Aus welchem Land kommen Sie?


«Eigentlich liegen meine Wurzeln im Lago Maggiore, nicht in Locarno. Ich bin Fischer. Nur darum bin ich immer da geblieben.»

Ästhetik der Verweigerung

Der Architekt Luigi Snozzi ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Er hinterlässt ein umfassendes Werk und gilt als einer der bedeutendsten Architekten aus dem Tessin. Der Meister wurde 1932 geboren, lehrte an der ETH Zürich und in Lausanne. Sein 1958 gegründetes Büro wurde vor allem für die Umgestaltung und bauliche Verdichtung von Monte Carasso bekannt. Als Hommage veröffentlicht die Redaktion der archithese erneut ein Interview, das der damalige archithese-Chefredaktor J. Christoph Bürkle im Jahr 2010 geführt hat. Es erschien im Interviewband Architekturdialoge Schweiz, der von Marc Angélil und Jørg Himmelreich am Departement Architektur der ETH herausgegeben wurde.

 

Interview: J. Christoph Bürkle 2010 – Zweitveröffentlichung 3.1.2021
Fotos: Christian Aeberhard © ETH Zürich, Departement Architektur

 

Christoph Bürkle    Sie haben Ihr Büro schon eine lange Zeit in Locarno. Was bedeutet Ihnen dieser Ort?

Luigi Snozzi    Er bedeutet mir viel, auch wenn Locarno eine schlafende Stadt ist. Allgemein bewegt sich sehr wenig, gegenüber Lugano zum Beispiel. Würden wir beide Städte vergleichen, ist Lugano sehr aktiv, sehr dynamisch; Locarno bleibt ruhig. Diese Ruhe von Locarno – dazu gibt es ein wunderbares Buch von Piero Bianconi – hat ihre eigene Geschichte. Er benannte drei historische Gründe, warum Locarno so ist. Einer geht zurück auf das Jahr 1515. Die Brücke von Bellinzona, La Toretta, wurde seinerzeit von einer Lawine zerstört. Sie war zu dieser Zeit die einzige Möglichkeit nach Locarno zu gelangen. 300 Jahre blieb diese Wegverbindung zerstört. Das heisst, die Stadt war für Jahrhunderte annähernd abgeschnitten. Die Leute mussten über die Magadinoebene in die Stadt kommen. Aber das war fast unmöglich, denn dort war es sumpfig und es gab Malaria. Dann kam die Pest. Locarno hatte vor ihrem Ausbruch ungefähr 10 000 Einwohner. Geblieben sind 700. Die Pest war eine Katastrophe. Und dann ereignete sich die Gegenreform. Alle reformierten Familien, zumeist die intelligenza, wurden aus Locarno vertrieben – sie emigrierten nach Zürich oder wurden getötet. Mit ihnen ging ein Grossteil der Traditionen verloren.
Aus diesen drei Gründen resultieren laut Bianconi Probleme, die Locarno bis heute nicht überwunden hat. Als vor 15 Jahren der Bau eines Autotunnels von Locarno nach Bellinzona diskutiert wurde, konnte man spüren, dass das Problem mit der Brücke La Toretta in den Köpfen weiterexistiert. Man ist bisher nicht fähig gewesen, dieses zu überwinden. Darum ist Locarno immer so schläfrig geblieben.

 

Mit dem jährlichen Filmfestival ist es aber auch ein magischer Ort.

Ja, und das wissen wir auch. Allein die geografische Situation – der Lago Maggiore, Monte Verità und so weiter – trägt zu seiner magischen Wirkung bei. Und natürlich die Piazza.

 

Gleichzeitig hat die Piazza auch ein Problem. Der Ort ist für die stetig wachsenden Filmanlässe zu klein und er ist nicht wettersicher. Sie haben ein Projekt dazu verfasst.

