Anna Heringer
Form Follows Love?
Derzeit gibt es gleich doppelt Anlass, sich Anna Heringers Arbeiten zu widmen: zum einen die aktuelle Ausstellung im Vorarlberger Architektur Institut, die noch bis September in Dornbirn bei Bregenz zu sehen ist, zum anderen der neue Bildband über die wichtigsten Bauwerke der Architektin mit Fotografien von Iwan Baan. Anna Heringers bekanntestes Projekt, die METI School in Bangladesch, spielt darin ebenso eine Rolle wie ein erst kürzlich fertiggestelltes und bislang wenig bekanntes Projekt.
Text: Nele Rickmann, 12. Mai 2026
Wer sich mit Lehmbau beschäftigt, kommt an Anna Heringer nicht vorbei. Die in Deutschland geborene Architektin entwickelt ihre Projekte in enger Zusammenarbeit mit dem Lehmbauspezialisten Martin Rauch. Nach Gastprofessuren an der Harvard Graduate School of Design, der ETH Zürich und der TU München hat sie seit 2024 eine Praxisprofessur an der Universität Liechtenstein inne. Bereits ihre Diplomarbeit an der Universität Linz wurde 2006 zu ihrem bis dahin grössten Erfolg: Die gemeinsam mit Eike Roswag entworfene und realisierte METI School in Rudrapur, Bangladesch, erhielt unmittelbar nach Fertigstellung den Aga Khan Award for Architecture. Für viele ist die Schule, die dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert, bis heute Inbegriff des Œuvres der Architektin.
Doch Anna Heringer baut weiter, gründete inzwischen ihre eigene Textil- und Modemarke Dipdii Textiles und engagiert sich in NGOs für soziale Gerechtigkeit. Ihr Werdegang und ihre Haltung stehen im Zentrum der Ausstellung Form Follows Love, die noch bis 19. September im Vorarlberger Architektur Institut (vai) zu sehen ist. Der Ausstellungstitel ist zugleich Namensgeber ihres Buchs, das 2024 in Deutsch, Französisch und Englisch im Birkhäuser-Verlag erschienen ist.
Da «Liebe» bekanntermassen ein grosses Wort ist, frage ich die Architektin bei einem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung, was genau sie damit meint. Es gehe ihr um einen Gegenentwurf zu einer Architektur der Angst, erklärt sie – insbesondere der Angst vor Fehlern. Heringer plädiert für intuitives Entwerfen und partizipative Prozesse. Normative Zwänge und Schuldzuweisungen sollten überwunden werden. In Bangladesch habe sie die Schönheit des Einfachen erkannt, ein von Perfektionsdruck befreites Verständnis von Gestaltung. Schönheit, so Heringer, habe nichts mit Reichtum zu tun, sondern mit Würde.
Dass sie selbst immer wieder lernen müsse, sich von Perfektionsvorstellungen zu lösen, beschreibt sie in ihrem Text «Eindrücke aus Bangladesch» in der jüngsten Publikation Architecture is a Tool to Improve Lives (Birkhäuser, 2026). Als sie und der Fotograf Iwan Baan abends am DESI Center, einer Berufsschule für Elektrotechniker*innen in Rudrapur, ankamen, waren dort zahlreiche blinkende Lichterketten angebracht. Ihr erster Impuls sei gewesen, die Dekoration zu entfernen – «wo waren meine klaren Linien …?» –, bevor sie erkannte, wie viel Stolz und Sorgfalt darin lag, und sie sie letztlich so beliess, wie sie waren.
Sowohl Baan als auch Heringer hielten sich bereits 1997 mehrere Monate in Bangladesch auf: Er arbeitete im letzten Jahr seines Kunststudiums an einer Dokumentation über die Grameen Bank, sie engagierte sich in der ländlichen Entwicklungsarbeit bei der NGO Dipshikha. Damals begegneten beide sich nicht, erst später entdeckten sie ihr gemeinsames Interesse an der Kultur und Architektur des Landes.
Die Publikation versammelt ausschliesslich Texte der Architektin selbst – ergänzt werden diese durch ein Vorwort von Jesper Eis Eriksen, Direktor der Henrik F. Obel Foundation, deren OBEL Award 2020 Heringers Anandaloy Building für Menschen mit Behinderung in Rudrapur erhielt. Neben eindrucksvollen Fotografien von Iwan Baan, die nicht nur die Architektur in Bangladesch und Europa, sondern auch deren Atmosphären einfangen, finden sich Planzeichnungen, die eher an künstlerische Collagen erinnern, sowie textile Arbeiten von Dipdii Textiles. Die Stoffe werden von Näherinnen in Bangladesch handgefertigt und dienen teilweise als Träger für aufgestickte Grundrisse, Schnitte und Ansichten.
