Mut des amtierenden Stadtbaumeisters von Brüssel herausgestrichen, der die programmatischen Mixturen überhaupt erst ermöglicht hat. Das ist wichtig, denn um beim Städtebau out of the box zu denken, sind mutige Entscheidungen von Politik und Investoren noch viel wesentlicher als die Ideen der Architekten. 

 

Wohnen über dem Parkplatz
Geht es um Nachhaltigkeit, ist in diesen Tagen selten der private PKW ein Thema. Anders beim Bronze-Preis: Das Projekt der ZED PODs (Zero fossil Energy Developments) schlägt vor, den Luftraum über bestehenden Parkplätzen – beispielsweise vor Super- oder Baumärkten – mit temporären Wonungen zu überlagern. Der Vorschlag des Büros von Bill Dunster ist universell übertragbar, will aber ganz konkret eine Lösung für die Wohnungsnot in London sein. Der Entwurf behandelt über einen Laubengang erschlossene Reihenhäuser, die als Pfahlbauten über den Parkplätzen stelzen. Gedacht sind sie als temporäre Heimat für key-worker, wie Krankenpfleger, Lehrer und Feuerwehrmänner. Zuerst dachte das Team lediglich über die Möglichkeit nach, über Parkplätzen Solarzellenfelder zu errichten. Dann kam ihnen die Idee «dazwischen» Wohnungen einzufügen. Wer jetzt einwenden mag, dass das der Luftraum nach Abgasen stinken wird: Die Architekten sind überzeugt, dass die Elektromobilität den Benzinmotor schon bald verdrängen wird und damit Geräusche und Abgase der Vergangenheit angehören. Dann könnte der Strom der Solarzellen die Batterien der darunter geparkten Elektroautos auffüllen, während die Besitzer einkaufen. Die Konstruktion soll aus leichten, gedämmten Holzrahmen bestehen, die als Einheiten in einer Fabrik innerhalbe einer Woche vorgefertigt und dann mit dem LKW angeliefert werden könnten. 

 

> Den Kindergarten in Aadorf von Karamuk Kuo zeigt archithese 1.2014 Swiss Performance.

> Die Geschichte als Ideenpool: Philippe Jorisch bespricht das Buch Space of Production von Jeannette Kuo.

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