Früher habe ich einige Jahre mit Vacchini zusammengearbeitet. Nach mehr als 20 Jahren haben wir uns wieder zusammengesetzt und beklagt, dass die Stadt uns keine Gelegenheit gibt, als Architekten tätig zu sein. Ich bin seit 30 Jahren hier und habe nie auch nur ein kleines Projekt für die Stadt gemacht – «machen wir ihr also ein Geschenk.» Es war damals die Rede davon, die Piazza von Locarno für die Zeit des Festivals mit einem Dach zu bedecken. Wir hielten das für eine Dummheit. Das Schöne an diesem Platz ist die Stimmung – gerade abends, wenn man den Himmel sieht. Zudem ist die Form des Platzes für eine Bedeckung ungeeignet. Anhand einer Skizze haben wir eine Idee veranschaulicht. Die Piazza Grande ist das Herz der Stadt. Aber wegen des Festivals sowie der 15 Tage für Vor- und Nachbereitung ist sie jedes Jahr für einen längeren Zeitraum für die Bevölkerung nicht benutzbar. Das ist ein grosses Problem und wir hatten die Idee, anstatt die Piazza zu überdecken, das Festival an einen anderen Platz zu verlegen. Nur, wohin? Zunächst haben wir über die Parkanlage von Locarno als möglichen Standort nachgedacht. Aber ein festes Gebäude für 6 000 Menschen errichten für nur 15 Tage im Jahr? Das ist unmöglich. Man musste etwas anderes machen.

 

Verschlafene Stadt

Auch bei einer Relokalisierung bleibt das Problem, dass es keinen Schutz vor Regen gibt.

Ja, darum haben wir gedacht, wir stellen die neue Projektionsfläche neben den Park, direkt in den See, um eine Art Platz unter dem See zu schaffen: ein Loch im See, eine Wanne. Die Strasse am Quai ist sehr wichtig. Sie muss bleiben. Deshalb wollten wir die Menschen vom Park unter der Strasse hindurch zum neuen Platz im See führen. Und dieser wäre leicht zu überdecken, indem man ein horizontales Schiebedach anbrächte. Wir realisierten, dass das Filmfestival immer internationaler wird. Darum wollten wir es auf ein Terrain stellen, das nicht irgendwann von Locarno kommerzialisiert werden kann. Der See ist kantonal und gehört damit nicht direkt zu Locarno. Von dort könnten die Leute abends nach dem Film in den Park gehen und zur Piazza, in die Restaurants und zu anderen Festivitäten. So entstünde eine Promenade im Zentrum der Stadt. Es ging auch darum, den Park zu beleben.
Eine zweite Idee bestand darin, im Park zusätzlich Raum für das Festival zu schaffen. Es gab sogar eine Sitzung mit der Stadt darüber. Auch der damalige Festivalleiter Marco Müller war dabei. Aber unsere Ideen wurden nicht weiterverfolgt. Man hat nie wieder etwas gehört davon; alle haben gesagt: «Die beiden Alten sind verrückt.»

 

Eine schöne Idee. Über die Projektionsfläche hätte man den Blick auf den See gehabt. Man ginge vom Park die Treppe hinunter, die Boote lägen ringsherum. Zudem hätte man den neuen Platz neben dem Festival öffentlich nutzen können. Was hat die Stadt nun vor?

Man spricht über alternative Projekte. Aber in Locarno verstreichen 50 Jahre, bevor man Probleme löst. Diese Erfahrung machte ich auch beim Projekt zur Umgestaltung der Piazza Grande. Es gab einen Wettbewerb, um die Parkplätze zu entfernen und für einen neuen Platzbelag. Ich habe den ersten Preis gewonnen. Doch nichts wurde realisiert. Alle zwei Jahre, wenn abgestimmt wird, sagen die Politiker erneut: «Wir können morgenanfangen.» Aber es passiert nichts. Ich warte seit zwanzig Jahren. Dann hat Aurelio Galfetti diesen grossen, versenkten Platz im Verkehrskreisel [Piazza Castello] errichtet. Ich hatte in diesem Zusammenhang einen Vorschlag, um die Piazza Grande besser anzubinden, aber das ist zwanzig Jahre her und wurde nicht berücksichtigt.

