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Absenz und Erinnerung

Im Museum Belvedere 21 in Wien wird am 7. März 2018 eine Ausstellung über Rachel Whiteread eröffnet. Sie zeigt einen umfassenden Querschnitt durch das Œuvre der renommierten britischen Künstlerin. Ihre Arbeiten sind von einem steten Memento mori geprägt und diskutieren Themen wie Absenz, Erinnerung und Leere.

 

Text: Cyrill Schmidiger – 23.2.2018

 

Mehrfach codiert
Whiteread schafft Abgüsse aus alltäglichen Objekten wie Möbeln oder sogar ganzen Häusern. Sie muten vertraut und ruhig an. Weil diese Skulpturen aus Negativformen resultieren, entfalten sie eine irritierende Wirkung und fordern unsere Wahrnehmung heraus. Trotz einer gewissen Strenge sind die Arbeiten sinnlich. Und ebenso vermitteln sie ein Gefühl von Abwesenheit und Verlust: Die Kunstwerke aus Materialien wie Gips, Beton, Harz, Gummi, Metall oder Papier nehmen sich der Dualität des Raumes an – dem Positiv und Negativ – und lassen die dargestellten Dinge in einem neuen Licht erscheinen.
Das Schaffen der Bildhauerin kreist um essenzielle Themen wie Essen, Wohnen und Erinnerung, aber auch Intimität, Öffentlichkeit und Tod. Gerade das menschliche Ableben ist ein wiederkehrendes Motiv: Der Abguss einer Badewanne erinnert an die Form eines ägyptischen Sarkophags, der eines Tisches an ein Mausoleum. Die teils gespenstische Erscheinung wird von einem verführerischen, aber flüchtigen Glanz durchbrochen. Internationale Resonanz verschaffte sich Whiteread mit der Arbeit Ghost (1990), dem Abguss des Inneren eines britisch-viktorianischen Wohnzimmers. Für die Skulptur House (1993) wurde sie mit dem renommierten Turner-Preis geehrt: Die Künstlerin goss ein komplettes Reihenhaus im Londoner Stadtteil East End in Beton. 1994 wurde die Skulptur wieder zerstört, weil sie einem Park weichen musste.

 

Facettenreiche Schau
Erstmals überhaupt zeigt ein Museum in Österreich einen umfassenden Querschnitt durch das Whitereads Schaffen. Mit rund 70 Werken spannt die Ausstellung im Belvedere 21 einen Bogen von den frühen Arbeiten der 1980er-Jahren bis hin zu neuen Reliefs aus Papiermaschee. Zu sehen sind unter anderem Abgüsse von Schachteln, Fenstern, Türen oder ganzer Räume – etwa Closet und Mantle (beide von 1988) oder Untitled (Twenty-five spaces), 1995. Einen Schwerpunkt legt die Schau auf das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah. Es wurde im Jahr 2000 auf dem Judenplatz in Wien enthüllt und orientiert sich durch die streng geometrische Anordnung an den umgebenden Häuserfassaden. Präsentiert wird auch Untitled (Room 101) aus dem Jahr 2003. Dabei handelt es sich um den Abguss eines Raumes im ehemaligen Gebäude von BBC. George Orwell, der während des Zweiten Weltkrieges beim britischen Sender arbeitete, soll ihn als Vorlage für die gleichnamige Folterkammer in seinem Roman 1984 verwendet haben. Das Buch warnt vor Totalitarismus und dem Verlust der Menschlichkeit. «Sieht man Whitereads Untitled (Room 101) im Kontext ihrer anderen monumentalen Werke wie Ghost, House oder dem Wiener Holocaust-Mahnmal, so eröffnen sich in ganzer Schärfe die politischen, sozialen, biografischen und ethischen Dimensionen ihrer Kunst», meint Harald Krejci, Kurator der Ausstellung.

 

Vorbote im Schlosspark
Seit dem 2. Februar 2018 steht im Pfirsichgarten des Oberen Belvederes bereits ein Innenabguss eines typischen englischen Hühnerstalls. Er bildet den Auftakt zur kommenden Ausstellung. Die Künstlerin arbeitet seit einigen Jahren an einer neuen Serie von Hütten und kleinen Häusern. Eine dieser Arbeiten wurde eigens für die Ausstellung in Wien erstellt: Der Chicken Shed ist der Abguss eines Stalls, der ursprünglich in Norfolk stand.

 

Die Ausstellung Rachel Whiteread ist vom 7. März bis zum 29. Juli 2018 im Belvedere 21 in Wien zu sehen.

 

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> Gordon Matta-Clarks ruinöse Skulpturen dienen als Inspirationsquelle für zeitgenössische Kunst und Architektur.

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