Nicht zum ersten Mal verwendet Heringer Textilien auch als szenografisches Medium. Bereits auf der Architekturbiennale in Venedig 2018 oder in der Ausstellung The Great Repair in Berlin 2024 waren textile Arbeiten zu sehen. Im vai hängen sie über vier grossen Tischen, die jeweils einem Themenfeld gewidmet sind: der «Architektin», ihren «Positionen», ihrer «[Arbeits-]Methode» sowie «Ehrungen, Preisen, Auszeichnungen». Die drei Kurator*innen – die Kunsthistorikerin Dominique Gauzin-Müller, der Architekt Clemens Quirin und vai-Direktorin Verena Jakoubek-Konrad – zeichnen auf kleinem Raum ein umfassendes Bild von Heringers Arbeit. Thematisiert werden ihr erster Kontakt mit dem Baustoff Lehm – durch einen von Martin Rauch geleiteten Workshop an der Universität Linz – ebenso wie ihre internationalen Auszeichnungen. Seit 2010 hält Heringer als Honorarprofessorin den UNESCO-Lehrstuhl Earthen Architecture inne. Gemeinsam mit Martin Rauch entwickelte sie zudem die Methode des «Clay Storming», bei der alle Beteiligten intuitiv an einem grossen Lehmmodell arbeiten und den Entwurfsprozess gemeinsam gestalten.
Die theoretischen Positionen werden durch Projekte von Anna Heringer Studio ergänzt – in Form von Modellen, Fotografien und textilen Plänen. Zu sehen sind unter anderem neben der METI School und dem Anandaloy Building in Bangladesch die Bamboo Hostels in China sowie ihr jüngstes Werk: der 2025 fertiggestellte Campus St. Michael in Traunstein, Deutschland. Nach kleineren Projekten in Europa markiert der Campus einen Meilenstein im zeitgenössischen Lehmbau und in der Verbindung lokaler Bautraditionen mit gegenwärtigen architektonischen Haltungen. Das Projekt steht exemplarisch für Heringers Kritik an der Dominanz von Beton und industriellen Baustoffen ebenso wie für ihr Verständnis von Architektur als Werkzeug gesellschaftlichen Wandels.
Noch zählen Gebäude wie der Campus St. Michael mit ihren teilweise zweigeschossigen, selbsttragenden Lehmwänden in Europa zu den Ausnahmen – insbesondere, weil sie nicht als Hybridkonstruktionen ausgeführt wurden. Heringer plädiert dafür, Lehm konsequent aus seinen materialimmanenten Eigenschaften heraus zu denken; alles andere bezeichnet sie als «schummeln». Man könnte sie deshalb als kompromisslose Vertreterin des Lehmbaus bezeichnen. Gerade darin liegt ihre konsequente Stärke – zugleich bleibt offen, ob Lehmbau unter diesen Voraussetzungen tatsächlich jene Breitenwirkung entfalten kann, die Heringer sich erhofft.
Abschliessend kommt eine weitere Frage hinzu, welche die Arbeiten der Architektin immer wieder begleitet: Inwiefern birgt die Suche nach dem Einfachen, dem Intuitiven und Nicht-Perfekten auch die Gefahr einer Romantisierung? Gerade der westliche Blick auf handwerkliche Bauweisen und gemeinschaftliche Prozesse in Asien, Afrika oder Südamerika bewegt sich oft in einem Spannungsfeld zwischen Wertschätzung aber auch Sehnsucht nach einem vermeintlich ursprünglicheren Leben. Heringers Architektur entgeht dieser Ambivalenz nicht vollkommen – auch wenn gerade ihre langfristige Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften und ihr konsequentes Engagement verhindern, dass sich ihre Projekte in reiner Symbolarchitektur erschöpfen.
Programm zur Ausstellung
Sa 24.06.2026, 17:00 Uhr
Ausstellungsgespräch mit Direktorin Verena Jakoubek-Konrad
vai Voralberger Architektur Institut
Marktstraße 33, AT–6850 Dornbirn
> Weitere Informationen zur Ausstellung auf v-a-i.at
> Weitere Informationen zur Publikation auf birkhauser.de