 

Der Verkehrskreisel ist eines der grössten Bauvorhaben Locarnos in der letzten Zeit gewesen. Städtebaulich eine höchst problematische Figuration in der kleinen Stadt.

Es wurden verschiedene problematische Entscheidungen bei der Verkehrsführung getroffen. Der Kreisel funktioniert gut für den Verkehr, aber alle Quartiere sind durch ihn vom Zentrum komplett abgetrennt. Für mich war es immer das wichtigste Thema, die umliegenden Gebiete mit dem Zentrum der Stadt zu verbinden. Der Kreisel hat die Situation also nicht verbessert. Auch der bereits erwähnte Tunnel von Locarno, der fast von Tenero bis zum Zentrum führt, birgt Probleme. Ich hatte mich vor vielen Jahren gegen seinen Bau ausgesprochen. Ich fand ihn nicht richtig, weil Locarno eine touristische Stadt ist. Wer jetzt Richtung Locarno möchte, fährt in ein Loch, an der Stadt vorbei und kommt ausserhalb wieder heraus. Danach muss man um 180 Grad wenden, um in die Stadt hineinzufahren. Ich habe alternativ einen Tunnel für die Bahn vorgeschlagen. Das hätte weniger gekostet. Den Bahnhof von Locarno hätte ich näher ans Zentrum gelegt und dort, wo heute die Station ist, 3 000 Parkplätze vorgesehen. Wie in einem ‹Bahnhof für Autos› hätte man am Rand der Altstadt das Auto stehen gelassen. So hätte man die wunderbare Situation am See bei der Einfahrt in die Stadt Locarno wahrnehmen können. Ich hätte nie gedacht, dass der Tunnel funktioniert, stattdessen lange Staus im Tunnel erwartet und geglaubt, dass die Leute wieder auf der alten Strasse fahren werden. Aber ich habe mich geirrt; die Bahn funktioniert sehr gut und der Tunnel auch.

 

Was halten Sie von der geplanten Autobahnverbindung Bellinzona-Süd durch die Magadinoebene bis nach Locarno? Dieses Projekt ist schon seit Langem im Gespräch.

Die Magadinoebene ist wichtig für die Zukunft des Tessins, daher bin ich solchen Infrastrukturen in der Ebene gegenüber kritisch. Aber gleichzeitig muss man Locarno an die Autobahn anbinden. Daher befürworte ich eine Streckenvariante, die am Berg entlangführt, statt mitten durch die Ebene. Das viel grössere Problem der Magadinoebene ist jedoch der Bahn-Alpentransit, gegen den ich schon seit ein paar Jahren kämpfe. Derzeit schneidet er die Ebene komplett entzwei. Ausserdem ist das Lärmproblem fast nicht zu lösen. Auch die Koppelung von Regionalzügen und Transitzügen ist höchst problematisch. Das ist natürlich auch ein politisches Problem. Alle wollen einen neuen, grossen, überregionalen Bahnhof, sowohl Lugano als auch Bellinzona. Um das Magadino in seiner ländlichen Struktur zu erhalten, muss der regionale Zugverkehr vom Transitverkehr getrennt werden. Der Vorschlag von Galfetti sah einen Tunnel über fast die gesamte Länge vor. Aber der Reisende möchte ja etwas vom Tessin sehen. Mein Vorschlag war, dass der Fracht- und Fernverkehr über ein grosses Viadukt geführt wird. Das Lärmproblem wäre so gelöst und die Pfeiler kosteten viel weniger als eine Röhre. Ich bin bis zum damaligen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger gegangen.  Er war sehr höflich und hat eine Sitzung mit der Bahn organisiert. Aber es ist nichts dabei herausgekommen. Das ist unglaublich, denn niemand bewegt sich. Es gibt auch keine Stellungnahmen in den Zeitungen. Dabei ist es wirklich ein Fehler von weitreichender Bedeutung, die Magadinoebene in zwei Teile zu schneiden. Denn hier in der Ebene – die Politiker haben es noch nicht gemerkt, weder in Locarno noch in Bellinzona – beginnt eine neue Stadt zu wachsen: die neue Stadt Tessin. Das wird sich noch verstärken, wenn erst der neue Grossbahnhof gebaut ist. Die Landwirtschaft wird weiter zurückgedrängt. Und schon heute haben die Strassen der Ebene fast aussschliesslich urbanen Charakter.

 

Sprechen wir noch einmal über Locarno. Es gab den Plan, eine Halle für das Festival innerhalb des Verkehrskreisels zu positionieren.

Galfetti hatte ein grosses Zelt für das Filmfestival in der Mitte projektiert. Ich halte das für keine gute Idee. Schliesslich ist der Kreisel vom Verkehr umgeben, von Lärm und Emissionen. Man kann das Zelt ja nicht vollständig schliessen.

 

Kann Locarno über das Festival hinaus ein Ort der Kultur sein? Eine Brücke zwischen dem Tessin und Italien?

Ich glaube nicht. Es gab zwar einen Moment, als ich jung war, an dem es eine interessante kulturelle Situation in Locarno gab. Besonders als der Historiker Virgilio Gilardoni beim Festival involviert war. Er hatte auch einen Kinoclub. Zu dieser Zeit kamen grosse Bildhauer und es gab so eine Art Zentrum. Gerhard Richter und viele andere waren da und der Bildhauer Remo Rossi aus Locarno hat diese Leute aufgenommen. Auch der Monte Verità spielte mit bedeutenden Schriftstellern damals eine grössere Rolle. Aber heutzutage gibt es das nicht mehr. In Locarno geschieht nichts. Es ist, wie ich eingangs schon sagte, kulturell eine schlafende Stadt.

 

Immerhin haben Sie längst Ihr 50-jähriges Bürojubiläum in Locarno gefeiert; Sie sind mit der Stadt verbunden.

Ja, aber ich frage mich oft, wieso. Wo ich doch dort, wo ich arbeite, nicht mal ein kleines Haus bauen konnte. Ich habe nur Schwierigkeiten gehabt mit der Gemeinde. Eigentlich liegen meine Wurzeln im Lago Maggiore, nicht in Locarno. Ich bin Fischer. Nur darum bin ich immer dageblieben. Gleichzeitig muss ich sagen, ich bin ein Nomade. Ich lebe überall, bin sehr wenig da. Ich bin zwei Tage pro Woche in Locarno und sonst immer ‹draussen›. Derzeit lehre ich in Sardinien. Hier ist nur das Logistikzentrum. Ich komme her zum Schlafen und habe hier mein Büro.

 

Unglücklicher Sohn

Woran liegt es, dass Sie keine Projekte für Locarno realisiert haben?

Nur wenige Projekte habe ich für die Stadt geplant, wie das schon erwähnte Beispiel der Neugestaltung der Piazza Grande, und diese wurden nicht angenommen. Jedes Jahr ist es wiederholt ein Thema in allen Zeitungen: Die Piazza sollte endlich neu strukturiert werden. Alle sprechen sich für meinen Entwurf aus, aber es bewegt sich nichts. Es gab auch ein Projekt für das Gemeindehaus von Locarno an der Piazza. Ich wurde aufgefordert, auch hierfür einen Entwurf zu liefern. Bis heute hat die Stadt mir jedoch nicht einmal das Honorar für die Planung zur Umgestaltung der Piazza bezahlt. Darum habe ich zum Bürgermeister gesagt: «Gut, Sie wollen diese 25 000 Franken nicht zahlen. Ich gebe Ihnen zwei Möglichkeiten: Entweder Sie zahlen die Summe oder Sie laden mich zu einem Kaffee Crème für zwei Franken ein und ich ziehe mich zurück.» Er hat beides nicht gemacht. Vor der letzten Wahl haben sie mich dann wieder angefragt, weil sie mit der Neugestaltung der Piazza Grande anfangen wollten. Ich sagte: «Ich fange nicht an, auch wenn Sie das jetzt wollen. Ich will, dass Sie mir zuerst mein Honorar bezahlen.» Die neue Bürgermeisterin dachte, sie wählt kurzerhand die für sie günstigere Variante und sagte: «Kommen Sie, ich lade Sie sofort zu einem Kaffee ein.» « Nein, nein», habe ich gesagt, «vorher möchte ich, dass es eine Gemeindesitzung gibt, auf der offiziell beschlossen wird, dass Sie mir für dieses Projekt zwei Franken Honorar zahlen.»

 

Livio Vacchini ist es besser ergangen in Locarno.

Ja, denn er hat immer seine Chancen im Wettbewerb gehabt. Fast alle seine Projekte waren gewonnene Wettbewerbe. Er hatte viele erste Preise. Und er konnte diese auch bauen. Ich konnte meine ersten Preisen nie umsetzen. Das ist der Unterschied: Er hat mehr Glück gehabt.

 

Für Sie ist sein Tod sicherlich ein grosser Verlust.

Für mich war es der grösste Verlust meines Lebens. Man erwartete viel von ihm. Für mich war er einer der interessantesten Architekten in Europa, auch mit seinem theoretischen Ansatz. Er war sehr sehr wichtig; ein grosser Verlust auch für Locarno.

 

Tendenza

Was ist aus Ihrer Sicht aus der bekannten Tessiner Tendenza geworden, der Tessiner Schule? Unter diesem Begriff ist die Tessiner Architektur weltbekannt geworden. Hat die Tendenza heute noch eine Bedeutung?

Von einer Tessiner Schule zu sprechen ist, glaube ich, nicht ganz korrekt. Es hat nie eine Tessiner Schule gegeben. Es gab eine Gruppe von Leuten, die viele Kämpfe bezüglich der Landschaftsschutzgesetze, des Wettbewerbswesens und des Architekturverständnisses im Allgemeinen ausgetragen haben. Und darin waren sie auch erfolgreich. Und wir waren uns damals sehr einig. Es war aber keine Schule. Es gab auch keine Manifeste – eine Schule hat das für gewöhnlich. Wir waren uns von Anfang an einig, aber jeder hat sich allein durchgesetzt. Vacchini ging seinen Weg, ich ging meinen. Es gab eigentlich keine Gruppe im engeren Sinn. Obwohl damals alle mit allen gearbeitet haben. Ich habe mit Livio Vacchini gearbeitet, mit Mario Botta, mit Tita Carloni. Es gab diese Mischung, aber von Schule zu sprechen ist eigentlich falsch.

 

Würden Sie jedoch im Rückblick sagen, dass sie viel erreicht hat für das Tessin – diese Gruppe, die eigentlich nicht existiert hat?

Ja. Doch heutzutage ist die Situation total verändert. Diese Gruppe existiert nicht mehr. Man hat heute fast nichts mehr zu sagen. Es wurden immer von verschiedenen Schweizer Gruppen Impulse gegeben. Ernst Gisel und Atelier 5 waren für uns grosse Vorbilder, die wir geachtet haben. Danach kamen die Welschen und danach die Tessiner Architekten. Nun sind es die Deutschschweizer und die Bündner, die Akzente setzen. Aber ich denke, dass auch heute noch ein Potenzial besteht dass aus dem Tessin Impulse für die Architektur ausgehen. Die hier entwickelten Gedanken über Architektur haben noch Zukunft. Mehr als die Deutschschweizer Richtung derzeit, denn wir sind internationaler ausgerichtet. Heute arbeiten fast alle sehr mit dem immagine; das Bildhafte ist sehr wichtig geworden, es soll sofort erregen. Wir gehen in die andere Richtung. Generell wird die Tendenza bis heute international wahrgenommen. Ich werde oft nach Deutschland, Holland oder Afrika eingeladen für Seminare und Ähnliches. Im Ausland spielen ihre Ansätze noch eine wichtigere Rolle als hier.

 

Wenn die Tendenza nicht aus Individualisten bestanden, sondern stärker als Gruppe agiert hätte, manifesthafter gewesen wäre, wäre sie dann noch erfolgreicher gewesen?

Ja, vielleicht. Oder vielleicht doch nicht. Die Interessen dieser Gruppe waren zu vielseitig. Dennoch gab es Prinzipien, die für alle gültig waren: Der Bezug zur Natur und zur Landschaft war wichtig, da waren wir uns einig. Aber was die architektonische Richtung betrifft, in die es gehen sollte – da waren wir total verschieden. Vacchini zum Beispiel hatte eine klare Haltung: Ein Gebäude muss perfekt sein. Er war dabei ein antikontextueller Architekt. Er sagte: «Ich mache den Kontext.» Sehen Sie nur einmal die Fotos in seinen Büchern an. Was ringsherum steht, wird nie gezeigt. «Was drumherum ist, versteht man über meine Architektur.» Ich hingegen bin ein sehr kontextueller Architekt – mein Ansatz ging vom Kontext aus. Das sind zwei total verschiedene Richtungen. Interessant war dennoch, dass sich die Resultate sehr nahekamen.

 

Sie haben seinerzeit Antworten auf die Frage gefunden, wie die Moderne weiterzudenken ist, indem Sie mehr auf den Kontext eingegangen sind und bei Entwürfen Bezüge sowohl in der Stadt als auch zur Natur gesucht haben – vergleichbar mit der Gruppe der New York Five.

Sie haben etwas Ähnliches versucht. Auch sie haben vom Modernen Bauen die Sprache übernommen und in ihren Konzepten weitergeführt. Aber die Art, wie sie dann gestaltet haben, war eine total andere. Das ist der Unterschied.

 

Angeeckt

Haben Sie noch vor, in Locarno etwas zu bauen?

Die Piazza Grande – das ist immer noch offen. Darüber hinaus baue ich in Locarno nicht einmal mehr einen Heuschuppen.

 

Aber Sie gelten als der Grandseigneur der Architektur – nicht nur in Locarno. Trotzdem gibt man Ihnen keinen Auftrag.

Nein, das bin ich nicht. In Locarno bin ich niemand. Wenn ich jemand wäre, würden sie mich für Bauaufgaben fragen. Aber sie fragen mich nicht einmal. Manchmal kommt ein Journalist wie Sie, das ist es schon. Aber das sind grosse Ausnahmen.

 

Woran liegt das?

Ich glaube, das geht bereits auf meine Zeit als Berufsanfänger zurück, als ich politisch sehr engagiert war. Das hat die Verantwortlichen sehr gestört. Ich habe wohl damals ein Etikett bekommen, das ich nicht mehr loswerde.

 

Aber die Entscheidungsträger von damals sind gar nicht mehr im Amt, die haben Sie doch alle überlebt.

Ja, aber meine Person ist offensichtlich gestempelt. Es ist nichts mehr zu machen. Mein Image ist der Grund, warum ich so viele Schwierigkeiten habe.

 

Aber es gibt Ihnen auch eine gewisse Freiheit.

Ja, das schon, ich beklage mich auch nicht. Ich bin das so gewohnt.

 

Das Buch Architekturdialoge wurde 2011 von Marc Angélil und Jørg Himmelreich am Departement Architektur der ETH Zürich herausgegeben und umfasst 30 Interviews mit namhaften Schweizer Architekt*innen. Die Ausgabe in Deutsch ist vergriffen; die englische Version ist aber noch beim Niggli Verlag erhältlich. Eine Auswahl der Interviews wurde zudem 2009 bis 2011 in archithese veröffentlicht. Die lebendigen Fotos von Christian Aeberhard zeigen die Architekturschaffenden an den Orten, wo sie leben und arbeiten.

 

> 2018 erhielt Luigi Snozzi den Prix Meret Oppenheim für seinen kritischen Blick auf Bedingungen und Grenzen des Architekturberufs.

> In archithese 1986.2 Beton sprach Luigi Snozzi mit Aurelio Galfetti und Livio Vacchini über Beton.

> In archithese 1984.3 Ort schrieb Snozzi über seine Suche nach Stille.

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